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Altenpflege Die Polin, ganz legal

09.08.2010 ·  Rund um die Uhr: Geschätzte 150.000 Osteuropäerinnen machen das, wofür sich keine Deutschen finden - 24 Stunden am Tag für die Alten sorgen. In Paderborn vermittelt nun die Caritas polnische Pflegehilfen. Alle sind froh.

Von Oliver Hoischen
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So eine Barbara müsste man haben, später, wenn man alt und gebrechlich ist: eine, die morgens das Frühstück hinstellt und mittags das Essen kocht, die einkaufen geht und die Wohnung sauber hält. Die aufpasst, dass man sich richtig wäscht und nicht einfach so den Gasherd andreht – als Folge der Demenz. Die man immer rufen kann, wenn man zur Toilette muss, auch nachts – und die dann trotzdem noch freundlich sagt: „Ja, du bist eine ganz Liebe.“

Sie heißt wirklich Barbara, diese polnische Betreuerin, sie lebt bei einer alten Dame in Soest. Gerade hat sie eine Schwarzwälder Kirschtorte auf den Tisch gestellt, schneidet ein Stück ab, legt es der Frau auf den Teller. Die lacht erst still in sich hinein – und weist dann laut die Stoffpuppen auf der Sofalehne zurecht: „Wat kiekt ihr so dämlich?“ Und sagt zum x-ten Mal, dass der Garten tausend Quadratmeter groß ist, genau tausend. Mehr und mehr verschwindet ihre Welt im Nebel, dabei ist noch alles da: die massiven Möbel im Wohnzimmer, die langen Gardinen vor den Fenstern, die alten Fotos an der Wand. Nur dass oben, die Treppe rauf, jetzt Barbara ein Zimmer hat. Und einen Knochenjob macht, nicht nur körperlich.

Barbara arbeitet legal

Um es gleich zu sagen: Barbara ist kein Luxus. In Deutschland können sie sich viele leisten, Töchter, Söhne, Ehefrauen, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen nicht allein versorgen können. Und denen auch der ambulante Pflegedienst nicht helfen kann: Einen Service rund um die Uhr hat der nicht zu bieten, zumindest keinen finanzierbaren: dafür wären wohl 5,6 Mitarbeiter übers Jahr nötig, sie würden monatlich an die 7000 Euro kosten. Barbara aber ist schon für 1760 Euro zu haben, inklusive der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung – in Deutschlands Einfamilienhäusern aber ist oft Platz genug.

Nur: Keiner hierzulande würde diese Arbeit tun, nicht für so wenig Geld. 1333 Euro brutto erhält Barbara in Soest, exakt berechnet nach dem entsprechenden nordrhein-westfälischen Tarif. In ihrem „Arbeitsvertrag für Haushaltshilfen in Haushalten mit Pflegebedürftigen“ wird ein Urlaubsanspruch von 26 Tagen jährlich genannt und eine wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden. Was eher theoretisch ist – denn Barbara hilft der alten Dame natürlich rund um die Uhr zur Toilette. Freizeit muss sie sich bewusst nehmen. Doch zeigt das Beispiel auch: Barbara arbeitet legal. Sie ist bei der Bundesagentur für Arbeit angemeldet. Die alte Dame – beziehungsweise ein Familienmitglied – ist ihr Arbeitgeber. Man kann ihre Lage gut vergleichen mit den Spargelstechern und Erdbeerpflückern, auch sie dürfen in Deutschland arbeiten, weil sich kein Einheimischer für ihre Jobs findet. Erst im kommenden Jahr wird es leichter, wenn die Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht mehr eingeschränkt ist. Netto bleiben Barbara am Ende knapp 900 Euro – drei Mal so viel, wie sie für eine ähnliche Arbeit in Polen bekäme. Aber weniger, als arbeitete sie in Deutschland schwarz.

Auch an die polnische Familie denken

Sie kommt aus Graudenz, einer kleinen Stadt in der Nähe von Danzig. „Manchmal habe ich große Sehnsucht“, sagt sie – Ostern war sie zuletzt zu Hause, jetzt fährt sie wieder hin, in den Ferien. Gut, dass es das Handy mit Flatrate gibt, da kann sie telefonieren oder sich die Bilder ihrer Lieben anschauen: ihres Mannes, den vier erwachsenen Kindern, ihrer Mutter und der Hauskatze. So ergeht es vielen: Als der Direktor der Caritas Polen, Marian Subocz, kürzlich in Paderborn war, hat er von den Europawaisen erzählt, von angeblich einer halbe Million polnischer Jungen und Mädchen, deren Eltern im Ausland arbeiten. Mütter soll es geben, die mit ihren Kindern die Hausaufgaben täglich via Skype machen, dem kostenlosen Videotelefon. Halb im Spaß, halb im Ernst hat Subocz aber trotzdem vor Experten der Caritas gesagt: „Bitte schreiben Sie uns, wir können Ihnen noch viele tausend Frauen schicken!“

Barbara ist also erst der Anfang. Seit einem Jahr arbeiten die Caritas Polen und die Caritas Paderborn zusammen, zum Vorteil für beide: Die polnischen Frauen sollen, kurz gesagt, vor Ausbeutung geschützt werden, sie sollen einen anständigen Lohn bekommen und bei Krankheit zum Arzt gehen können. Was der Caritas besonders wichtig ist: In Polen muss es jemanden geben, der sich um ihre Familie kümmert – weshalb es auch kein Zufall ist, dass Barbaras Kinder schon groß sind. Aber auch den Deutschen kommt es zugute, wenn sie mit der Caritas zusammenarbeiten: So müssen sie kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn sie eine Barbara suchen. Und bekommen sicher Ersatz, wenn Barbara ausfällt oder im Urlaub ist, schließlich hat die Caritas auch einen ambulanten Pflegedienst, bietet eine Kurzzeitpflege an. Auch in Soest hat sich so mancher schon nach einer Polin umgeschaut, über eine Agentur oder private Anzeigen im Internet, begleitet von Zweifeln, vielleicht doch mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Die Stichworte heißen: Scheinselbständigkeit, Schwarzarbeit, Touristenticket.

