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Angela Merkel Die Rückkehr der Klassenlehrerin

21.08.2006 ·  „Es gehen einem viele Gedanken durch den Kopf, wenn man mal nicht jeden Tag in Berlin ist.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel ist aus dem Urlaub zurück - und läßt die Nation an ihren Gedankengängen teilhaben.

Von Peter Carstens, Berlin
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Die Ferien sind vorbei, gebräunte Schülergesichter beim fröhlichen Wiedersehen nach sechs Wochen am Meer oder in den Bergen. Die Klassenlehrerin rauscht durch die Gänge, gleich verkündet sie den neuen Stundenplan. Alle stöhnen, anderseits: Es wurde auch Zeit, daß es wieder losgeht. Also: Hefte raus!

Was am Montag morgen an den Berliner Schulen begann, setzte sich zwei Stunden später in der Bundespressekonferenz in ähnlicher Weise fort. Wochenlang lag der größte Nachrichtenbasar der Hauptstadt halbverlassen, alle waren an der Ostsee, im Mittelmeer, in den Dolomiten. Nun aber drängt in den randvollen Saal: die Bundeskanzlerin. Also: Notizblöcke raus!

Im Gebirge das Gehirn durchgelüftet

Gut erholt wirkt Angela Merkel. Auf die Frage, ob sie wegen der Nahost-Krise und der CDU-Programmdebatte lieber in Berlin geblieben wäre, entfährt es ihr mit Herzenslaune: „Nee, das habe ich mir nicht gewünscht.“ Kein Bürger telefoniert im Urlaub soviel und liest so viele rote Akten wie die Kanzlerin. Doch auch Frau Merkel, die in Oberitalien wandern war, vertritt die Meinung: „Wenn man sich körperlich betätigt, zum Beispiel in die Berge steigt, ist das eine interessante Durchlüftung auch der jeweiligen Gehirnformationen.“

Diese Variante der Wendung: „Ich hab' mich gut erholt“ hat man länger nicht gehört. „Es gehen einem viele Gedanken durch den Kopf, wenn man mal nicht jeden Tag in Berlin ist“, sagte sie. Das klang, als ob die Zahl der Gedanken mit der Verweildauer in der Hauptstadt täglich schrumpfe.

Spitze gegen Steinbrücks Kommentar

Jedenfalls wollte Frau Merkel auf den Urlaub nicht verzichtet haben, und eine von zwei spitzen Bemerkungen gegen den sozialdemokratischen Koalitionspartner traf Finanzminister Steinbrück. Der hatte vor wenigen Tagen den Deutschen geraten, weniger Urlaub zu machen und mehr für die Sozialvorsorge zu zahlen. Es stimme schon, sagte Frau Merkel, die Aufwendungen des einzelnen für die Altersvorsorge und die Gesundheit würden steigen. Aber es sei doch „nicht so günstig“, setzte sie hinzu, „wenn Politiker für die persönliche Lebensplanung gleich konkreteste Empfehlungen geben“.

Ansonsten nur Lob für den Koalitionspartner. An Kurt Beck, dem SPD-Vorsitzenden, schätze sie, daß man mit ihm zuverlässige Absprachen treffen könne und daß es mit ihm ein gemeinsames „Problembewußtsein für die Aufgaben“ in Deutschland gebe. Auch mit Außenminister Steinmeier kommt die Kanzlerin gut klar. Gemeinsam sei man wieder „in der Mitte der Staatengemeinschaft angekommen“. Von Achsenbildung und Lagern wie unter Rot-Grün rede keiner mehr. So schnell wird abgerechnet.

Die Unerläßlichkeit persönlicher Beziehungen

Die Kanzlerin blickt dann nach vorne, und nachdem sie die innenpolitischen Sperrblöcke beiseite geschoben hat - Steuererhöhung, Gesundheitsreform, demographische Entwicklung, Kinderbetreuung -, schreitet sie rasch auf das Terrain der Außenpolitik. Wie nebenbei erfährt man, daß die Kanzlerin mit allen möglichen Staatsmännern zu allen möglichen Zeiten telefoniert. Fast ein wenig schwärmerisch wird Frau Merkel, wenn sie von der Unerläßlichkeit persönlicher Beziehungen zwischen den handelnden Personen der Weltpolitik redet. Sie gehört dazu und scheint das auch zu wollen.

