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Als Soldat in der DDR An der Grenze

13.08.2011 ·  Der erste Eindruck war: Stille, fast absolute Stille. Der zweite: dass es in der abgesperrten Natur Grenzanlagen gab, die weniger dem „Klassenfeind“ galten als vielmehr den eigenen Leuten, den „Grenzverletzern“.

Von Frank Pergande, Schwerin
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Das Erste, was ein Grenzsoldat an der sogenannten grünen Grenze bemerkte, war die Stille. Nicht einmal die unberührte Natur schien Laute hervorzubringen. Selbst Autos, wenn man sie irgendwo im Osten oder im Westen fahren sah, waren so fern, dass kein Geräusch herüberdrang. Lautlos segelten die Greifvögel über den Baumwipfeln. Es konnte passieren, dass auf einmal Wild dastand und staunte: Hier gab es sonst keine Menschen. Scheu schien es deshalb nicht mehr zu kennen. Über dem Grenzgebiet lag ein tiefer Frieden - so wie es im Auge des Taifuns still ist. Dort, wo zwei Welten aufeinandertrafen, schien es, als wäre es das Ende der Welt. Es war besonders grün und besonders schön.

Wer das erlebt hat, dem musste es auch einleuchten, dass es nach dem Ende der Grenze mitten durch Deutschland sogleich das Bemühen gab, diese Natur zu erhalten und einen Radweg entlang dem früheren Eisernen Vorhang anzulegen. Der Eiserne Vorhang war ein grüner, stiller Gürtel, der sich von Nord nach Süd mitten durch Deutschland zog, Deutschland teilte und Europa und die Welt gleich mit. Manchmal fielen im Grenzgebiet auch Schüsse, nachts vor allem. In den meisten Fällen war es dann eine Jagd. Die hohen Offiziere, die Funktionäre mögen dort irgendwo im abgesperrten Gelände gejagt haben. Das überhaupt Lauteste an der Grenze waren die Gerüchte. Über Jagden wurde viel erzählt und über geheime Tore, an denen Agenten ausgetauscht würden, nachts, und kein Grenzsoldat durfte dann in der Nähe sein.

Der zweite Eindruck, der sich dem Grenzsoldaten aufdrängte, war schon keine Idylle mehr. Es gab ja nicht nur eine abgesperrte und so geschützte Natur, es gab darin auch die Grenzanlagen. Und die waren so ausgerichtet, dass nicht der "Klassengegner" aus dem Westen hätte aufgehalten werden können, wenn er die DDR und damit die "sozialistische Staatengemeinschaft" angegriffen hätte. Die ganze DDR war im globalen sowjetischen Machtdenken nur dazu da, die Angriffswelle aus dem Kapitalismus so lange aufzuhalten, bis der Gegenangriff beginnen konnte. Die Grenzanlagen sollten vielmehr "Grenzdurchbrüche" verhindern und "Grenzverletzer" aufhalten - und damit waren die eigenen Leute gemeint, die "Republikflüchtlinge".

Selten tödlich, furchtbare Wunden

Die in verschiedene Zonen eingeteilten Sperrgebiete, die oft viele Kilometer vor der Grenze begannen, die Kontrollstreifen, Signalzäune und -zeichen, Grenztürme und -bunker, Minenfelder, Hundelaufgatter, die Kolonnenwege für die Fahrzeuge der Grenztruppen und schließlich der eigentliche Grenzzaun, der nicht nur in Berlin stellenweise auch eine Mauer sein konnte - das war, für jeden Grenzsoldaten sichtbar, von Ost nach West angeordnet und nicht umgekehrt. Selbst das DDR-Hoheitszeichen auf den Grenzpfählen war auf der falschen Seite angebracht, um den Flüchtenden noch in letzter Minute zu verwirren und in die falsche Richtung zu schicken. Das System wurde im Laufe der DDR-Geschichte immer perfekter, so dass auch jene scheiterten, die mal Grenzsoldaten gewesen waren und später versuchten, an ihrem alten Abschnitt in den Westen zu gelangen: Es hatte sich seit ihrer Dienstzeit zu viel verändert.

