14.03.2010 · Zum hundertjährigen Bestehen der Odenwaldschule sollte die Schriftstellerin Amelie Fried ihre Erinnerungen an ihre Zeit in der „OSO“ aufschreiben. Im Laufe dieser Woche erhielt sie zahlreiche Briefe ehemaliger Mitschüler. Was sie darin erfahren hat, ließ ihr keine Ruhe mehr. Hier sind ihre Erinnerungen.
Von Amelie Fried„Die OSO hat mir das Leben gerettet.“ Diesen Satz habe ich in den letzten Tagen dreimal gehört. Zweimal von Mitschülern, die auf der Odenwaldschule Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Als ich ungläubig nachfragte, sagten beide: „Zu Hause wäre es noch schlimmer gewesen.“ Diese furchtbare Ambivalenz ist bezeichnend für das, was viele auf der OSO erlebt haben. Manche kamen aus der Hölle - und gerieten in die nächste. Und manche glaubten, im Paradies gewesen zu sein, und müssen heute begreifen, dass sie sich getäuscht haben.
Für einen Sammelband, der anlässlich des hundertjährigen Bestehens der OSO erscheint, sollte ich meine Erinnerungen aufschreiben. Schnell wurde mir klar, dass ich eigentlich zwei Texte schreiben müsste. Im ersten Text würde ich erzählen, wie leidenschaftlich gern ich auf der Odenwaldschule war. Wie sehr ich diese Schule mit ihrer lebendigen Mischung von Schüler- und Lehrerpersönlichkeiten, ihren Lern- und Freizeitangeboten und ihrer großen Freiheit geliebt habe. Ich war elf, als ich dorthin kam.
Es war noch viel aufregender als erwartet
Die Lektüre sämtlicher Hanni-und-Nanni-Bücher hatte den dringenden Wunsch in mir geweckt, im Internat zu leben. Das schien deutlich aufregender zu sein als das Leben in Ulm, in einer bildungsbürgerlichen Familie mit zwei nervigen, kleinen Brüdern und Eltern, die vom Freiheitsdrang ihrer Tochter überfordert waren. Tatsächlich war es noch viel aufregender als erwartet, denn es gab - anders als bei Hanni und Nanni - in der OSO auch Jungen, und für die begann ich mich gerade zu interessieren.
Ich würde mich erinnern, wie ich in Stephan verliebt war, der mir selbstgebrauten Apfelsinenwein schenkte, der dann in meinem Zimmer explodierte. Und wie ich Christoph, nachdem er mich monatelang gemobbt hatte, vor der ganzen Klasse verprügelte - worauf er mir nicht mehr von der Seite wich. Ich könnte von Thomas erzählen, der sich mehr für Fußball als für mich interessierte, und von Hajo, der so groß war, dass ich auf einen Hocker steigen musste, um ihn zu küssen. Ich könnte von den Liebespärchen erzählen, die Hand in Hand übers Schulgelände schlenderten, und davon, dass ein einfaches Stopp-Schild an der Tür genügte, um jedem - auch den Lehrern - zu signalisieren, dass hier nicht gestört werden durfte.
Ich würde davon erzählen, wie toll es war, in sogenannten „Familien“ unter gleichaltrigen „Kameraden“ zu leben, Tür an Tür mit Lehrern, die man duzen durfte und die uns sonntags zum Frühstück in ihre Wohnung einluden. Die uns ernst nahmen, mit uns diskutierten, uns herausforderten. Wie begeistert ich war, als ein Lehrer uns Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ zeigte und mit uns darüber sprach. So aufgeklärte, fortschrittliche Lehrer hatte ich! Hier war ich richtig, hier bekam mein rebellischer Geist die Nahrung, die er suchte.
Die Fächer, die ich belegte, hießen Päps (Pädagogik und Psychologie) oder Sopo (Soziologie/Politik), und im Unterricht wurde über die Rolle der Frau und den Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und Planwirtschaft gesprochen. In Deutsch schrieb ich über „Das Dilemma der bürgerlichen Moral“, und einer meiner Mitschüler brachte mir bei, auf der Gitarre „Don't think twice it's alright“ zu spielen. Es war - der Eindruck täuscht nicht - eine glückliche Siebzigerjahre-Jugend, voller Flower Power, Peace-Zeichen auf den Jeans und Aufbruchsstimmung. Raus aus der bürgerlichen Enge, rein ins volle Leben. Born to be wild.
