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Annette Schavan unter Druck „Kein Zufall, kein Irrtum, sondern Absicht“

Einst brachte sie Guttenberg zu Fall, als sie sich öffentlich schämte. Jetzt sieht sich Bildungsministerin Annette Schavan selbst Plagiatsvorwürfen ausgesetzt.

© dpa Annette Schavan

Um das Gewissen geht es. Um jenen Teil unseres Selbst, der uns sagt, was wir für gut und was für böse halten, was wir tun und was wir lieber lassen sollten. Woher kommt unser Gewissen? Aus der Gesellschaft, von unseren Eltern, aus dem Strafgesetzbuch, von uns selbst, von Gott? Im Jahre 1980 wurde an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf eine Doktorarbeit eingereicht, die sich mit derlei Fragen beschäftigte: „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ lautete ihr Titel. Geschrieben hatte sie in dreijähriger Arbeit eine Studentin der Theologie, Erziehungswissenschaften und Philosophie. Ihr Name: Annette Schavan.

Die Arbeit wurde mit „magna cum laude“ angenommen, der zweitbesten Beurteilung für Doktorarbeiten. Es war also eine ordentliche, aber keine hervorragende Arbeit, keine, von der bedeutende wissenschaftliche Impulse ausgingen. Sie erschien in einem winzigen Verlag, der dazu gegründet worden war, Doktorarbeiten zu drucken. Die 25 Jahre alte Doktorandin hatte ihre Arbeit auf ihrer Schreibmaschine getippt, anderthalb Jahrzehnte vor Computer, Internet und „Copy&Paste“. Sie hatte mit einem Zettelkasten gearbeitet, mit Karteikarten, auf denen sie Stellen aus der Literatur exzerpierte, die sie für wichtig hielt. Exzerpieren - das heißt, wörtlich oder leicht verändert abschreiben, mit Angabe der Quelle. Mit 351 Seiten hatte die Arbeit einen beachtlichen Umfang. Sie habe ihr Thema damals „sehr genau bearbeitet“, sagt die Verfasserin heute.

Die Ministerin blieb eher blass

Nach der Promotion machte die junge Frau keine wissenschaftliche, aber eine wissenschaftsnahe Karriere. Für eine Weile war sie Leiterin des Cusanuswerks, das für die katholische Kirche Stipendien an Studenten vergibt. Dann ging sie in die Politik. Sie wurde Kultusministerin, zuerst in Baden-Württemberg, dann Bundesministerin für Bildung und Forschung. In anderen Ressorts kamen und gingen die Minister, Schavan behielt ihren Posten. Ihr Etat wuchs, während alle anderen schrumpften. Bildung und Forschung galten als Zukunftsthema. Trotzdem blieb die Ministerin eher blass, Schlagzeilen machte sie eigentlich nie. Sie galt als langweilig, aber seriös. Als redlich.

Zu ihrem Doktortitel gesellten sich vier Ehrendoktorwürden: von den Universitäten Kairo, Tonji, Meiji und Jerusalem. Ein sechster Titel stand in Aussicht: Im April hatte ihr die Universität Lübeck, die wegen der Sparanstrengungen der Landesregierung um ihre Existenz fürchtete, die Ehrendoktorwürde verleihen wollen. Vor zwei Jahren hatte die Ministerin die Schließung des Medizinstudiengangs durch Zuschüsse des Bundes verhindert. Nach Protesten - die SPD monierte den Zeitpunkt unmittelbar vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein - war die Ehrung aber um ein Jahr verschoben worden.

Die Ministerin bekam auch eine Honorarprofessur für Theologie an der Freien Universität Berlin. Und wer sie über ihre Seminare sprechen hörte, bekam den Eindruck, dass das ihre wahre Leidenschaft ist - der intellektuelle Austausch, die Lehre, der Kontakt mit Studenten und Doktoranden.

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