06.08.2007 · Bildung ist wieder in aller Munde. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) über einheitliche Schulbücher, Mängel bei der Lehrerausbildung, Studienabbrecher und Fachkräfte aus dem Ausland.
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) über einheitliche Schulbücher, Mängel bei der Lehrerausbildung, Studienabbrecher und Fachkräfte aus dem Ausland.
Frau Schavan, seit Tagen bestimmen Sie die Nachrichten in Deutschland. Sind Sie der neue Star im Kabinett?
Ich freue mich natürlich, wenn Bildung in Deutschland endlich wieder in aller Munde ist. Bildung ist entscheidend für die Zukunftschancen der jungen Generation. Deshalb ist es gut, wenn Bildung öffentliches Interesse findet.
Als Kultusministerin in Baden-Württemberg haben Sie sich dafür eingesetzt, dass Bildung Ländersache bleiben muss. Nun fordern Sie einheitliche Schulbücher. Woher dieser Sinneswandel?
Das ist kein Sinneswandel. Ich bin eine überzeugte Föderalistin und werde es auch bleiben. Unsere Schulen entwickeln sich vor allem vor Ort. Lehrerinnen und Lehrer brauchen Freiraum. Klar ist aber auch: Wo die Vielfalt wächst, müssen Bildungsstandards gelten. Für diese habe ich mich vor fünf Jahren in der Kultusministerkonferenz eingesetzt, und für die Umsetzung plädiere ich heute. Eltern müssen gewiss sein können, dass hinter der Vielfalt der Schulkonzepte vor Ort vergleichbare Bildungsstandards gelten und Mobilität möglich ist. Eine Absprache der Länder über gemeinsame Schulbücher ist eine mögliche Konsequenz umgesetzter Bildungsstandards.
Wo klemmt es noch?
Etwa die Lehrerausbildung: Wir müssen es in Deutschland endlich schaffen, dass Lehrer, die in einem Bundesland ausgebildet sind, ohne Schwierigkeiten auch in einem anderen unterrichten können. Hinzu kommt der europäische Aspekt: Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft haben wir darüber gesprochen, dass junge Leute einen Teil ihrer Berufsausbildung künftig auch in einem anderen EU-Land absolvieren. Wenn wir eine solche Mobilität in Europa wollen, brauchen wir sie zunächst in Deutschland.
Für Ihren Vorstoß sind Sie aus den Bundesländern heftig kritisiert worden.
Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich, aus einigen Ländern habe ich auch Zustimmung bekommen. Manche haben mich einfach missverstanden: Einheitliche Schulbücher bedeuten nicht Einheitsschule und auch nicht die Abschaffung des Schulbuchmarktes in Deutschland.
Im nächsten Schritt fordern Sie eine nationale Qualifizierungsinitiative. Was soll das sein?
Da geht es vor allem um mehr Fachkräfte in Deutschland. Der Bedarf an Fachkräften wird in Zukunft stark steigen. Auf der Kabinettsklausur Ende dieses Monats werden wir dazu Eckpunkte verabschieden. Ende Oktober gibt es dann eine Kabinettsvorlage. Wir wollen, dass jeder Jugendliche in Deutschland zukünftig die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommt. Längst wird spürbar, dass wir in den vergangenen Jahren zu wenig Fachkräfte ausgebildet haben. Ich meine aber auch, dass Deutschland attraktiv werden muss für Talente aus aller Welt.
Jeder zweite Studienanfänger bricht sein Studium ab. Sollte man das nicht erst einmal zu ändern versuchen, bevor man nach ausländischen Fachkräften ruft?
Auch das spielt eine Rolle: Klare Studienstrukturen, bessere Orientierung für Studierende sind ebenso notwendig wie ausreichende Investitionen der Länder in die Hochschulen. Übrigens beteiligt sich der Bund beim Hochschulpakt erheblich an der Finanzierung neuer Studienplätze. Wir müssen erreichen, dass mehr Studierende zu einem erfolgreichen Studienabschluss kommen. Aber das allein reicht nicht: Schon jetzt fehlen in Europa zwischen 500.000 und 700.000 Forscherinnen und Forscher. Alle EU-Länder machen sich Gedanken darüber, wie sie die besten Talente für sich gewinnen können. Und das sollten wir auch dringend in Deutschland tun!
Was genau schlagen Sie vor?
Ausländische Studierende sollten leichter als in der Vergangenheit auch nach Studienende bei uns bleiben und hier in ihrem Beruf arbeiten können. Ein erster Schritt dazu ist mit der Novellierung des Einwanderungsgesetzes getan. Nun prüfen wir, ob wir etwa bei Informatikern und Ingenieuren auf die individuelle Vorrangprüfung verzichten können. Zudem ist es gegenwärtig so, dass nur die ausländischen Fachkräfte in Deutschland arbeiten dürfen, die hier mehr als 85.000 Euro im Jahr verdienen. Ich habe vorgeschlagen, diese Grenze auf 60.000 Euro zu senken.
In Ihrer Partei sagen viele in der Fußballersprache: Bevor wir ausländische Stars einkaufen, sollten wir lieber unsere eigenen Leute ins Spiel bringen.
Dem stimme ich zu. Zunächst müssen wir in Deutschland mehr ausbilden und jungen Menschen verlässliche Perspektiven eröffnen. Aber: Die deutsche Bevölkerung nimmt in den kommenden Jahren weiter ab. Wenn wir den gegenwärtigen wirtschaftlichen Aufschwung fortsetzen und zudem ein Hochtechnologiestandort bleiben wollen, dann brauchen wir Fachkräfte aus dem Ausland. Zuwanderung von Topkräften aus dem Ausland einerseits und verlässliche Perspektiven für deutsche Talente schließen sich nicht aus.