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Altbausanierung : Abstumpfung mit Styroporplatten

Viele Architekten fürchten, dass die Ästhetik von Altbauten unter Maßnahmen der energetischen Sanierung leiden könnte Bild:

Nicht nur in Frankfurt lebt die akademische Mittelschicht gern im Gründerzeithaus. Doch das Wohnen unter den hohen Decken alter Gemäuer trübt die Bundesenergiebilanz. Architekten betrübt noch mehr der deutsche Dämmstoffwahn.

          Jürgen Werner tut viel für das Klima. Er berät Hausbesitzer, die Energie sparen wollen. Er hat für die Stadt Frankfurt eine Broschüre verfasst über die energetische Sanierung von Gründerzeitbauten. Wenn sein Architekturbüro neue Häuser baut, dann sind es Niedrigenergie- oder Passivhäuser. Alles vorbildlich im Sinne des Klimaschutzes.

          Marie Katharina Wagner

          Redakteurin in der Politik.

          Aber wenn man sehr streng sein will, ist Jürgen Werner auch ein Klimasünder. Beim Anblick seines eigenen Wohnhauses müssten sich einem zertifizierten Energieberater wie ihm eigentlich die Nackenhaare sträuben: eines Altbaus im Frankfurter Nordend, wo die urbane Bildungsmittelschicht lebt, in hohen Räumen, hinter verzierten Fassaden, unter schiefergedeckten Satteldächern. Man könnte auch sagen: Hinter undichten Ziegelmauern und schlecht schließenden Fenstern, unter durchlässigen Dächern. Eine schlechtere Energiebilanz haben nur frei stehende Häuser aus den fünfziger oder sechziger Jahren.

          15.000 Gründerzeitgebäude stehen in Frankfurt, etwa jeder vierte Frankfurter wohnt in einem. Weniger als ein Prozent dieser Gebäude, schätzt Werner, ist energetisch saniert. Bis 2050 sollen es fast alle sein. So steht es im Entwurf für das Energiekonzept der Bundesregierung, das am nächsten Dienstag verabschiedet werden soll, denn, so heißt es da, „auf den Gebäudebereich entfallen rund 40 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs und etwa ein Drittel der CO2-Emissionen“.

          Drei Gründerzeithäuser im Frankfurter Nordend: Rechts das Original, ganz links eines mit außen gedämmter Fassade

          Ursprünglich sollte die Sanierung mit Zwang durchgesetzt werden

          Zwar wurde Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in seinen ambitionierten Plänen für die energetische Gebäudesanierung gebremst. Ursprünglich hieß es in dem Konzept, der gesamte Gebäudebestand solle bis 2050 auf den Standard „Nullemission“ gebracht werden, was bedeuten würde, dass die Häuser fast gar kein CO2 mehr ausstoßen und ihren restlichen Energiebedarf über regenerative Energiequellen decken. Durchgesetzt werden sollten die Sanierungsmaßnahmen mit Zuckerbrot und Peitsche: Förderung für rechtzeitige Sanierungen, steuerliche Nachteile für Eigentümer, die sich nicht an die Anforderungen halten.

          Darüber empörte sich nicht allein Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU). Auch die Hauseigentümer waren aufgeschreckt. Der Generalsekretär der Eigentümergemeinschaft „Haus und Grund“, Andreas Stücke, sprach von einer „Zwangsorgie“. Da würde es sich für manche Besitzer eher lohnen, ihre Häuser abzureißen, zumal der „Amortisationspunkt“ der Investitionen nach 30 Jahren so spät komme, dass viele Eigentümer ihn gar nicht mehr erleben würden. Nun wurden Röttgens heißblütige Ziele in Berlin Ramsauer-gedämmt: In der Koalition wurde ein Kompromiss formuliert, in dem die Losung „Nullemission“ nicht mehr vorkommt. Stattdessen soll der CO2-Ausstoß der Gebäude bis 2050 um 80 Prozent gesenkt werden, und zwar ohne Zwangsmaßnahmen.

          Längst nicht alle Energieberater sind seriös

          Auch so stoßen die Pläne auf Skepsis, und zwar selbst bei jenen, von denen man denken würde, sie könnten sich über den Ehrgeiz der Politik freuen. Zum Beispiel bei Peter Tschakert, seit 20 Jahren Mitarbeiter des Energiereferats der Stadt Frankfurt und dort zuständig für die Sanierung von Altbauten. Als er sich vor 25 Jahren mit Gleichgesinnten in Frankfurt zum Energieberaterstammtisch traf, kamen fünf oder sechs Leute. Heute, sagt er, müsse man für alle, die sich hier Energieberater nennten, eine riesige Halle mieten. Und längst nicht alle seien seriös.

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