Ein Kilometer Grenze soll eine Million DDR-Mark gekostet haben. Aus dem ganzen Arsenal der Grenzbefestigung hat allerdings nur ein Element auch im Westen große Diskussionen hervorgerufen: die sogenannten Selbstschussanlagen. Auf Druck des Westens wurden sie schließlich Anfang der achtziger Jahre abgebaut. Sie steckten am Grenzzaun, wurden per Draht ausgelöst, wenn man den Zaun berührte, waren selten tödlich, hinterließen aber furchtbare Wunden. Die meisten Opfer der Selbstschussanlagen hat es unter dem Wild gegeben. Auch die Minenfelder, die es ursprünglich statt des Grenzzaunes gab, wurden vor allem den Tieren zum Verhängnis. Wie viele Menschenopfer es an der Grenze insgesamt gab, ist bis heute nicht klar.

Jugendlicher Leichtsinn

Mehr als zweihundert auf alle Fälle, die meisten an der Berliner Mauer. Darunter sind auch von fahnenflüchtigen Kameraden erschossene Grenzsoldaten. Der erste von diesen starb schon im April 1962. Mindestens neun solcher Fälle soll es gegeben haben. Nicht immer war dabei der Entschluss, in die Bundesrepublik zu flüchten, entscheidend gewesen. Es gab auch tödliche Unfälle, nach denen der Unfallverursacher in Panik lieber floh, als vor das DDR-Militärgericht gestellt zu werden. Denn an der Grenze standen junge Leute mit einsatzbereiter Kalaschnikow, die man im jugendlichen Leichtsinn auch mal ausprobieren wollte. Die Maschinenpistole mit einer Armbewegung in Anschlag zu bringen war ein beliebter Zeitvertreib im langweiligen Grenzdienst. Als mutig galt, wer auch einmal Signalmunition verschoss, obwohl das streng verboten war. Auch Platzpatronen waren beliebt.

Grenztruppen in der sowjetisch besetzten Zone gab es seit dem 1. Dezember 1946. In der DDR wurde daraus die Grenzpolizei, diese wiederum wurde Teil der 1956 gegründeten Nationalen Volksarmee. Von 1973 an waren die Grenztruppen formell eigenständig, standen aber weiter, als eigenständige Waffengattung, unter dem Befehl des Ministeriums für Verteidigung. Das hatte mit den KSZE-Verhandlungen zu tun. Die Grenztruppen fielen statistisch durch diesen Buchungstrick aus der Gesamtstärke der DDR-Armee heraus. Am Ende der DDR gehörten 47.000 Mann zu den Grenztruppen. Am 1.Oktober 1990 war ihr Dienst für immer zu Ende, die Truppe wurde aufgelöst. Die meisten Grenzsoldaten waren Wehrpflichtige. Der Grundwehrdienst dauerte anderthalb Jahre. Wer studieren wollte, sah sich oft genug gezwungen, länger zu "dienen", zumeist drei Jahre lang, wenn nicht gleich die Offizierslaufbahn eingeschlagen wurde.

Erinnerungen an Räuber-und-Gendarm-Spiel

Den Grundwehrdienstleistenden wurde bei der Musterung nicht gesagt, dass sie an die Grenze müssten. Sie richteten sich darauf ein, zu den Mot-Schützen zu kommen, zur motorisierten Infanterie, also sozusagen zum Fußvolk des Militärs, von dem man sich üble Geschichten erzählte. Etwa über den Standort im vorpommerschen Eggesin - das Land der drei Meere: Kiefernmeer, Sandmeer, dann gar nichts mehr. Im Gestellungsbefehl aber stand dann auf einmal: Grenze. Wonach die für die Grenztruppen Gemusterten ausgesucht wurden, lässt sich nur vermuten. Junge Familienväter wurden gern genommen, denn die würden an Flucht so schnell nicht denken. In Frage kamen Leute, von denen man annahm, sie seien politisch zuverlässig, Funktionärs- und Offizierskinder, junge Parteimitglieder, künftige Politikstudenten. In Frage kamen aber ebenso Leute, die auf ganz andere Weise eine enge Bindung an ihre Heimat hatten, an das katholische Eichsfeld etwa. Behauptet wurde auch, ein Grenzsoldat könne zwar später wieder zum Reservedienst einberufen werden, aber niemals in seinen früheren Abschnitt. Aber auch hier bestätigte die Ausnahme die Regel.

