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Anschlag am Frankfurter Flughafen Der vernetzte Einzeltäter

03.03.2011 ·  Attentäter Arid U. pflegte gute Kontakte zu fanatischen Muslimen in Deutschland. Dennoch fiel der Attentäter aus Frankfurt-Sossenheim durch sämtliche Raster der deutschen Sicherheitsbehörden. Wie konnte das passieren?

Von Katharina Iskandar und Tobias Rösmann
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Als Attentäter Arid U. am späten Mittwochabend seine Aussage macht, ist er plötzlich wieder der unscheinbare junge Mann. Anfang 20, dunkle kurze Haare, schmales Gesicht. Nur wenige Stunden ist es her, dass er vor dem Terminal 2 des Frankfurter Flughafens einen Bus der amerikanischen Streitkräfte abgepasst, zwei Soldaten erschossen und zwei weitere schwer verletzt hat. Er sagt, er habe Videos von „Greueltaten“ der Amerikaner gesehen. Die Bilder motivierten den radikalisierten Muslim offenbar zu seiner Bluttat. Am Morgen danach sprechen die Sicherheitsbehörden davon, dass dies der erste bis zum Ende geführte Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Deutschland war.

Dass es einen solchen Hintergrund gibt, hatten die Ermittler kurz nach der Tat zunächst lediglich vermutet. Arid U. zählte nicht zum Kreis jener jungen Männer, die in den Akten der Polizei als „Gefährder“ geführt wurden. Er tauchte nicht in den Berichten der Sicherheitsbehörden auf. Er besuchte regelmäßig eine Moschee, galt aber nicht als verdächtig. Der junge Mann aus dem Frankfurter Westen war offenbar durch das Raster gefallen.

„Der war total nett und sehr, sehr zurückhaltend“, sagt eine Nachbarin, „aber ein bisschen psycho.“ Sie wohnt wie Arid U. und dessen Familie in einem von sieben Hochhaustürmen im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Die Fassaden der Häuser bestehen aus Waschbetonplatten, von den kleinen Balkonen hängen Teppiche, Bettzeug und Kleidungsstücke herab. Fast für jede Wohnung gibt es eine Satellitenschüssel. Das Klingelschild von Hausnummer 6 hat 31 Namen. Die meisten Namen sind nichtdeutscher Herkunft. Die Polizei hatte noch am Mittwochabend die Wohnung der fünfköpfigen Familie, die aus dem Kosovo stammt, durchsucht. Die Beamten beschlagnahmen Computer und andere Speichermedien.

Seitdem arbeiten die Ermittler rund um die Uhr. Inzwischen weiß man, dass Arid U. Kontakt hatte zu mehreren islamischen Predigern aus dem Raum Frankfurt. Unter anderen zu Sheik Abdellatif – jenem Mann mit marokkanischen Wurzeln, der erst vor einer Woche in seiner Frankfurter Wohnung festgenommen worden war. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden ist er einer der wichtigsten salafistischen Prediger in Deutschland. Insider nennen ihn einen „Rattenfänger“, weil er mit seiner scheinbar fürsorglichen Art vor allem junge Muslime anspricht. Sheik Abdellatif organisiert für sie Fußballturniere und gesellige Treffen und lockt sie so in seine Seminare. Dort lassen sich die jungen Männer dann nach und nach von den radikalen Ansichten des Predigers gefangennehmen. Möglicherweise auch Arid U.

„Facebook“-Seite als wichtiges Indiz

Der Sheik gilt als gefährlich. Polizei und Staatsanwaltschaft werfen ihm vor, junge Männer „für den Dienst in einer militärischen oder militärähnlichen Einrichtung“ angeworben zu haben. Gemeint ist: Abdellatif wollte die Männer in Terror-Camps schicken. Zum Kreis seiner Anhänger zählt etwa der Frankfurter Student Haddid N., der am 8. Januar 2011 in Afghanistan im Haus seines Vaters von amerikanischen Soldaten festgenommen worden war. Dem Vernehmen nach wollte sich Haddid N. in ein Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet begeben.

Die Moschee, in der Abdellatif predigt, ist ein unscheinbares Haus in einem Wohngebiet im Frankfurter Stadtteil Ginnheim. Die Fassade sieht aus wie die eines Friseurladens oder einer Bäckerei. Große Schaufenster, die jedoch mit grünen großflächigen Folien zugeklebt sind. Es befindet sich kein Schriftzug am Gebäude. Nur ein Schild: „Keine Schuhe auf der Treppe!!“ Wie oft Arid U. dort ein- und ausging, versuchen die Ermittler derzeit zu klären. Auch, ob es noch weitere Kontakte zu islamistischen Predigern und Führungspersonen gibt.

