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Amoklauf in München : Ein Nachbar und Täter

Blumenmeer und Trauernde nach der Bluttat in München Bild: dpa

Wer war der Amokläufer von München? Über den 18-jährigen Deutsch-Iraner, der am vergangenen Freitag neun Menschen tötete, kommen nun immer genauere Informationen ans Licht.

          Es kursieren in diesen Tagen viele Bilder und Videos, die Ali David S. zeigen sollen. Auf manchen trägt er einen Kapuzenpulli und schaut an der Kamera vorbei. Auf anderen steckt er in einem weißen Hemd, trägt eine schwarze Anzugshose und hat eine blau-weiß gestreifte Krawatte umgebunden. Er sieht fast ein bisschen stolz aus.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Die Nachbarn von S., die am Wochenende zum Tatort im Stadtbezirk Moosach kommen, zeigen diese Bilder und wollen damit sagen: Er war ein ganz normaler Junge. Jeder kannte ihn. Warum hat er diese schreckliche Tat begangen?

          S. war 18 Jahre alt. Er ist in München geboren und wuchs dort auf; er lebte, genau wie sein Bruder, noch bei seinen Eltern. Die waren in den neunziger Jahren aus Iran nach Deutschland gekommen. Sein Vater war Taxifahrer, die Mutter, so beschreiben es Nachbarn, Verkäuferin. S. besaß einen deutschen und einen iranischen Pass. Die Familie wohnt in der Dachauer Straße, einer der wichtigsten Hauptstraßen Münchens in der beliebten Maxvorstadt.

          Das Gebäude sieht gepflegt und relativ neu aus, es gibt einen Innenhof mit Spielplatz. Im Erdgeschoss werden Luxusautos verkauft, in der Nähe gibt es ein Café. S. besuchte zuletzt die Fachoberschule. Offenbar hatte er schulische Probleme – Probleme mit dem „Bildungslebenslauf“, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Samstag sagte. Auch wurde er 2012 von Mitschülern gemobbt.

          Depressionen und Angststörungen

          Nach Angaben der Ermittler befand er sich in psychiatrischer Behandlung, er habe unter Depressionen und Angststörungen gelitten, war deswegen auch zwei Monate in stationärer Behandlung. In seinem Zimmer fanden die Ermittler Medikamente. Der Polizei war S. nicht bekannt, zweimal wird er in den Akten geführt – als Opfer. Vor vier Jahren war er „Geschädigter“ in einer körperlichen Auseinandersetzung mit mehreren Jugendlichen, ein anderes Mal wurde er Opfer eines Diebstahls.

          Noch in der Nacht zum Samstag, wenige Stunden nach der Tat, durchsuchten Ermittler das Zimmer von S. Sie fanden mehrere Zeitungsartikel, die sich mit dem Amoklauf von Winnenden beschäftigten. 2009 hatte dort ein 17 Jahre alter Schüler seine frühere Realschule gestürmt und 15 Menschen und schließlich sich selbst erschossen.

          S. war sogar nach Winnenden gefahren und hatte dort Fotos gemacht. Er hat seine Tat seit vergangenen Sommer geplant. Außerdem fanden die Ermittler das Buch „Amok im Kopf. Warum Schüler töten“ des amerikanischen Psychologen Peter Langman in dem Zimmer von S.

          Schriftliches „Manifest“

          Hinzu kommt, dass sich am Tag der Münchner Tat der Anschlag von Anders Behring Breivik in Norwegen zum fünften Mal jährte. Und weil keine politischen Symbole, zum Beispiel keine Flagge des „Islamischen Staats“, in dem Zimmer gefunden wurde, geht der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä von einem „klassischen Amokläufer“ aus. S. hat ein eigenes schriftliches „Manifest“ zu seiner Tat verfasst, aus dem noch keine Details bekannt sind.

          Welche Einzelheiten aus dem Leben von S. noch dazu geführt haben könnten, dass er zur Waffe griff und andere Menschen erschoss, wird aktuell untersucht. Er soll ein ausgeprägter Spieler von Ego-Shootern, also gewaltvollen Computerspielen, gewesen sein. Die Diskussion, ob die zu einer Radikalisierung von Jugendlichen beitragen, ist alt. Sie wurde nach jedem Amoklauf von Jugendlichen geführt.

          S. schoss mit einer Glock 17, Kaliber 9 Millimeter, einer halbautomatischen Pistole. Es ist die meistverkaufte Pistole der Welt. Sie wird auch vom österreichischen Bundesheer und der deutschen Marine eingesetzt. Schon bei mehreren Amokläufen kam die Glock 17 zum Einsatz, auch weil sie ein so großes Magazin hat. Etwa beim Amoklauf von Erfurt 2002, als ein 19 Jahre alter Mann 16 Menschen erschoss und schließlich sich selbst tötete.

          Umgebaute Theaterwaffe aus dem Darknet

          Auch Breivik schoss mit einer Glock 17, die er legal erworben hatte. S. hatte sich die Waffe offenbar über das Darknet beschafft, einer Art paralleles Internet, in dem auch mit Waffen gehandelt wird. Die Waffe war einst zu einer Theaterwaffe umfunktioniert worden, dann aber wieder zu einer scharfen Waffe umgebaut worden. Im Rucksack des toten S. fand die Polizei noch 300 Schuss Munition.

          S. hat versucht, vorab so viele Opfer wie möglich an den Tatort, einen McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), zu locken. Er hat die Opfer nicht gezielt ausgesucht.

          Die Ermittler vermuten, dass er einen unechten Facebook-Account eröffnet hat und unter dem Namen eines Mädchens schrieb: „Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ“. Und: „Ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer“. Dann machte er sich von der Maxvorstadt auf den Weg ins fünf Kilometer entfernte Moosach, wo in diesen Tagen Hunderte trauern.

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