Wie auch immer, die für die Grenze Eingezogenen kamen zunächst nicht an die Grenze, sondern in die Ausbildungsregimenter. Die Ausbildung dauerte ein halbes Jahr lang. Die ersten Wochen füllte die militärische Grundausbildung, die jeder Soldat zu durchlaufen hatte. Dann folgte die Grenzausbildung, die manchmal an ein Räuber-und-Gendarm-Spiel erinnerte, zu der aber auch ein ausführlicher "Politunterricht" gehörte, unter der Hand "Rotlichtbestrahlung" genannt - in einem festen Rhythmus jeweils einen ganzen Tag lang. Zur Ausbildung gehörte es auch, an der Grenze für ein paar Wochen Grenzanlagen aufzubauen - unter Feldbedingungen. Für die meisten dürfte das die erste Begegnung mit der Grenze gewesen sein. Der erste Blick auch auf den Westen, das erste Aufeinandertreffen - freilich über große Distanz - mit dem "Klassenfeind". Der bestand aus Bundesgrenzschutz, Zoll und alliierten Truppen. Auch das war eine Welt, in der die Gerüchte gedeihen konnten: dass der Zoll Leinwände aufspannen würde und Filme zeige, sogar Pornos. Und dass die Amerikaner, die manchmal an der Grenze auftauchten, in Vietnam gewesen und Soldaten ohne Skrupel seien.

Die letzten Meter

Dem halben Jahr Ausbildung folgte ein Jahr lang "Grenzdienst", in der Regel im ersten Halbjahr als "Posten", im zweiten als "Postenführer". An der Grenze waren die Posten stets zu zweit unterwegs - offiziell, damit der eine den anderen schützen könne, in Wahrheit, damit der eine den anderen bewachte. Der "Postenführer" hatte die Befehlsgewalt in dem Duo und war an einem grünen Strich auf seinen Schulterstücken zu erkennen. Die Grenztruppen gliederten sich in Grenzkommandos, Regimenter, Kompanien, Züge und Gruppen. Es gab die sogenannte rollende Schicht, also jeden Tag einen anderen Dienst und andere Schlafzeiten. Unterbrochen wurde das nur einmal im Monat, wenn nach und nach jede Kompanie für einen ganztägigen "Politunterricht" herausgelöst wurde. Für die anderen Kompanien bedeutete das längeren Dienst. Zwölf-Stunden-Schichten gab es zudem am Ende eines jeden halben Jahres, wenn ein Teil der Soldaten "nach Haus ging" und neue aus der Ausbildung an die Grenze kamen.

Und noch eine Unterbrechung des Alltags kam vor: wenn Grenzalarm ausgelöst wurde und die Truppen in die sogenannte Abriegelung geschickt wurden: Dicht an dicht lagen die Postenpaare dann direkt an der Grenze, um dem "Grenzverletzter" auf den letzten Metern in die Freiheit doch noch den Weg zu versperren. Die einfachen Grenzsoldaten waren allerdings kaum informiert. Sie lagen da, wussten zumeist nicht einmal, wieso, schliefen vor Erschöpfung und Kälte oft ein, konnten mit wärmender Verpflegung nicht rechnen und dachten vor allem an eines: Wann hat das alles endlich ein Ende? Die Tatsache, dass Posten oft übermüdet waren, half am 19. Dezember 1975 auch dem mehrfach vorbestraften Werner Weinhold, als er in Thüringen zwei Grenzsoldaten erschoss, die vermutlich eingeschlafen waren, und so in den Westen gelangte.

Die A, B und C-Posten

Im "normalen" Betrieb gab es unterschiedliche "Postenpunkte", eingeteilt in A, B und C. A-Posten standen dort, wo die Schlupfwinkel waren, vor allem an den "Gassen", wo Bahngleise ungehindert in den Westen führten. B-Posten saßen irgendwo zwischen Grenzzaun und Grenzsignalzaun im Sperrgebiet. Sie waren selbst eingesperrt. C-Posten kontrollierten vor allem jene, die im Grenzgebiet wohnten. Die Dorfrepublik Rüterberg an der Elbe in Mecklenburg ist vielleicht das bekannteste Beispiel dafür, dass ein Ort komplett von Zäunen eingeschlossen sein konnte und die Einwohner nur durch ein Tor kontrolliert hinein- und hinauskonnten. Als es mit der Grenze endlich zu Ende war, wollte Rüterberg weiter seine Eigenständigkeit zeigen und nannte sich fortan Republik. Das Schweriner Innenministerium hat Rüterberg den Namen sogar offiziell bestätigt. Auch Lauchröden in Thüringen ist ein bekanntes Beispiel für ein Dorf, das komplett eingezäunt war. Manchmal gab es zwei Dörfer nebeneinander, zwischen denen die Grenze verlief. In solchen Fällen wurde nach dem Berliner Beispiel eine Mauer gebaut, um jeden Kontakt zu unterbinden. Es konnte aber auch sein, dass die Grenzsoldaten Landwirte durch ein Tor auf ihre Felder zwischen Signalzaun und Grenzzaun zu lassen und dort zu kontrollieren hatten. Der Bauer bedankte sich mitunter mit einem Bier oder manchmal einer Flasche Schnaps. Auch Forstarbeiter mussten ins unmittelbare Sperrgebiet eingelassen werden. Oder Bauarbeiter. Die ganz Mutigen wechselten auch mal ein Wort mit den Beamten vom Zoll, die an ihren VW-Bussen standen und durch Feldstecher in den Osten blickten.

