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Angriff in Berlin : Merkel ruft zum „Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen“ auf

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Die Kippa ist die traditionelle Kopfbedeckung männlicher Juden. (Archivbild von einer Demo gegen Judenhass 2014 am Brandenburger Tor) Bild: dpa

Auf offener Straße in einem belebten Berliner Bezirk werden zwei Kippa tragende Männer beschimpft und geschlagen. Nun äußert sich das Opfer: Er sei kein Jude – das Tragen der Kippa wollte er einfach mal ausprobieren.

          Ein antisemitischer Angriff auf offener Straße in Berlin hat Entsetzen und Empörung ausgelöst. Am Dienstagabend gegen 20 Uhr hatte eine Gruppe von drei Personen im Stadtteil Prenzlauer Berg zwei Kippa tragende Männer im Alter von 21 und 24 Jahren judenfeindlich beleidigt und attackiert, teilte die Berliner Polizei am Mittwoch mit. Einer der Pöbler schlug demnach erst mit einem Gürtel, dann mit einer Glasflasche auf den 21 Jahre alten jüdischen Mann ein. Eine couragierte Zeugin sei dazwischen gegangen und habe weitere Schläge des Täters verhindert, so die Polizei. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) hat die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin im vergangenen Jahr um 60 Prozent zugenommen.

          Von dem Angriff gibt es ein Handyvideo eines der Opfer, das er ins Internet auf Facebook gestellt hat, und das mittlerweile auch auf Youtube zu sehen ist. Es zeigt, wie einer der mutmaßlichen Täter mit einem Gürtel auf den Filmenden einschlägt und ihn wiederholt als „Yahudi“ (arabisch für „Jude“) bezeichnet, ehe ein anderer Mann ihn wegzieht. Zudem zeigt das Video rote Striemen auf dem Körper des Opfers, die mutmaßlich durch die Schläge mit dem Gürtel entstanden sind. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt und fahndet nach den bislang unbekannten Tätern.

          In einem Interview mit der „Deutschen Welle“ teilte das Opfer des Überfalls am Mittwoch mit: „Ich bin nicht jüdisch, ich bin Israeli, ich bin in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen.“ Die Kippa habe er getragen, weil er diese Erfahrung machen wollte. Ein Freund habe ihn gewarnt, man sei in Deutschland nicht sicher, wenn man eine Kippa trage. Das habe er nicht geglaubt, erklärte der Mann weiter.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach dem Angriff auf zwei Kippa tragende junge Menschen in Berlin ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Antisemitismus bekräftigt. Es sei ein „schrecklicher Vorfall“, sagte die Kanzlerin am Mittwoch in Bad Schmiedeberg nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer. „Der Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen muss gewonnen werden.“ Merkel verwies darauf, dass es sowohl unter deutschen Staatsbürgern als auch unter Arabischstämmigen Antisemitismus gebe. Dagegen müsse „mit aller Härte und Entschlossenheit“ vorgegangen werden.

          Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) verurteilte die Tat „auf das Schärfste“. Antisemitismus gehöre nicht zum Berlin, in dem wir leben wollten, sagte Müller. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, „wenn junge Männer bei uns attackiert werden, nur weil sie eine Kippa tragen, ist das unerträglich“. „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen“, so Maas. Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sprach an gleicher Stelle von einer „Schande für unser Land“. Die Täter müssten unmittelbar zur Rechenschaft gezogen werden.

          Das American Jewish Comittee (AJC) erklärte, der Vorfall reihe sich in eine lange Liste von Übergriffen ein, die nicht selten einen muslimischen Täter-Hintergrund haben. „Wir dürfen die Augen vor dem immer häufiger auftretenden Antisemitismus in Teilen der arabischen und muslimischen Community nicht verschließen“, forderte AJC-Direktorin Deidre Berger. Sie kritisierte, dass in der offiziellen Polizeistatistik noch immer 95 Prozent des Antisemitismus dem Rechtsextremismus zuordnet werde. Dagegen sprächen die Erfahrungen von 80 Prozent der Betroffenen. „Wenn wir das Problem ernsthaft angehen wollen, brauchen wir ein besseres Lagebild“, sagte Berger.

          „Kein Mensch wird als Antisemit geboren“

          Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, sprach von einer roten Linie, die wieder weit überschritten worden sei. Von der Justiz forderte Schuster ein klares und eindeutiges Zeichen, dass es sich bei dem Vorfall nicht nur um Körperverletzung handele. Sollte der Täter gefasst werden, sollte auch dessen Hintergrund ausgeleuchtet werden, um herauszufinden, warum es zu dieser antisemitischen Handlung kam. „Kein Mensch wird als Antisemit geboren“, sagte Schuster.

          Schuster stellte am Mittwoch gemeinsam mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz und Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Linke) eine neue Materialsammlung für Schulen vor. Sie soll für eine bessere Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur im Unterricht sorgen.

          Levi Salomon, Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA), nannte den Vorfall „unerträglich“. Nun seien Politik und Zivilgesellschaft gefragt: „Wir brauchen keine Sonntagsreden mehr, sondern es muss gehandelt werden.“ Salomon fügte hinzu: „Früher habe ich immer meinen jüdischen Freunden und Bekannten geraten, keine Kippa zu tragen, um ihre jüdische Identität nicht zu zeigen. Ich habe meine Meinung geändert. Wir müssen diesen Kampf aufnehmen und in der Öffentlichkeit wieder sichtbar werden. Jüdische und nicht-jüdische Menschen sollten gerade jetzt die Kippa tragen. Wir dürfen den öffentlichen Raum weder islamistischen noch rechtsextremen Antisemiten überlassen.“

          Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) wurden im vergangenen Jahr in der Hauptstadt 947 antisemitische Vorfälle erfasst, 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Es handele sich um die höchste Zahl seit Beginn der Erfassung 2015. Durchschnittlich würden der Informationsstelle jeden Tag zwei bis drei Vorfälle bekannt. Erfasst würden auch Taten, die nicht strafbar seien, aber ein bedrohliches Klima für Jüdinnen und Juden schafften. Von ihnen betroffen waren den Angaben zufolge 245 jüdische und nichtjüdische Personen und in 461 Fällen jüdische oder israelische Institutionen und zivilgesellschaftliche Initiativen.

          In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, das Tragen der Kippa sei für den jungen Israeli ein „Experiment“ gewesen. Tatsächlich sprach er auf Englisch geführten Interview mit der Deutschen Welle von einer Erfahrung (wörtlich: „experience“).

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