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Veröffentlicht: 19.06.2013, 10:42 Uhr

Angestellt im Bundestag Arbeit für das Volk

Mehr als 8000 Mitarbeiter beschäftigt der Deutsche Bundestag. Von prekärer Beschäftigung bis zum Beamtenverhältnis ist alles dabei. Ein Streifzug durch die bunte Arbeitswelt des Berliner Parlaments.

von
© Jens Gyarmaty Fotoreportage: Arbeitgeber Bundestag

So richtig fertig wird Berlin nie. Von ganz oben, aus der Reichstagskuppel, ist das am besten zu erkennen. Der Blick schweift von West nach Ost: vom künftigen Bundesinnenministerium, das jenseits von Angela Merkels Kanzleramt entsteht, bis zum Leipziger Platz, wo gerade ein neues Shopping-Center mit 270 Geschäften gebaut wird. Überall Baukräne. Gleich gegenüber auf der anderen Seite der Spree, da wo früher der Todesstreifen verlief, baut der Deutsche Bundestag an. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus wird erweitert, eines von 21 Gebäuden des Parlaments. Bibliothek, Archiv, Dokumentation und der Wissenschaftliche Dienst sind hier untergebracht. Vor zehn Jahren wurde das Haus fertig. Wenn der Anbau 2015 abgeschlossen ist, wird er schon wieder zu klein sein. Parlamentarismus braucht viel Platz.

Philipp Krohn Folgen:

Rund 8200 Mitarbeiter beschäftigt der Bundestag. Allein die Bundestagsverwaltung hat 2900 Beamte und Angestellte. Ihr oberster Dienstherr ist der Bundestagspräsident. Dann gibt es die tausend Beschäftigten der Bundestagsfraktionen - sie haben es so gut wie die erste Gruppe, weil auch sie unbefristete Verträge haben. Die „dritte Klasse“, das ist das Heer der Mitarbeiter in den Büros der Abgeordneten, 4300 Leute, die jederzeit ihre Stelle verlieren können: wenn ein Parlamentarier ausscheidet, eine Wahlperiode endet oder ihr Arbeitgeber nicht mehr zufrieden mit ihnen ist. Hinzu kommen die Leiter der Ausschusssekretariate, die Stenografen, ein Kunstkurator und 220 Bundestagspolizisten. Ohne sie bräche der parlamentarische Betrieb zusammen, sie alle prägen die Kultur des Hauses.

Was ist eine Lobby?

Volker Wagner hat sich in der Lobby des Reichstagsgebäudes postiert. „Salong würde meine Oma dazu sagen, für Sie ist es vielleicht ein Chill-out-Room“, erklärt er den 24 Realschülern aus Bentheim, denen er die Geschichte des Hauses näher bringen will und was eine „Lobby“ ist. Neunzig Minuten deutsche Geschichte und parlamentarische Sitten mit Berliner Zungenschlag. Wagner kann erzählen. Für eineinhalb Stunden vergessen die Jugendlichen ihre Smartphones. Wenn Wagner sie nach Reichsgründung, Reichstagsbrand und Kriegsursachen fragt, fallen ihnen ein paar mühsam hervorgekramte Antworten ein. Aber als er ansetzt, die Legislative zu erklären, sprechen sie plötzlich laut mit: „Exekutive, Judikative ...“

Zwei Millionen Besucher lassen sich jährlich mit dem Lift zur Kuppel fahren. Die Idee des Architekten Norman Foster ist mehr wert als jedes Parlamentsfernsehen. „Wir machen null Werbung. Jeder will hin“, sagt Rainer Wiebusch, Wagners Auftraggeber. Wenn er jemanden wie Wagner für den Besucherdienst einstellt, muss er Englisch und mindestens zwei weitere Fremdsprachen sprechen, Französisch, Spanisch oder Italienisch. Wichtiger aber ist, dass er den Besuchern den Bundestag nicht wie einen Betrieb wie jeden anderen, schon gar nicht als Behörde vorstellt, sondern auf der Besuchertribüne im Plenarsaal zum Beispiel darauf hinweist, dass die Abgeordneten, die gerade nicht im Plenum sitzen, nicht faul sind, sondern mehr arbeiten als die wenigen, die man sieht.

Ein Arbeitsparlament

Der Bundestag ist schließlich kein Debatten-, sondern ein „Arbeitsparlament“. Das ist er in doppeltem Sinne des Wortes. Doch ausgerechnet ein wichtiger Mann wie Wagner - er gehört zu den 38 Honorarkräften, die jährlich 750.000 Gäste betreuen - gehört nicht zu den Angestellten des Hauses. Er ist Freiberufler, was ihn nicht stört. Fast möchte man sagen: Schließlich sind ja auch die Abgeordneten so etwas wie Freiberufler. Dass er nicht gebunden ist, macht ihn flexibler. Doch der Bundestag hat dadurch Ärger bekommen. Die Deutsche Rentenversicherung prüft gerade, ob der Bundestag hier nicht Scheinselbständige beschäftigt. Die Betreuer, die das Haus bis vor vier Jahren einsetzte, um die Wartenden in der Schlange vor dem Reichstagsgebäude bei Laune zu halten, sind deshalb vor den Kadi gezogen: Vor dem Berliner Sozialgericht hat eine von ihnen erstritten, dass Sozialversicherungsbeiträge nachgezahlt werden müssen.

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