Von Interesse für die Ermittler ist auch eine „Facebook“-Seite, die unter dem Namen „Abu Reyyan“ geführt wird. Die Seite war am Mittwochabend noch einsehbar. Am Donnerstagvormittag wird sie gesperrt. Sie gilt den Sicherheitsbehörden als wichtiges Indiz bei den Ermittlungen. Wie sich herausstellt, ist die Seite diejenige von Arid U. Erst seit kurzem wird sie unter dem Namen „Abu Reyyan“ geführt – ein Kampfname, wie die Ermittler später herausfinden. „Abu Reyyan“ soll „drängender Vater“ heißen.

Keiner Gruppierung zuzuordnen

In der „Freundesliste“ auf der „Facebook“-Seite tauchen viele Namen auf, die den Sicherheitsbehörden in der Mehrzahl bekannt sind. Unter anderem ist dort auch Abdellatif aufgeführt – ebenso auch Abu Bilal, ein weiterer Frankfurter Prediger, der in der Vergangenheit in seinen Reden vor allem die in Deutschland lebenden Imame angegriffen hat und den in Deutschland praktizierten Islam für verweichlicht hält. Abdellatif und Abu Bilal gehören der „Dawa“ an, einer Gruppe, die in Frankfurt verankert ist.

Aber auch der Name Pierre Vogel taucht auf – das ist ein Konvertit, der ebenfalls für seine radikale Gesinnung bekannt ist und im Fokus der Sicherheitsbehörden steht. Dessen Name wiederum führt zu dem Verein „Einladung zum Paradies“. Die beiden Vereine „Dawa“ und „Einladung zum Paradies“ sollen sich in der Vergangenheit nicht gerade freundschaftlich gegenübergestanden haben.

Das Bild, das sich aus den Kontakten des Attentäters ergibt, lässt die Ermittler vermuten, dass Arid U. keiner dieser beiden Gruppen zuzuordnen ist – und auch sonst keiner Gruppierung. Er sei ein Einzelgänger gewesen, heißt es aus Sicherheitskreisen. Eine junge Frau, die in der Erdgeschosswohnung gegenüber der Familie U. in Frankfurt-Sossenheim wohnt, sagt: „Der hatte keine Freunde.“ Nur mit einem anderen jungen Muslim aus dem dritten Stock habe er regelmäßig „abgehangen“. Doch der Mann, der „Rami“ geheißen habe, sei im vergangenen Jahr auf einmal verschwunden gewesen.

„Was, hier nebenan?“

„Rami“ ist der Polizei seit langem bekannt. Er war schon vor etwa zwei Jahren in den Fokus der Ermittler geraten. Offenbar wollte der Deutsch-Syrer ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, vermutlich, um ein Ausbildungslager für Terroristen zu besuchen. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Rami M. verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängnis.

Dass Arid U. gläubiger Muslim ist, war in seinem Umfeld bekannt. Ebenso ist die Rede von Verbindungen nach Hamburg. Dort soll er sich mehrmals aufgehalten haben – und in der Hansestadt ebenfalls Kontakt zu islamistischen Kreisen gesucht haben.

Die Nachbarn sind von der Tat überrascht. „Was, hier nebenan?“, fragt eine Frau aus Serbien, als sie hört, dass im Nachbarhochhaus der Attentäter gelebt hat. Die Serbin wohnt seit 42 Jahren in Deutschland; vor drei Jahren hat sie mit ihrem Mann eine 57-Quadratmeter-Wohnung im Hochhaus mit der Nummer 8 gekauft. Sie ist hier eine Ausnahme: Die meisten Wohnungen, so erzählt sie, seien Sozialwohnungen. „Die Mieter wechseln ständig.“

Die Waffe illegal beschafft

Der Tathergang ist inzwischen weitgehend rekonstruiert. Demnach hat Arid U. dem Bus mit etwa einem Dutzend amerikanischen Militärpolizisten vor einem öffentlich zugänglichen Terminal des Frankfurter Flughafens aufgelauert. Er sprach einen der Soldaten an, um sich zu vergewissern, dass es sich bei den in Zivil gekleideten Männern tatsächlich um amerikanische Soldaten handelt. Ohne Warnung zog er eine Neun-Millimeter-Pistole der Marke „Fabrique National“ und eröffnete das Feuer. Die in Belgien gefertigte Waffe hatte er sich illegal beschafft.

Zuerst erschoss Arid U. den Soldaten, den er gefragt hatte. Anschließend feuerte er auf den uniformierten Busfahrer, der die Soldaten zum amerikanischen Stützpunkt im rheinland-pfälzischen Ramstein bringen sollte. Danach schoss er weiter und verletzte zwei weitere Männer. Anschließend flüchtete er in das Terminal des Flughafens, wo er kurze Zeit später von Beamten der Bundespolizei überwältigt wurde.

