05.07.2008 · Fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist die amerikanische Botschaft an ihren angestammten Platz neben dem Brandenburger Tor zurückgekehrt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach bei der Eröffnungsfeier von einem „historischen Augenblick“.
Von Mechthild Küpper, BerlinEs wurde dann doch noch sehr rührend auf dem Pariser Platz, und das lag vor allem an den Veteranen - den fünf Piloten der Luftbrücke, die auf der Tribüne vor dem Brandenburger Tor saßen, und vor allem an George H. W. Bush, dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der selbst im strömenden Regen mit einer kurzen Rede die Leute bewegte.
Am 4. Juli, dem amerikanische Unabhängigkeitstag, sollte in diesem Jahr in Berlin eine Lücke geschlossen werden: Der Neubau der amerikanischen Botschaft schließt den Häuserkranz des Pariser Platzes. Und es kann mit der Rückkehr der Amerikaner an den Ort, wo bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Botschaft in Deutschland stand, so etwas wie hauptstädtische Normalität in Berlin einkehren. Denn bis gestern fehlte immer einer: die Amerikaner.
Gründliche Sicherheitskontrollen
Fast hatte man sich damit abgefunden, dass die Wilhelmstraße vor der britischen Botschaft immer gesperrt bleiben wird, dass es dagegen ohne allzu sichtbare Machtgesten vor der russischen Botschaft Unter den Linden grundsätzlich ruhig ist, und dass die ehemalige amerikanische Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße, nicht weit vom Pariser Platz, praktisch eingezäunt ist. Polizisten bewachten das Haus in demonstrativer Weise, Radfahrer mussten absitzen, wenn sie keinen Ärger bekommen wollten. Wie es aber sein wird, wenn die amerikanische Botschaft erst einmal vor dem Brandenburger Tor ihren angestammten Platz fest eingenommen haben wird, muss sich in den nächsten Wochen erst herausstellen. Vor der Eröffnung jedenfalls war alles friedlich. Bis auf einen einzelnen Demonstranten, der an der Rückseite der Botschaft, zum Holocaust-Mahnmal hin, stumm mit einem Plakat gegen die Politik von George W. Bush jun. protestierte, fand sich am Freitagabend niemand ein, der stören wollte.
Die geladenen Gäste - von 4500 war die Rede - waren aufgefordert worden, recht früh zu erscheinen, weil auch bei einem so freudigen Ereignis die Sicherheitskontrollen gründlich ausfallen würden. Wer wirklich früh kam, fand es zwar kühl, aber trocken, und konnte in aller Ruhe aus dem reichhaltigen Sortiment von Hamburgern, Fleischspießchen, Brownies, Bier, Wein und Eiscreme wählen, das Sponsoren zur Verfügung gestellt hatten. Die „Nötigung“ durch junge Leute mit altmodischen großen Bauchläden hätte netter und nachdrücklicher nicht sein können, und doch machte sich unter dem grauen Himmel allmählich Missvergnügen breit.
Das hat es früher nie gegeben
Um kurz nach fünf sah man auf den großen Leinwänden, wie Botschafter Timken, seine Frau Sue und George Bush durch feierliches Durchschneiden eines Bandes irgendwo anders die Botschaft offiziell eröffneten. Das Publikum draußen auf dem Platz wurde von der U.S. Air Force Jazz Band „Check Six“ und einigen Filmen über die Geschichte der Botschaft in Deutschland unterhalten. Um kurz vor halb sieben musste jemand beschlossen haben, die ganze Sache zu beschleunigen, und es traten Botschafter William Timken, Bush und Merkel mitsamt den Rosinenbomber-Piloten auf. Es begann zu nieseln, in manchen Landstrichen, vermerkte Timken, sei das ein gutes Omen.
Erst die deutsche, dann die amerikanische Hymne, Bundeswehr beim „Call to the Colors“, der Flaggenzeremonie - das habe es früher nie gegeben, bemerkte ein gut trainierter Freund Amerikas unter den Gästen, die sich in das schlechte Wetter zu fügen begannen. Das Konzerthausorchester spielte, und die Journalistin Melinda Crane, die zweisprachig durch das offizielle Programm führte, bemerkte mit amerikanischem Staunen, es sei nur eines von sechs Orchestern in Berlin. Timken schilderte die Stationen der amerikanisch-deutschen diplomatischen und politischen Beziehungen, seit John Quincy Adams 1797 der erste „Bevollmächtigte Gesandte im Königreich Preußen“ wurde. Die Amerikaner, lobte die Kanzlerin, hätten „immer an die Kraft der Freiheit geglaubt“. „Wir in Deutschland“, sagte sie, „wissen um den Wert der Freiheit auch dank der Vereinigten Staaten von Amerika“.
Gefährdeter neuer Nachbar
Dem inzwischen stetig fallenden Regen mochten nach dem Ende des offiziellen Teils auch die inbrünstigsten Verfechter deutsch-amerikanischen Einverständnisses nicht länger trotzen. Eiligen Schritts verließen viele den Platz; eine Gruppe Amerikaner, wahrscheinlich Mitarbeiter der Botschaft, die später auf das feuchte Fest zurückkehren mussten, trat nach wenigen Schritten in das Informationsbüros der Europäischen Kommission ein, wo es trocken und warm war.
Mit einer Prise Schadenfreude konnten die nicht eingeladenen die Berichterstattung über das Fest mit geladenen Gästen im Fernsehen genießen und sich auf das große Volksfest bei freundlicherem Wetter am Samstag freuen. Am Montag beginnt dann der Alltag am Pariser Platz, und am Ende dieses Sommers wird man dort wissen, wie es ist, mit einem überaus gefährdeten neuen Nachbarn zu leben.