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Angela Merkel : Die Ruhe selbst

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten: Angela Merkel wirft ihren voraus. Bild: AP

Europa steckt in einer schweren Krise. Kanzlerin Angela Merkel aber bleibt gelassen. Sie ist in ihrem Element.

          Was könnte diese Frau alles tun, wenn sie sich nicht dauernd mit den Krisen von Staaten beschäftigen müsste, deren Regierungschefin sie nicht ist? Wenn sie sich nicht fortwährend um Griechenland zu kümmern brauchte, das seine Probleme nicht in den Griff bekommt? Und dabei nicht auch noch einen russischen Präsidenten im Auge behalten müsste, der meint, es gebe noch nicht genügend Konflikte und Kriege in Europa? Die versprengten Konservativen in der CDU wollen sich das gar nicht vorstellen. Ihnen reichen schon die Veränderungen, die Deutschland unter der Kanzlerin Angela Merkel erfahren hat, von der Stilllegung der Wehrpflicht und der Kernkraft bis hin zum Siegeszug der Homo-Ehe. Doch was davon hat sie aus innerer Überzeugung vorangetrieben, was nur geschehen lassen unter dem Druck der Umstände, des Koalitionspartners, des Zeitgeists? Was würde sie tun, wenn sie vom ewigen Zwang befreit wäre, auf diese und jene krisenhafte Zuspitzung reagieren zu müssen? Wenn sie die Macht und die Muße zu dem „Durchregieren“ hätte, von dem sie einmal in einem seltenen Moment der Leichtfertigkeit sprach?

          Manche ihrer Kritiker glauben: nichts, jedenfalls nichts Spektakuläres. Allenfalls Hauptstrommäßiges. Sie selbst aber würde dazu wahrscheinlich sagen: Diese Frage stellt sich doch gar nicht. Das ist der lakonische Pragmatismus, den die Deutschen an ihr zu schätzen gelernt haben. Ab und zu verlangt noch ein Linksliberaler von ihr Visionen, mit denen sie Deutschland aus dem Dämmerschlaf reißen soll. Ganz selten und leise, wie ein Echo aus fernen Zeiten, hört man aus der Union den Ruf: Wie halten Sie es mit den Werten, Madame? Der großen Mehrheit in Partei und Republik aber reicht es, dass – und wie – sie den Laden am Laufen hält und die Herde beisammen. Denn das war in Deutschland schon immer erste Kanzlerpflicht, und die erfüllt sie nach überwiegender Meinung des Volkes nicht schlechter als ihre Vorgänger in deren besten Zeiten. Sie hat ihre schlechtesten noch vor sich, falls sie denselben Fehler macht wie Kohl. Doch noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem sie ihn begehen könnte. Kein Linkerer als Gregor Gysi attestierte ihr, dass es auch nach zehn Jahren Merkel keine Wechselstimmung in Deutschland gebe.

          Die Angst davor, dass es nicht so bleibt

          Die Deutschen fühlen sich bei ihr gut aufgehoben. Sie ist ihnen zur Schutzherrin eines Status quo geworden, den die meisten ziemlich erträglich finden. Sie genießen die Früchte ihrer Arbeit in Frieden und Freiheit und mit zunehmend volleren Gesichtszügen. Doch die Deutschen wären keine Deutschen, wenn sie keine Angst davor hätten, dass es nicht so bleibt.

          Ganz unbegründet ist sie nicht. Die Krisen vor der deutschen Haustür, auf die Merkel seit Jahren einen großen Teil ihrer Zeit verwenden muss, sind keine lokalen Phänomene, deren Ausgang seelenruhig abgewartet werden könnte. Russland ist unter Putin wieder zu einer Bedrohung des Friedens und der Stabilität Europas geworden. Die anhaltende Unfähigkeit Griechenlands, auf eigenen Beinen zu stehen, stürzte die ganze EU in eine Krise. In Afrika hat eine neue Völkerwanderung begonnen, deren Ziel Europa ist. In all diesen Fällen werden vitale Interessen Deutschlands berührt oder sogar bedroht. In Panik sind deswegen in deutschen Landen bisher aber weder die Menschen noch die Märkte geraten. Denn es gibt da ja noch die bekannte Nervenärztin Dr. Angela Merkel.

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