Zuletzt am Frankfurter Flughafen beschäftigt

Arid U. ist im nördlichen Kosovo in der Stadt Mitrovica geboren. Als Kleinkind kommt er mit seinen Eltern nach Deutschland. In Frankfurt lebt er seit fast 20 Jahren. In der Sossenheimer Wohnung lebte er mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern; einer soll zwölf Jahre alt, der andere 25 Jahre alt sein. In der Schule fällt Arid U. nicht weiter auf. „Der war nicht blöd, der war ein gebildeter Junge“, sagt eine Nachbarin. Er macht Abitur. Danach nimmt er Gelegenheitsjobs an. Zuletzt war er am Frankfurter Flughafen beschäftigt. Und das erst seit wenigen Wochen.

Ob er sich die Arbeitsstelle im dortigen Internationalen Postzentrum ausgesucht hat, um ungestört den Flughafen als potentiellen Anschlagsort auskundschaften zu können, wissen die Sicherheitsbehörden noch nicht. Die Ermittler schließen aber nicht aus, dass er durch seine Tätigkeit bei der Post erst auf die Idee gekommen ist, am Flughafen einen Anschlag zu verüben. Denn sein Arbeitsplatz gilt nicht als sicherheitsrelevanter Bereich. Das macht einen solchen Anschlag zumindest einfacher. Als nicht ausgeschlossen gilt aber auch, dass Rami M. eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte. Möglicherweise hat er Arid U. sogar die Kontakte in die islamistische Szene vermittelt.

Arid U. soll innerhalb weniger Monate radikal geworden sein. Wahrscheinlich, so vermuten die Ermittler, hatte er am Mittwochnachmittag die Absicht, noch mehr Menschen zu töten. Doch seine Pistole hatte Ladehemmung.

Die Kosovo-Albaner: Formal islamisch, betont laizistisch und proamerikanisch

Etwa neunzig Prozent der Bevölkerung des Kosovo, vermutlich sogar mehr, bekennen sich formal zum Islam. Nur eine kleine Minderheit der Kosovo-Albaner sind Katholiken, außerdem gibt es die orthodoxen Serben. Über die tatsächliche Bedeutung des Islam im Kosovo sagen diese Zahlen aber nur wenig. „Die Religion der Kosovo-Albaner ist das Albanertum“, lautet ein oft zitierter Ausspruch, der die Sache auf den Punkt bringt. Im Alltagsleben oder gar in der Politik spielt der Islam nur eine untergeordnete Rolle. Eine Partei, die die Scharia einführen wollte, hätte nicht den Hauch einer Chance, die Sperrklausel zum Parlament zu überwinden. Die kosovarische Führungselite gibt sich betont laizistisch. Mit islamistischen Parolen kann kein Politiker erfolgreich auf Stimmenfang gehen.


Das ist zwar nicht der wichtigste, aber doch auch ein Grund dafür, dass viele vom Islam geprägte Staaten die Unabhängigkeit des Kosovo bisher nicht anerkannt haben oder lange damit zögerten. So wartet die ehemalige Provinz Serbiens bis heute vergeblich auf die Anerkennung durch Pakistan, Iran, Ägypten oder Indonesien. Abgesehen von dem völkerrechtlichen Aspekt, liegt ein weiterer Grund für diese Zurückhaltung in der extrem pro-amerikanischen Stimmung der albanischen Bevölkerung des Kosovo.


Dass es in Prishtina einen Bill-Clinton-Boulevard gibt, ein George-Bush-Denkmal nicht allzu lang auf sich warten lassen wird und an Feiertagen neben albanischen auch viele amerikanische Flaggen geschwenkt werden, ist kein Zufall. Die Kosovo-Albaner wissen, dass nicht nur die Vertreibung des serbischen Militärs, sondern auch die Eigenstaatlichkeit ihrer Heimat vor allem Washington zu verdanken ist. Deshalb schlägt den Amerikanern auf dem Amselfeld bis heute große Dankbarkeit entgegen. Das könnte sich zwar ändern, wird aber mindestens eine Generation dauern. Das außenpolitische Fernziel des Kosovos ist eine Mitgliedschaft in der EU bei möglichst enger Anbindung an die Vereinigten Staaten. Zur Türkei, die in jüngster Zeit eine aktivere Balkanpolitik betreibt und damit zumindest in Bosnien teilweise Erfolg hat, hält man eher Distanz. Dass der albanische Nationalheld Skanderbeg, dessen Denkmal in Tirana und Prishtina steht, im 15. Jahrhundert der hartnäckigste Kämpfer gegen das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan war, gehört zu den jedem Schulkind bekannten historischen Tatsachen, die auch im Gespräch mit westlichen Ausländern gern erwähnt wird. (tens.)

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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