15.03.2009 · Der CSU-Vorsitzende will die Freien Wähler demaskieren. Denn hinter deren bürgerlichem Auftreten sieht er schillernde Gestalten walten. Zu Beginn will sich Seehofer an Gabriele Pauli versuchen - doch an der scheiterte schon eine andere Parteigröße.
Von Albert Schäffer, MünchenVom vormaligen CSU-Vorsitzenden Huber ist im Gedächtnis der Republik geblieben, dass er im Keller seines Hauses in Reisbach Opern von Richard Wagner hört und dabei zu der schmerzlichen Erkenntnis gelangt ist, dass der Komponist „heute vermutlich nicht in der CSU“ wäre. Hubers Nachfolger Seehofer hat daraus seine Konsequenzen gezogen und sich in seiner Politik an anderen musikalischen Vorbildern orientiert.
Anders als Huber, dem großen Direkten der CSU, belässt es Seehofer dabei bei zarten Andeutungen, welches Masterlibretto hinter seiner Politik steht; ganz kann er es aber nicht – und will es wohl auch nicht – verbergen. Er werde im Europawahlkampf Gabriele Pauli, die Spitzenkandidatin der Freien Wähler demaskieren, kündigte Seehofer an. Wer bis dahin über das politische Da- und Sosein Seehofers gerätselt hatte, konnte sich befreit zurücklehnen, zu den Klängen von Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“.
Vom Merkelschreck zum Merkelfreund
Nicht nur, dass Seehofer am Wochenende wieder einmal mit gewohnter Eleganz die Masken wechselte – vom Merkelschreck zum Merkelfreund: Hatte er eben noch die CDU-Vorsitzende mit seinen gegenwärtigen Lieblingsflorett gepiekst – die unterschiedliche steuerliche Bewertung von Tierfutter und Babyausstattungen –, stürmte er schon auf die Bühne, um sie als „eine gute und starke Kanzlerin“ zu preisen. Dabei wäre seine süffisante Bemerkung, wie gut die Abstimmung zwischen der CDU-Vorsitzenden und ihm sei, zeige sich daran, dass die CDU mit der CSU-Forderung nach Steuersenkungen in den Wahlkampf ziehe, mindestens für eine, wenn nicht zwei Arien gut. Seehofer ist Librettist und Komponist der CSU in einer Person – und seine Qualitäten zeigen sich in seiner Vieldeutigkeit.
In der CSU musste niemand daran erinnert werden, dass sich in der jüngeren Parteigeschichte schon einmal eine andere Parteigröße an der „Demaskierung“ von Frau Pauli versucht hatte – Edmund Stoiber geriet dieses Unterfangen allerdings zu einer bayerischen Opera buffa, mit einem für ihn nicht ganz glücklichen Finale im Kreuther Hochtal. Geschickter hätte Seehofer seinen Anspruch, der bessere, wendigere, listenreichere Stoiber zu sein, kaum intonieren können, indem er dessen einstiges hilfloses Diktum, Frau Pauli sei nicht wichtig genug, um ihren geheimen Neigungen nachspüren zu lassen, in ihr Gegenteil verkehrte – und das volle Bühnenlicht auf deren Ankündigung lenkte, nicht zur Bundesversammlung fahren zu wollen, weil sie ihre Stimme nicht Horst Köhler geben wolle.
Die einstige CSU-Mitstreiterin habe die SPD-Kandidaten Schwan mit Hilfe der Kommunisten wählen wollen, donnerte Seehofer – für einen Augenblick in die Maske des Komturs in Mozarts „Don Giovanni“ geschlüpft. Er wird diese Requisite noch häufiger gebrauchen bis zum Tag der Europawahl, versuchend, die Freien Wähler der Unzuverlässigkeit zu zeihen, hinter deren bürgerlichem Auftreten schillernde Gestalten walteten.
Die Befürchtung, die Freien Wähler könnten zusammen mit der FDP bei der Europawahl im bürgerlichen Lager so viele Stimmen sammeln, dass die CSU in Brüssel und Straßburg künftig vor dem Bühneneingang verharren müsste, bringt Seehofer sogar dazu, dem Wagnerianer Huber den einen oder anderen kleinen Auftritt zu gönnen, als kleiner Rachegott gegen die FDP. Westerwelles Partei wird in der CSU in einer eigenartigen Spiegelung wahrgenommen: In Berlin ist sie der Wunschpartner für die Zeit nach der Bundestagswahl, in München der ungeliebte Mitregent.
Huber darf mal wieder was sagen
In diesem Spannungsfeld durfte Huber am Wochenende wieder einmal die Steuerpläne der FDP als die „üblichen FDP-Traumtänzereien“ geißeln; es blieb der Interpretationskraft der Publikums überlassen, dass im gleichen Bühnenbild der bayerische Wirtschaftsminister und FDP-Vormann Zeil brav die CSU-Forderungen bei der Mehrwertsteuer memorierte. Für die reziproke Aufgabe, hin und wieder die Freien Wähler zu loben, ist bislang in der CSU noch niemand gefunden worden; Seehofer muss sie noch selbst wahrnehmen, wenn er nicht gerade gegen schädliche Neigungen zu Kommunisten in den Reihen der Freien Wähler wettert.
Die Oper wurde in ihrer frühen Glanzzeit als Wiedergeburt der antiken Tragödie gefeiert; so gesehen könnte die CSU in einer großen Tradition stehen, das Satyrspiel, das auf die Tragödie folgte, inbegriffen. Vielleicht sollte Huber sich ein Herz fassen – und zum nächsten CSU-Parteitag aus seinem Reisbacher Keller eine Aufnahme der „Meistersinger von Nürnberg“ mitnehmen.