In diesem ersten Text würde ich beschreiben, wie stark ich noch jetzt - 35 Jahre nach meinem Abitur - mit meiner alten Schule verbunden bin. Erst als ich die OSO verlassen hatte, merkte ich, wie außergewöhnlich meine Zeit dort gewesen war und wie viel ich gelernt hatte: Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. Sich für andere einzusetzen. Mutig zu sein. Ich eckte oft an, weil ich dachte, dass alle so wären wie ich. Waren sie aber nicht. Und da begriff ich, dass die Tatsache, OSO-Schülerin gewesen zu sein, mich immer von anderen unterscheiden, mich mit allen OSO-Schülern aber für immer verbinden würde.
Viele der Freundschaften, die damals entstanden sind, haben bis heute Bestand. Und egal, wann und wo ich seither auf einen Altschüler traf - immer spürte ich diese Selbstverständlichkeit und Vertrautheit im Umgang, die unausgesprochene Gewissheit, Teil einer ganz besonderen Gemeinschaft zu sein. Und bei allen spürte ich den Stolz darauf, „auf unserer OSO“ gewesen zu sein.
Strip-Poker-Runden mit „Familienvater“
Im zweiten Text müsste ich mich daran erinnern, wie mein „Familienvater“ sich zu uns in den Mädchen-Duschraum gedrängt und uns zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung genötigt hat. Wie er mich höhnisch als „verklemmte schwäbische Spießerin“ bezeichnete, als ich sagte, dazu hätte ich keine Lust. Wie ich mich diesem Druck schließlich beugte, mich furchtbar schämte und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängte.
Bestimmt haben mich diese Vorfälle nicht nachhaltig traumatisiert, aber wenn ich heute daran denke, spüre ich wieder die Scham und das Gefühl, in meiner persönlichen Würde verletzt worden zu sein. Was hätte ich tun sollen? Kein Jugendlicher möchte als verklemmt oder spießig gelten, nichts ist in dieser Zeit schlimmer, als aus der Peergroup ausgeschlossen und zur Zielscheibe des Spotts zu werden. Also macht man mit und schiebt den Gedanken daran weg.
Ich müsste mich daran erinnern, dass Freunde von mir Andeutungen und Witze über die Vorliebe des Direktors Gerold Becker für kleine Jungs machten, und andere ergänzten, das sei nicht nur bei ihm so, auch der Musiklehrer stehe auf Knaben. Dass immer wieder Sprüche von der „Hand unter der Bettdecke“ kursierten, mit der die Jungs morgens angeblich geweckt würden. Und ich müsste mich immer und immer wieder fragen, warum all das nicht dazu geführt hat, dass einer von uns sich jemandem anvertraut hat.
Es gibt einen einfachen Grund dafür. Als Kind oder sehr junger Jugendlicher will man nicht glauben, dass ein Lehrer, der ja ein Vorbild ist und ansonsten auch ein netter Kerl, etwas Unrechtes tut. Lieber gibt man sich selbst die Schuld. So kam auch ich bald zur Überzeugung, gemeinsames Duschen und Strip-Poker seien normal und gehörten eben dazu, und dass ich es unangenehm fand, sei eben mein Problem, das Problem einer verklemmten schwäbischen Spießerin.
Ideal der griechischen Knabenliebe
Nach allem, was ich inzwischen weiß, ging es den missbrauchten Schülern ähnlich: Ihnen wurde erfolgreich suggeriert, dass alles in Ordnung sei, dass der verehrte Direktor (oder Musiklehrer) jemand war, der sie ganz und gar verstand und besonders gern hatte, dass sie auf diese Auszeichnung stolz sein könnten, dass nichts Schlimmes daran war, sich die gegenseitige Zuneigung zu zeigen. Obendrein wurde gern das Ideal der griechischen Knabenliebe bemüht, womit dem kriminellen Treiben gewissermaßen die höheren Weihen verliehen wurden.
Hier kam der Zeitgeist den „Pädagogen“ entgegen: Anfang der siebziger Jahre wurde bekanntlich die „sexuelle Befreiung“ ausgerufen, die Gegenbewegung zur repressiven Sexualmoral der fünfziger Jahre. So konnten diese Lehrer sich geradezu als Revolutionäre fühlen, sich vormachen, ihren Schülern etwas Gutes zu tun. Schließlich führten sie die Jugendlichen nur an eine unverklemmte, selbstbestimmte Sexualität heran - was sollte daran falsch sein? Ein gigantischer Selbstbetrug, mit dem die Täter ihr Verhalten verharmlosten und vor sich selbst rechtfertigten.
