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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Angela Merkel und der FC Bayern Verbotene Liebe

 ·  Neutralität gut und recht: Angela Merkel fiebert nicht nur an Champions-League-Abenden mit dem FC Bayern. In ihrem engsten Umfeld ist sie umringt von glühenden Anhängern des Klubs.

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© REUTERS Der G8-Gipfel der Enttäuschung: Merkel erlebt in Camp David die Final-Niederlage der Bayern gegen Chelsea

Die Menschwerdung Angela Merkels begann für viele Deutsche im Sommer 2006. Deutschland war als Gastgeber der Fußball-WM in schwarz-rot-goldener Hochstimmung und konnte beobachten, wie sich die Kanzlerin als Fußballfan outete. Begeistert klatschte sie in die Hände, sprang gar vom Sitz auf, wenn die deutsche Mannschaft ein Tor schoss. Bis heute sind solche Bilder von Angela Merkel immer wieder zu sehen.

Ihr jüngster Stadionbesuch fand am vergangenen Dienstag statt, als die Truppe von Jogi Löw ihren 4:0-Vorsprung gegen Schweden innerhalb einer halben Stunde so spektakulär verschenkte. Obwohl der „Kontaktmann“ zwischen Kanzlerin und Nationalmannschaft, deren Manager Oliver Bierhoff, nur drei Reihen vor Merkel saß, kam sie - anders als sonst gelegentlich - nicht auf den Gedanken, der Mannschaft ihre Aufwartung zu machen. Die Stimmung war nicht danach.

Festlegung auf einen Verein schwierig

Nicht erst Angela Merkel hat die Begeisterung der Deutschen für den Volkssport Fußball genutzt, um ihre Popularität zu mehren. Schon ihre Vorgänger Helmut Kohl und Gerhard Schröder gaben sich als Fußballfans. Der Kanzlerin wurde freilich hin und wieder unterstellt, eigentlich habe sie bis zur Weltmeisterschaft im eigenen Lande nicht viel mit dem Fußball zu tun gehabt und nur aus funktionalen Gründen Interesse bekundet. Sie selbst hält dagegen mit dem Hinweis, sie interessiere sich seit langem für diesen Sport und habe schon als Kind Spiele im Fernsehen angeschaut. Erst bei den Nachbarn und dann im Elternhaus, als es dort einen Apparat gab. Jedenfalls besuchte sie bereits 1974 als Studentin ihr erstes Länderspiel. Die DDR trat damals im Leipziger Zentralstadion gegen England an.

Wie weit auch immer es mit der Begeisterung für den Fußball her ist, es macht sich für die Präsidialkanzlerin Merkel gut, wenn sie mit dem Volk jubelt und leidet. Schwieriger wird es dagegen bei der Festlegung auf einen Verein. Delikat ist dabei nicht die Ehrenmitgliedschaft Angela Merkels beim ehemaligen Erstligaverein Energie Cottbus, sondern ihre Sympathie für den Rekordmeister der Bundesliga und selbsternannten „Stern des Südens“, den FC Bayern. Kein anderer Verein polarisiert derart wie die Münchner. Wer sich zu ihnen bekennt, stößt entweder auf Gleichgesinnte oder auf tiefe Verachtung. Zwischentöne gibt es in dieser Frage kaum.

Angela Merkel hatte trotz ihrer ostdeutschen Herkunft vom Beginn ihrer Kanzlerschaft an kaum eine Chance, nicht zum Anhänger der Bayern zu werden, die Sache war in gewisser Weise „alternativlos“. Das hat mehrere Gründe. Erstens ist traditionell kein Verein mit so vielen Spielern in der Nationalmannschaft vertreten wie der Münchner. Als Kanzlerin nahm Merkel naturgemäß zunächst die Beziehungen zur Nationalmannschaft auf. Was die Spieler angeht, so entstand vor allem zu Kapitän Philipp Lahm und Mittelfeld-Mann Bastian Schweinsteiger ein engerer Kontakt, soweit man bei einer Kanzlerin und einem Fußballprofi von engerem Kontakt sprechen kann.

