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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Angriff bei Kundus Guttenbergs Kampf um die Macht

 ·  Kriegsähnliche Zustände in Afghanistan und Nahkampf in Berlin: Karl-Theodor zu Guttenberg muss erklären, warum die Bundeswehr am Hindukusch tötet und gleichzeitig in seinem Riesenministerium das Heft des Handelns in die Hand bekommen. Denn warum er Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Wichert wirklich entließ, bleibt weiter offen.

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Der Versuch, die Darstellungen des Feldjäger-Oberstleutnants Brenner unter der Decke zu halten, ist mit dem Anruf der „Bild“-Zeitung zum Scheitern verurteilt. Gerade mal einen Monat im Amt, hat der neue Minister ein Problem der Kategorie „groß“. Sollte er in diesem Moment der Not die Chance gewittert haben, Schneiderhan und Wichert loswerden zu können? Jedenfalls bestellt der Minister beide in sein Büro. Es ist 14.20 Uhr an jenem 25. November. Außer den dreien ist noch die Leiterin des Leitungsstabes im Ministerium, Sabine Bastek, zugegen. Sie war jahrelang eine enge Vertraute von CSU-Mann Michael Glos. Guttenberg hat sie vom Wirtschafts- ins Verteidigungsministerium mitgenommen.

Das Gespräch dauert keine zehn Minuten. Es gibt zwei Versionen von seinem Verlauf, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die erste geht so: Der Minister weist den Generalinspekteur und den Staatssekretär auf Informationen hin, denen zufolge es außer dem Abschlussbericht der Nato über die Vorfälle am 4. September noch weitere Berichte gebe, und fragt, ob das so sei. Die beiden Gefragten verneinen. Guttenberg versucht es ein zweites Mal, fragt nach nationalen Berichten, also eigenen, aus deutscher Quelle. Wieder verneinen Schneiderhan und Wichert. Schließlich nennt der Minister den Begriff „Feldjägerbericht“ und will wissen, wie es denn damit aussehe. Jetzt erinnern sich die beiden Gefragten und bestätigen die Existenz des Berichts.

Wer wollte was verbergen?

Danach bringt der Minister auch noch den Bericht des Bundeswehr-Rechtsberaters Neumann aus Kundus ins Spiel, ohne freilich dessen Namen zu nennen, den er zu diesem Zeitpunkt gar nicht kennt. Neumann hatte bereits am Sonntag, dem 6. September, eine Darstellung der Geschehnisse nach Deutschland übermittelt, die nahe an denen des amerikanischen Isaf-Befehlshabers Stanley McChrystal war und eindeutige Hinweise auf zivile Opfer gab. Neumann hatte mit McChrystal jenes Krankenhaus in Kundus besucht, in dem die Einlieferung sehr junger Verwundeter den Hinweis auf zivile Opfer gegeben hatte. Mindestens Schneiderhan hatte den Bericht Neumanns schon am Sonntag. Er war ihm nach Hause gefaxt worden. Noch am Montag schrieb Wichert an die Außen- und Sicherheitspolitiker des Bundestages, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Wicherts Brief endet mit den Worten: „Weitere Informationen liegen derzeit nicht vor.“ Hat Wichert den Bericht nicht bekommen? Hat Schneiderhan Wichert nicht ins Bild gesetzt? Wollten beide etwas verbergen?

Zurück ins Ministerbüro, zu jenem Treffen am Mittwoch, dem 25. November. Die zweite Version des Gesprächs zwischen Minister, Staatssekretär und Generalinspekteur geht so: Guttenberg fragt, ob es außer dem Abschlussbericht der Nato weitere Darstellungen gebe. Schneiderhan und Wichert sagen nicht etwa nein, sondern bestätigen das. Der General beginnt, nennt den Bericht von Oberst Klein, der vom 5. September stammt, dann den Neumann-Bericht. Wichert fährt fort und erwähnt die Darstellung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Anschließend ergreift Schneiderhan abermals das Wort und erwähnt von sich aus den Feldjägerbericht.