Leicht könnte man nun - wie Bischof Mixa - den Schluss ziehen, in der gelockerten Sexualmoral läge die Hauptursache für derartige Übergriffe. In Wahrheit wurde, wie Daniel Cohn-Bendit jetzt sagte, „eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt“. Wir Jugendlichen waren glücklich, unsere Sexualität in einem angstfreien, aufgeschlossenen Klima entdecken zu können, ohne die Angst vor strafenden Eltern oder Erziehern. Dass einige dieser Erzieher diese großartige neue Freiheit als Deckmäntelchen für ihre Übergriffe missbrauchten - das ist der Skandal.
Erschüttert über das Ausmaß des Missbrauches
Ich müsste auch darüber schreiben, wie erschüttert ich über das Ausmaß des Missbrauches bin, der mir in der vergangenen Woche allmählich zu Bewusstsein kam. Durch Briefe von betroffenen Mitschülern, durch Gespräche, die ich führte. Es ist ein Skandal, der nun endlich - wohlgemerkt in einem zweiten, verzweifelten Anlauf - durch mutige Betroffene ans Licht gebracht wurde. Und ich müsste schreiben, dass es nicht nur um sexualisierten Missbrauch, sondern auch um seelischen und emotionalen Missbrauch geht, der damit einherging.
Diese Kinder und Jugendlichen haben ihren Betreuern vertraut - oft hatten sie sonst niemanden, dem sie vertrauen konnten -, und diese Betreuer haben ihr Vertrauen aufs widerwärtigste ausgenutzt, haben seelische Abhängigkeiten hergestellt und gefördert, um ihre pädophilen Neigungen auszuleben. Sicher ist es kein Zufall, dass besonders viele Kinder betroffen waren, die vom Jugendamt auf die Odenwaldschule geschickt worden waren, weil sie aus schwierigen Verhältnissen kamen. Die keine Eltern hatten, denen sie sich hätten anvertrauen können, die ihren Nötigern und Vergewaltigern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren.
Einer von ihnen schrieb mir: „Ich habe in meinem ganzen Leben mit niemandem darüber sprechen können. Nicht mit meinen Eltern, nicht mit meiner Frau, mit niemandem.“ Wenn ich so etwas lese, fühle ich mich schuldig. Ich wünschte, ich hätte damals den Mut gehabt, mich gegen die - vergleichsweise harmlosen - Grenzüberschreitungen, die ich erlebt habe, zur Wehr zu setzen. Ich wünschte, ich hätte die Signale meiner vom Missbrauch betroffenen Freunde richtig gedeutet und etwas zu ihrer Hilfe unternommen. Ich wünschte, ich hätte damals etwas geschafft, was keiner meiner Mitschüler und - viel schlimmer - keiner der Lehrer geschafft hat, die heute behaupten, sie hätten „von alldem nichts gewusst“.
System aus Machtmissbrauch und Abhängigkeiten
Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass deutlich mehr Lehrer in die damaligen Vorgänge verwickelt waren, auf unterschiedliche Weise. Dass sie profitiert haben von jenem System aus Machtmissbrauch und Abhängigkeiten, das von Gerold Becker installiert und durch ihre Duldung stabilisiert wurde. Dass es mindestens zwei Lehrer gab, die nicht nur Verhältnisse mit Schülerinnen hatten, sondern sich auch an Jungen vergriffen. Und weitere Lehrer, die sexuelle Kontakte zu Schülerinnen pflegten. Und von alldem wollen alle nichts gewusst haben?
Meine Mitschüler und ich waren damals 13, 14 Jahre alt. Müssen wir uns heute mit Schuldgefühlen quälen, während diese verbrecherischen „Pädagogen“ sich in Schweigen hüllen? Oder in schmierigen Pamphleten ihr Verhalten verteidigen? In denen sie die Schuld auch noch den Opfern zuschieben?