Die Grenzposten waren durch ein Grenzmeldenetz untereinander verbunden. Manchmal sieht man heute noch Reste der Säulen, wo man per Hörer das Netz erreichen konnte. Jeder Grenzabschnitt hatte seine Befehlszentrale, manchmal in einem Bunker, manchmal auch in einer der Grenzkompanien - jenen Gebäuden, die als Kasernen dienten, nach einem Muster überall an der Grenze entlang errichtet wurden und noch heute zu sehen sind. Grenzsoldaten wurden besser verpflegt als andere DDR-Soldaten. Es gab auch seltener Exzesse, wie sie aus anderen Truppenteilen jahrgangsweise üblich waren. Man wusste, irgendwann würde man zusammen als Posten eingeteilt, da war es besser, das gemeinsame Leid als geteiltes Leid zu sehen.

Ein Grenzturm als Ferienwohnung

Erst unmittelbar vor Beginn der jeweiligen Schicht erfuhren die Soldaten, wer mit wem in den Dienst musste und auf welchen "Postenpunkt". Der Grenzdienst begann mit der sogenannten Vergatterung. Der Schießbefehl, um den so viel gestritten wurde und wird, war Teil dieser Vergatterung. Für Juristen ist es freilich ein feiner Unterschied, ob der Befehl nur mündlich gegeben wird oder in einem Gesetz steht. Auch wenn Erich Honecker schon 1974 "ein einwandfreies Schussfeld" gefordert hatte und dass "von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch" zu machen sei. Unter den Grenzsoldaten gab es auch hier viele Gerüchte: Von Sonderurlaub war die Rede für Leute, die "Grenzverletzer" stellten. Die meisten "Grenzverletzer" wurden ohnehin nicht durch einfache Soldaten aufgespürt, sondern durch die sogenannten Grenzaufklärer. Das waren zumeist Unteroffiziere mit längerer Dienstzeit, die sich frei im unmittelbaren Grenzgebiet bewegten, Posten kontrollierten und offenbar ansonsten Sonderaufgaben erfüllten - eine unheimliche Mannschaft.

Die Grenzsoldaten waren unter den Einheimischen durchaus beliebt. Sie füllten bei Ausgang die wenigen Gasthäuser, und manches Mädchen hoffte, auf diesem Weg aus der Tristesse seines eingesperrten Lebens erlöst zu werden. Die Offiziere und Unteroffiziere lebten mit den Einheimischen Tür an Tür. Die Grenzkompanien waren das, was man heute einen Wirtschaftsfaktor nennen würde: Und sei es durch die Küchenfrauen, die den Soldaten ihre "Postenbrote" schmierten und dabei versuchten, Abwechslung in die "Postentasche" zu bringen, einen Apfel, ein Schokoladentäfelchen, manchmal sogar eine Banane. Wer endlich wieder nach Hause durfte, sah sich auf seiner letzten Fahrt im Lkw der Grenzkompanie noch einmal um, als müsse er die Bilder speichern. Hierher würde er nie wieder gelangen. Es kam anders, und wohl die meisten früheren Grenzsoldaten haben sich nach dem Mauerfall aufgemacht, ihre früheren Postengebiete noch einmal anzusehen. Die einst abgerissenen Brücken waren nun wieder da, die Straßen zwischen Ost und West nicht mehr unterbrochen. In Lauchröden war die Brücke über die Werra, deren Brückenkopf eben noch streng bewachtes Niemandsland gewesen war, innerhalb weniger Wochen wieder errichtet. Der Grenzturm in der Dorfrepublik Rüterberg mit Blick über die Elbe ist heute eine Ferienwohnung.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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