Ganz gleich, welche Version zutrifft, eines ist sicher: Guttenberg ist sauer. Er fühlt sich schlecht beraten von seinen beiden ranghöchsten Mitarbeitern. Die merken spätestens jetzt, dass ihr neuer Chef ein anderes Kaliber ist als alle drei Vorgänger, dass er wichtige Berichte nicht nur sofort haben, sondern auch noch lesen will. Der Staatssekretär und der Generalinspekteur besprechen sich kurz, verteilen die Aufgaben und eilen in ihre Büros, um alle Berichte über die Nacht des 4. Septembers zusammenstellen zu lassen.

Ende der Karriere

Zwei Stunden später ist es vollbracht. Man sei jetzt zum Gespräch bereit, wird dem Minister gemeldet. Der ist auch bereit. Allerdings will er nicht über die Berichte sprechen. Vielmehr lässt er den Vier-Sterne-General und den Staatssekretär zu Einzelgesprächen in sein Büro kommen. Anschließend wissen beide, dass er kein Vertrauen mehr zu ihnen hat. Damit ist das Ende ihrer beruflichen Laufbahn besiegelt.

Guttenbergs Hauptvorwurf ist jedoch nicht der Verlauf des Gespräches in seinem Büro. Vielmehr glaubt er jetzt zu wissen, dass er unzureichend beraten wurde. Seine frühzeitige und bald darauf korrigierte Festlegung, die Bombardierung am 4. September sei „angemessen“ gewesen, begründete er nicht nur damit, dass ihm die Gesamtschau aller Berichte gefehlt habe, sondern auch mit falscher Beratung. Das zielt vor allem auf Schneiderhan.

Wenige Tage nach den Vorfällen veröffentlicht „Der Spiegel“ eine Darstellung des Gesprächs vom 25. November, die in groben Zügen der hier geschilderten ersten Version entspricht. Als Quelle wird Guttenbergs „Umfeld“ genannt. Wichert und Schneiderhan sind empört, weil so der Eindruck entsteht, sie hätten dem neuen Minister bewusst wichtige Unterlagen vorenthalten. Wichert verfasst gar einen Brief an Guttenberg, in dem er ausdrücklich darum bittet, die Darstellung im „Spiegel“ richtig zu stellen. Passiert ist bisher nichts dergleichen.

Unruhige Zeiten für Guttenberg

Warum haben Schneiderhan und Wichert nicht aktiv und offensiv schon an Minister Jung berichtet und ebenso wenig an dessen Nachfolger? Beide wissen sofort nach den Bombardierungen von Kundus, welche Ausmaße der Vorfall hat. Schnell ist klar, dass es zivile Opfer gegeben hat. Aber die frühe Festlegung Jungs, nur Terroristen seien getötet worden, macht es schwer, das öffentlich einzugestehen. Wenn auch nur drei deutsche Touristen entführt werden, richtet das Auswärtige Amt einen Krisenstab ein, ein Staatssekretär wird ständig über jedes Detail informiert, der Minister eng einbezogen. Im Verteidigungsministerium gab es nicht mal einen Krisenstab, jeder wurstelte vor sich hin. Jahrelang mussten Wichert und Schneiderhan mit dem Gefühl leben, allzu genaue Informationen müssten die jeweiligen Minister nicht bekommen. Zu spät erkannten sie die neue Lage. Das war ihr Fehler.

Und nun? Minister Guttenberg stehen unruhige Zeiten bevor. Am Mittwoch tritt der Untersuchungsausschuss des Bundestages erstmals zusammen. Wichert und Schneiderhan werden auch befragt werden. Am 3. Dezember wurden beide im Verteidigungsministerium mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Schneiderhan hielt eine Dankesrede. Er dankte allen Ministern, denen er diente - außer Guttenberg. Er dankte den Abgeordneten, er dankte dem Herrgott. Und er sagte folgenden Satz: „Ich danke dafür, dass ich die enge Weste der Loyalität ablegen kann und in die weiter geschnittene des Soldatengesetzes schlüpfen kann.“ Guttenberg wird genau zugehört haben.

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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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