Einer der verdächtigen Lehrer schrieb von Ferienfahrten, die er mit Schülern unternahm, die „große, emotionale Erlebnisse, die Zutrauen und viel menschliche Nähe zwischen Jung und Alt brachten und Unterschiede verwischen ließen. Und in denen dann von Mädchen wie auch von Jungen bisweilen sehr eindeutige Signale gesetzt und zärtliche Aktivitäten entwickelt wurden, bei denen es mir dann auch einige Mühe machte, sie im Rahmen und unter Kontrolle zu halten!“ Weiter spricht er davon, dass er unter den „vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach“ sich eine ihm genehme aussuchte und ehelichte. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Schülerin nicht als Jungfrau in die Ehe gegangen ist. Ich selbst habe beobachtet, wie sie nachts ihr Zimmer verließ und im Nachthemd in die Lehrerwohnung schlich.
Auch wenn einvernehmlicher Sex mit einer volljährigen Schülerin nicht mit dem Missbrauch an deutlich jüngeren Schülern zu vergleichen ist, bleibt es ein Straftatbestand (der - wie die meisten dieser Vorgänge - leider verjährt ist.)
Unendliche Demütigung, Opfer zu sein
Jetzt wird allen Ernstes gefragt, warum die Betroffenen sich nicht einfach gewehrt oder wenigstens früher zu Wort gemeldet hätten. Wenn ich meine Gefühle bezüglich der Strip-Poker-Runden hochrechne, dann ahne ich, was wirkliche Missbrauchsopfer empfinden müssen. Es ist eine unendliche Demütigung, Opfer zu sein, es ist verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, die sich vermutlich niemand vorstellen kann, der es nicht am eigenen Leib erlebt hat. Es können Jahrzehnte vergehen, bis die Betroffenen den Gedanken an ein solches Trauma überhaupt zulassen und sich jemandem anvertrauen können. Schon beim ersten Gang an die Öffentlichkeit 1999 trafen die Betroffenen nur auf begrenztes Verständnis. Es gab auch Stimmen, die ihnen unterstellten, sie wollten den guten Ruf der OSO beschädigen. Groß war die Erleichterung im Vorstand des Trägervereins, als auch die Presse auf den Artikel der Frankfurter Rundschau nicht reagierte: „ Nachdem die großen Zeitungen (SZ, FAZ und Welt) die Sache nicht behandelt haben, hoffen wir, dass daraus keine breite Medienkampagne wird.“ (Aus einem Brief von Peter Conradi vom 28.11.1999, damals stellvertretender Vorstand, an eine Altschülerin).
Es wurde und wird auch versucht, die Missbrauchsopfer als „Nestbeschmutzer“ darzustellen, die mit ihrer „Kampagne“ nichts anderes im Sinn hätten, als die OSO zu zerstören - aus den Opfern sollen also Täter gemacht werden.
In meinem zweiten Text würde ich ihnen antworten: Nicht diejenigen haben der OSO geschadet, die den Missbrauch aufgedeckt haben, sondern diejenigen, die ihn begangen haben. Und die allermeisten von denen, die jetzt für eine rückhaltlose Aufklärung der Vorgänge und für eine Benennung der Schuldigen kämpfen, tun dies nicht, um die OSO zu zerstören, sondern um sie zu retten. Sie empfinden, wie ich es in meinem ersten Text beschrieben habe: Sie lieben ihre Schule, wollen sie erhalten und wieder zu dem machen, was sie war oder hätte sein können, wenn nicht gewissenlose Verbrecher ihre pädagogischen und ethischen Grundlagen, ihren guten Ruf erschüttert hätten.
Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung!
Den Mut hatten viele nicht und haben ihn nicht. Wie der ehemalige OSO-Lehrer Bernhard Bueb, der sich als Freund Gerold Beckers bezeichnet und ihn nach eigener Aussage auch nach dem ersten Aufkommen der Missbrauchsvorwürfe Ende der neunziger Jahre nie auf diese Vorwürfe ansprach. Warum nicht? Das sei „eine Frage von Takt und Respekt“ gewesen, sagt Bueb, der seit Jahren mit Erziehungsthesen durch die Talkshows zieht, die alles konterkarieren, woran er während seiner OSO-Zeit einmal geglaubt haben muss.
Mein zweiter Text würde sich deshalb am Ende an den Hauptverantwortlichen für den Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule wenden, an Gerold Becker: War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung! Dann wäre die Odenwaldschule, die für manche die Hölle war und für andere die Rettung, wieder die Schule, auf die wir stolz sein können, „unsere OSO“.