Längst sind die Polinnen unverzichtbar

Die Pflegerinnen der Caritas haben das oft erlebt: dass die im Haus lebende Polin in der Besenkammer versteckt wurde, wenn sie kamen. Oder dass man sie fragte, ob sie die Polin nicht schulen könnten – um Pflegefehler zu vermeiden. Andere wollten gar wissen, über welche Agentur man solch eine Hilfskraft am besten bezieht. „Wir haben das lange beobachtet und uns gefragt: Sollen wir die Augen zumachen und so tun, als wäre nichts?“, sagt Brigitte von Gemerten-Ortmann, Leiterin der Caritas-Altenhilfe in Paderborn. Sie will die Osteuropäerinnen herausholen aus der Grauzone. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die Caritas so im Geschäft bleibt, sie die Kollegen der Sozialstation regelmäßig vorbeischicken kann. Und vielleicht neue Kunden gewinnt. „Alles aus einer Hand“ – so lautet die neue Pflegephilosophie. Auch anderswo hat man das erkannt: So wird das Diakonische Werk Württemberg von September an osteuropäische Betreuungskräfte vermitteln. Mit steigender Nachfrage ist zu rechnen.

Vielen liegt es auf der Seele, längst sind die Polinnen unverzichtbar: 1,5 Millionen pflegebedürftiger Menschen werden in Deutschland zu Hause versorgt, in zehn Prozent dieser Haushalte arbeiten osteuropäische Frauen, so schätzt das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung. Ohne diese Hilfe, sagten mehr als die Hälfte der Befragten in einer Studie, müsste ihr Angehöriger in ein Pflegeheim. Was in einem späteren Stadium der Altersgebrechlichkeit oder einer Krankheit natürlich immer noch sinnvoll sein kann. In der Studie fand man heraus, dass die von den Polinnen betreuten Alten nur in zwanzig Prozent der Fälle Hilfe beim Lagern im Bett brauchen, nur 37 Prozent beim Toilettengang, auch nur 55 Prozent bei der Einnahme von Medikamenten. Dass es in diesen Fällen also meistens darum geht, dass einfach immer jemand zu Hause da ist.

Und noch etwas hat die Studie herausgefunden: In sechzig Prozent der Familien wird der ambulante Pflegedienst parallel weiter genutzt – die Polinnen seien kein Ersatz, sondern eine Ergänzung der professionellen deutschen Helfer, sagt Andrea Neuhaus, Wissenschaftlerin am Institut. Die Sozialstationen müssten vor der polnischen Konkurrenz also eigentlich keine Angst haben. Was aber bisher oft der Grund war, warum sie mit den Polinnen nichts zu tun haben wollten. Auch bei der alten Dame, die Barbara betreut, kommt jeden Morgen eine Pflegerin der Sozialstation vorbei – um den Blutzucker zu messen.

Die Sprache ist oft ein Hindernis

Denn Barbara ist alles andere als eine Fachkraft: Sie ist gelernte Bautechnikerin. Mehr als zehn Jahre war sie arbeitslos, bis ihr das Graudenzer Arbeitsamt im Herbst diesen ganz speziellen, neuen Kurs anbot, in dem sie auf ihre neue Arbeit in Deutschland vorbereitet wurde. Nur sechs Wochen hat der gedauert, ein bisschen Deutsch konnte sie da auch lernen. Sie wollte es besser machen als ihre Tochter, die in Berlin lebt und putzen geht. Und auch als ihre Kusine, die seit Jahren eine alte Frau in Barcelona pflegt, illegal – und Angst hat, krank zu werden.

Bei Barbara ist das anders: Als sie in Soest ankam, wurde sie abgeholt von Evelyn Kantimm, einer Caritas-Mitarbeiterin, die auch aus Polen stammt, aber schon lange hier lebt. Sie und ihre Kolleginnen in Paderborn und Olpe sind die guten Seelen des Projekts: Evelyn Kantimm kann immer helfen, wenn Barbara die alte Dame nicht versteht – die Sprache ist oft ein Hindernis. Wenn sie die Waschmaschine nicht bedienen oder, schlimmer, die Einsamkeit nicht mehr ertragen kann – dann gehen sie zusammen Kaffeetrinken. Gemeinsam haben sie den Papierkram erledigt, machten sie die Behördengänge. Evelyn Kantimm würde auch eingreifen, wenn Barbara schikaniert würde: Wenn sie etwa nur putzen müsste. Was schon vorgekommen ist. Darum achten die Caritas-Leute darauf, dass die polnischen Barbaras und die deutschen Alten zusammenpassen.

Wissenschaftler sprechen von einer „care chain“, denn da, wo die Frauen fehlen, müssen andere nachrücken, um sich um deren Alte zu kümmern. Wenn man Barbara fragt, wer sie im Alter einmal pflegen wird, zuckt sie mit den Schultern: „Vielleicht meine Kinder?“ Wenn das so einfach wäre.

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