Sie spricht von den bevorstehenden Treffen, Konsultationen, Gipfeln mit französischen, chinesischen, türkischen und anderen Regierungschefs und Staatsoberhäuptern, die ihren Terminkalender für den Spätsommer füllen. Deutschland wird im nächsten Jahr die G-8-Runde der reichsten Länder leiten und im ersten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft innehaben. Da kann, da will die deutsche Regierung etwas erreichen. Da wird sich aber auch zeigen, wie weit der Einfluß der Kanzlerin wirklich geht. Was ihr am Erscheinungsbild der Europäischen Union derzeit fehlt, formuliert sie so: „Die Sichtbarkeit einer einheitlichen europäischen Politik ist noch nicht so gegeben, wie ich mir das wünsche.“

Lob an Rüttgers und Koch

Ihr Vorgänger Gerhard Schröder hatte manchmal zu Mannes- und Machtworten gegriffen, und etwas Derartiges erwartete man zur Sommerdebatte in ihrer Partei auch von Frau Merkel. Doch tat sie niemandem den Gefallen. Sie lobte statt dessen Jürgen Rüttgers als unermüdlichen Lebenslügenbekämpfer innerhalb der Union - etwa mit seinem Integrationsprogramm für Ausländer - und dankte Roland Koch für dessen Arbeit. „Aber ich brauche weit mehr als nur Roland Koch, sondern ich brauche alle, die ihre Beiträge leisten.“ Und wo steht sie in der Debatte über den richtigen Kurs der CDU? „Wenn wir wieder mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft erreichen wollen, dann müssen wir mehr Freiheit wagen“, sagte die Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende.

Weniger andeutungslastig und gleichwohl diplomatisch äußerte sich Frau Merkel zu Fragen polnischer Journalisten zum deutsch-polnischen Verhältnis und zu der Ausstellung des Zentrums gegen Vertreibungen. Es sei „zum Teil auch etwas traurig, wenn nun Exponate wieder zurückkommen sollen“. Niemand wolle die Zeit des Nationalsozialismus relativieren. „Wir wissen“, sagte Frau Merkel, „welche Schuld Deutschland auf sich geladen hat.“ Dies sei an vielen Stellen bereits deutlich gemacht worden.

Keine Vergleiche mit Schröder

„Deutschland ist sich dieser historischen Verantwortung bewußt. Das schließt aber nicht aus, daß man auch andere Facetten der Geschichte ins Blickfeld nimmt. Ich bitte da auch um Verständnis.“ Das deutsch-polnische Verhältnis sei gleichwohl „gut, eng, freundschaftlich“. Das biete ein „solides Fundament, selbst wenn es zur Zeit manchmal nicht ganz so einfach ist“, sagte Angela Merkel mit Blick auf Vertriebenen-Ausstellung, „taz“-Krise und das Bekenntnis von Günter Grass zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS.

Gegen Ende von neununddreißig Fragen und anderthalb Stunden wollte noch jemand wissen, ob Frau Merkel, wie ihr Vorgänger Schröder, zwei Amtsperioden Kanzlerin bleiben wolle? „Wann hat er das denn gesagt?“ entfuhr es da der Bundeskanzlerin staunend. „ Zu Beginn seiner ersten Amtszeit.“ - „Also“, entgegnete Frau Merkel in Erinnerung an einen denkwürdigen Fernsehauftritt Gerhard Schröders in der Wahlnacht 2005, „ich hatte den Eindruck, zum Schluß hatte er es sich noch einmal anders überlegt.“ Im übrigen gelte: „Ich vergleiche mich nicht mit anderen. Ich bin ich.“

Quelle: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite 2
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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