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Anschläge in Sachsen : „Aus Verzweiflung wird verbrecherische Gewalt“

Demonstrationen vor einigen Wochen in Bautzen Bild: AP

Mit dem Finger auf Sachsen zeigen, damit die eigenen Probleme kleiner erscheinen: Teile der Bevölkerung im Osten hätten sich radikalisiert, weil sie mit Anschlägen ein Gespräch erzwingen wollen, sagt die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau im FAZ.NET-Gespräch.

          Antje Hermenau, 1964 geboren in Leipzig, hat die Grünen im Osten mitgegründet, saß für sie im Landtag und im Bundestag – inzwischen hat sie die Partei verlassen. Sie könne jetzt über alles frei reden und Probleme benennen, sagt sie gerne. Hermenau arbeitet jetzt als Unternehmerin und Kommunikationsberaterin in Dresden, zuletzt ist ihr Buch „Die Zukunft wird anders“ erschienen. Die ehemalige Politikerin ist viel in ihrer Heimat unterwegs und spricht mit Menschen; zuletzt, als sie bei einer Veranstaltung der AfD aufgetreten ist. Hermenau versteht den Osten und kann die Ereignisse dieser Woche erklären: Weite Teile der sächsischen Bevölkerung fühlen sich missverstanden und unter Druck gesetzt. Es handele sich um ein tiefgreifendes Verständigungsproblem zwischen Ost und West, sagt Hermenau im FAZ.NET-Gespräch.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Frau Hermenau, diese Woche gab es in Dresden zwei Brandanschläge. Vorher in Bautzen, Heidenau und Clausnitz. Was ist mit Sachsen los?

          Es gibt in Sachsen eine statistische Häufung von Brandanschlägen und Übergriffen auf Flüchtlinge. Zu einem Teil handelt es sich aber offenbar um eine Perspektive von Journalisten, die die Orte im Osten wahrscheinlich nicht kennen und bei den Lesern oder Zuhörern das auch so voraussetzen. Daher scheint die Nennung des Landes unumgänglich. Inzwischen ist es ein verfestigtes Muster: Naja, mal wieder die Sachsen. Wenn dagegen woanders ein Flüchtlingsheim brennt, kennt man die Orte offenkundig, dann muss man den Lesern das nicht einordnen, dann kommt nicht ein ganzes Bundesland in Verruf. Die Methode, immer mit dem Finger in den Osten zu zeigen, führt auch dazu, dass in anderen Bundesländern alle aufatmen und sagen: Bei uns ist es nicht ganz so schlimm. Die öffentliche Meinung geht dahin zu glauben, nur in Sachsen müsste sich etwas verändern. Und die Menschen hier denken: „Ach, und die anderen haben keine Probleme?“ Sie ziehen sich in eine relativ naive Trotzhaltung zurück. Natürlich ist das angesichts des Ernstes der Lage viel zu wenig.  

          Wie kommt es denn aus Ihrer Sicht zu der „statistischen Häufung“ der Übergriffe?

          Wir müssen einen Schritt zurücktreten. Es hat etwas mit der Geschichte und Struktur des Landes zu tun. Nehmen Sie Dresden als Beispiel: Das ist eine konservative Stadt, das war sie immer. Hier leben viele Menschen, die auch in Westdeutschland als konservativ bezeichnet werden würden. Das sind Handwerksmeister und Arbeitgeber, die ihren Leuten mehr Geld zahlen als sie selbst entnehmen, damit das Unternehmen läuft. Das sind Leute, die einen Parkschein ziehen, bevor sie ihr Auto parken, um zur Pegida-Demo zu gehen. Wenn sich etwas verändert, gilt das per se eher als schlecht. Es gibt hier, über alle Gesellschaftsschichten hinweg, eine gewisse Fremdenfeindlichkeit. Sie ist tief verankert. Und es gibt ein Aufarbeitungsproblem: In der DDR waren Nazis verboten, aber sie wurden nicht bekämpft. Man hat sich ihnen intellektuell nicht gestellt. Danach wusste man nicht so recht, wie man mit ihnen umgeht. Das ist der eine Teil. Der andere hat etwas damit zu tun, dass viele Sachsen sich gefühlsmäßig auch zu Osteuropa zählen. Das verstehen die meisten Westdeutschen nicht. Selbst die Leipziger tun sich da schon schwer.

          Ich komme selbst aus dem tiefsten Westen, bitte erklären Sie es mir. 

          Es gibt in Osteuropa zwei parallel laufende Prozesse. Das ist die Emanzipation vom kritiklosen Anschluss an den Westen Europas, den viele seit den 1990er Jahren durchgemacht haben. Man wollte ja unbedingt dazu gehören. Aber die EU wirkt nicht mehr handlungssicher und berechenbar. Da will man lieber sein eigenes Ding machen. Der zweite Punkt ist, dass die Osteuropäer, jetzt, da sie integriert sind, mitgestalten und mitbestimmen wollen. Man will nicht alles übernehmen. Das muss manches neu ausgehandelt werden.

          Worin sehen Sie die Verbindung Sachsens zu Osteuropa? 

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