Allerdings besteht solch ein gutes Verhältnis nicht nur mit den Spielern. Zu Jürgen Klinsmann, der die Nationalelf durch den Fußballsommer 2006 führte, entwickelte die Bundeskanzlerin etwas, das sie im Sommer 2008 einmal als „freundschaftlichen Kontakt“ bezeichnete. Und so freute sie sich ausdrücklich und öffentlich darüber, dass Klinsmann wenig später Trainer des FC Bayern wurde.

Umringt von bekennenden Fans

Dabei beschränkten sich die Kontakte nicht auf die Zeiten des Siegens, vielmehr spendet Merkel auch Trost bei Niederlagen. Am 8. April 2009 verloren die Bayern in Barcelona 4:0. Als Klinsmann anschließend von der Kabine zur Pressekonferenz ging, blieb er auf einmal stehen und zückte sein Mobiltelefon. Die Kanzlerin hatte eine SMS geschickt.

Mit dem Präsidenten der Bayern, Uli Hoeneß, macht Angela Merkel sogar Politik. Anfang September stellten die beiden im Kanzleramt gemeinsam eine Initiative zur Integration von Menschen mit ausländischen Wurzeln vor, an der die Vereine der Bundesliga sich beteiligten. Hoeneß hatte sich sehr dafür stark gemacht. Als er, eingerahmt von Merkel und Staatsministerin Maria Böhmer, sagte, Fußballprofis seien nicht nur „Millionäre in kurzen Hosen“, schaute die Kanzlerin mit mädchenhaftem Lächeln zu ihrem Nachbarn aus der Fußballbranche.

Merkel, so wird berichtet, bewundere nicht zuletzt die wirtschaftlich solide Führung des FC Bayern. Auch hält sie große Stücke auf den Verein, weil er den deutschen Fußball auf der europäischen Ebene, also in der Champions League, am kontinuierlichsten vertritt. Doch kommt noch etwas hinzu. Merkel ist in ihrem engsten Umfeld umringt von bekennenden, zum Teil glühenden Fans des Clubs aus München. Drei Männer haben sie frühzeitig beeinflusst: ihr erster Regierungssprecher, der heutige Intendant des Bayerischen Rundfunks Ulrich Wilhelm, ihr einstiger stellvertretender Büroleiter Thomas Romes und ihr außenpolitischer Berater Christoph Heusgen.

Kugelschreiber spielt Bayern-Hymne

Vor allem Heusgen ist ein Anhänger der Bayern aus tiefstem Herzen. Am Niederrhein geboren, tauchte zunächst der VfR Neuss in seinem Gesichtsfeld auf, der einst in der 2. Bundesliga, heute allerdings nur noch in der Bezirksliga spielt. Als Heranwachsender, so erzählt der Leiter der außenpolitischen Abteilung im Kanzleramt, habe er sich einen der großen Clubs als Vorbild ausgesucht. Weil damals Gerd Müller und Franz Beckenbauer die Superstars waren, fiel seine Wahl auf die Bayern, denen er bis heute treu ist. Heusgen ist im Besitz eines Kugelschreibers in der Vereinsfarbe Rot, der die Bayern-Hymne vom „Stern des Südens“, der niemals untergehen wird, spielt, sobald man auf den Knopf zum Ausfahren der Mine drückt.

Die montägliche Besprechung seiner Abteilung beginnt regelmäßig mit einem kurzen Rückblick auf die Bundesligabegegnungen des Wochenendes. Heusgen erweist sich gegenüber seinen Mitarbeitern, die keineswegs alle Bayern-Fans sind, als großzügiger Chef: „Wenn die Bayern einen anderen Verein hoch geschlagen haben, erlaube ich dem Anhänger des unterlegenen Clubs auch schon mal, fünf Minuten später zur Besprechung zu kommen.“

Nicht alle engen Mitarbeiter Angela Merkels im Kanzleramt sind allerdings München-Fans. Prominentestes Gegenbeispiel ist Amtschef Ronald Pofalla. Wie Heusgen stammt er vom Niederrhein. Er traf die geographisch näherliegende Entscheidung und wuchs als Anhänger von Borussia Mönchengladbach auf. Da viele seiner Freunde allerdings Fans des Erfolgsclubs Borussia Dortmund sind, hat Pofalla sich ihnen angeschlossen.

