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Annemarie Renger gestorben „Mit Geschick, Würde und Resolutheit“

Einst war sie die bekannteste deutsche Politikerin: Die frühere Bundestagspräsidentin Annemarie Renger ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die gebürtige Leipzigerin gehörte zum konservativen Flügel der Sozialdemokraten. Ihre politische Karriere begann unter dem früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Die frühere Bundestagspräsidentin Annemarie Renger

Die frühere Bundestagspräsidentin und SPD-Politikerin Annemarie Renger ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Eine entsprechende Meldung der „Leipziger Volkszeitung“ bestätigten SPD-Kreise am Montag in Berlin.

Die gebürtige Leipzigerin gehörte zum konservativen Flügel der Sozialdemokraten, arbeitete bis zum Tod des früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher als dessen Privatsekretärin und war von 1953 bis 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie war Bundestagspräsidentin von 1972 bis 1976 und danach 14 Jahre Vizepräsidentin des Parlaments. 1979 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin.

Annemarie Renger wuchs in einer Familie mit sozialdemokratischer Tradition auf. Die Bindungen reichten bis Paul Löbe und Carl Severing zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann sie ihre Tätigkeit bei Kurt Schumacher, dem Vorsitzenden der SPD. Der aus jahrelanger KZ-Haft freigekommene Schumacher betrieb von Hannover aus den Neuaufbau der Sozialdemokratischen Partei. Renger wurde seine persönliche Vertraute. 1946 leitete sie das Verbindungsbüro der SPD zur Partei und den Behörden in Berlin. Bis zu Schumachers Tod im Jahre 1952 führte sie auch seinen Haushalt.

„Bewiesen, dass eine Frau das kann!“

Nach Schumachers Tod trat sie selbst in die aktive Politik ein. Im Sept. 1953 wurde sie über die SPD-Landesliste Schleswig-Holstein in den Bundestag gewählt, dem sie bis 1990 ununterbrochen angehörte (ab 1969 über die SPD-Landesliste Nordrhein-Westfalen). 1969-1972 war sie eine der vier parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Von 1961 bis 1973 gehörte sie dem Parteivorstand der SPD an, 1970-1973 auch dem Parteipräsidium. Ihre Abwahl im April 1973 wurde damals von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Folge des Linksdrifts in der SPD gewertet.

Nach der Bundestagswahl im November 1972, bei der die SPD stärkste Fraktion wurde, erreichte Annemarie Renger den Höhepunkt ihrer politischen Karriere. Als Nachfolgerin von Kai-Uwe von Hassel wählte man sie als erste Frau und als erste Sozialdemokratin im Monat darauf zur Präsidentin des Deutschen Bundestags. Entgegen der auch in der eigenen Fraktion geäußerten Bedenken meisterte sie die Aufgabe nach Beobachtermeinung mit Geschick, Würde und Resolutheit. Bereits1973 war sie laut Meinungsumfragen die in der Bundesrepublik bekannteste Politikerin. Ihr Fazit nach vierjähriger Amtszeit: „Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte: Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann!“

Aus der Bundestagswahl im Oktober 1976 ging die CDU/CSU als stärkste Fraktion hervor und stellte mit Karl Carstens den neuen Bundestagspräsidenten. Frau Renger wurde Vizepräsidentin. Breite Anerkennung fand, dass sie sich im Mai 1979 von ihrer Partei in die Pflicht nehmen ließ und in aussichtsloser Position für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Die Regierungskoalition hatte sich nach dem Verzicht von Walter Scheel nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen können. Erwartungsgemäß setzte sich der Kandidat der CDU/CSU, Karl Carstens, durch. Die einzige Gegenkandidatin Renger erhielt 431 der 435 Stimmen ihrer Partei.

„Disziplin statt eines chaotischen Individualismus“

In ihrem Staatsamt als Bundestagsvizepräsidentin blieb Renger bis zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dez. 1990 aktiv. Eine größer gewordene Distanz zu ihrer Partei wurde öffentlich registriert. Als Vertreterin einer traditionellen Sozialdemokratie unterstützte sie Ende 1981 mit einer umstrittenen Unterschriftenaktion Richard Löwenthals „Thesen zur Identität der Sozialdemokratie“, in denen der Berliner SPD-Politologe im Gegensatz zu dem um Integration bemühten Kurs von Willy Brandt eine strikte Abgrenzung der Partei von „Randgruppen“ forderte. Im August 1982 forderte Renger die Partei dazu auf, die „alten Tugenden“ neu zu entdecken: „Dazu gehört Disziplin statt eines chaotischen Individualismus und Egoismus. Dazu gehört Einheit der Organisation statt des Extrawillens mancher Arbeitsgemeinschaften“, befand sie.

1982 bemühte sich Frau Renger um eine weitere Bundestags-Direktkandidatur im Wahlkreis 76 (Neuss), unterlag aber knapp dem Vertreter der Parteilinken Jürgen Alef und hatte Mühe, auf der SPD-Landesliste abgesichert zu werden. 1986 bewarb sie sich, wiederum vergebens, um ein Direktmandat im Wahlkreis Soest, erhielt aber den 3. Platz auf der SPD-Landesliste Nordrhein-Westfalen.

Einfluss und Gehör fand Renger auch in der SPD durch ihre Rolle in der Gruppe der sogenannten „Kanalarbeiter“ (später „Seeheimer Kreis“). Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dez. 1990 kandidierte Annemarie Renger nicht mehr.

Quelle: FAZ.NET mit AP sowie Munzinger-Archiv

 
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