Keine Zeit für intensive Stadionbesuche

Doch auch außerhalb des Kanzleramtes sind enge Vertraute und Weggefährten von Angela Merkel seit Jahrzehnten auf die Münchner fixiert. Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder, gehört dazu, obwohl er aus Baden-Württemberg stammt. Kürzlich bekam er vom außenpolitischen Sprecher der Fraktion, Philipp Mißfelder, sogar Manschettenknöpfe mit dem Bayern-Emblem geschenkt. Im April dieses Jahres, kurz vor dem Finale der Champions League, wurde Kauder gefragt, was wahrscheinlicher sei: ein Sieg der Bayern oder dass Griechenland in der Eurozone bleibe. Beides werde eintreten, so die Antwort. Als „Bayern-Fan“ sage er, die Wahrscheinlichkeit sei gleich hoch. Bekanntlich verloren die Münchner das Endspiel gegen Chelsea.

Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble - der Minister, mit dem Merkel im Kampf gegen die Krise im Euroraum am meisten zu tun hat - hält seit langem offen zu den Bayern. Allerdings scheint es ihm eine Spur unangenehm zu sein. Im WM-Sommer 2006 plauderte er darüber, dass er in der Kindheit mit dem 1. FC Kaiserslautern gefiebert habe, später sei sein Lieblingsverein - „ich muss es gestehen“ - Bayern München geworden.

Ist aber Angela Merkel ein „echter“ Bayern-Fan, etwa einer wie Heusgen, der heute noch oft mit seinem Sohn ins Stadion geht, um Schweinsteiger und den anderen zuzuschauen? Obwohl sie sich, wie es heißt, „extrem gut“ auskenne bei den Bayern, deren Spiele, ja, sogar die jeweilige Mannschaftsaufstellung verfolge, lässt weder ihr Terminplan noch eine gewisse durch das Amt bedingte Pflicht zur Neutralität allzu intensive Stadionbesuche zu. Als sie kurz vor dem jüngsten Champions-League-Finale bekannte, sie „fiebere natürlich mit den Bayern“, war das noch kein sehr aussagekräftiges Bekenntnis, da eine deutsche Mannschaft in einem europäischen Finale immer eine Art Nationalmannschaft ist.

Eine faire Verliererin

Deutlichere Schlüsse ließ ein Blick auf die erste Seite der „Bild“- Zeitung am Montag nach der Niederlage der Bayern zu. Merkel verfolgte das Spiel in den Vereinigten Staaten in Camp David am Rande eines G-8-Gipfels. Auf einem Foto ist zu sehen, wie sie dem britischen Premierminister David Cameron per Umarmung gratuliert. Ihr wird nachgesagt, dass sie eine faire Verliererin sei, aber dennoch unter einer Niederlage der Bayern leide. Wie es einem wirklichen Fan der Bayern damals ging, ließ sich im Vordergrund des Bildes sehen. Dort war der außenpolitische Berater der Kanzlerin zu sehen: Heusgen stützt den Kopf in die linke Hand. Sein Blick ist leer.

Haben diejenigen recht, die sagen, die Zuneigung Angela Merkels zu den Bayern komme nur über die Nationalmannschaft und im Zweifelsfalle könnte sie auch den Dortmundern die Daumen halten? Wer weiß das schon. Selbst mit dem Verhältnis der Kanzlerin zur Elf von Jogi Löw ist das ja so eine Sache. Merkels Reaktion auf das vierte Tor der Schweden am vergangenen Dienstagabend - von Millionen Fernsehzuschauern beobachtet - wurde ihr vor allem im Internet vorgeworfen. Tatsächlich war das Gesicht der Kanzlerin keineswegs wutverzerrt oder verzweifelt, sondern signalisierte eher ein monströses „Huch“.

Mit etwas bösem Willen konnte es sogar als Lachen interpretiert werden. Vielleicht war es ja auch ein verzweifeltes Lachen. Mit einem solchen wäre die Kanzlerin immerhin in kaiserlicher Gesellschaft gewesen. Franz Beckenbauer gab zu, er habe angesichts des „völlig verrückten Spiels“ vor dem Fernseher „richtig gelacht“.

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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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