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Allensbach-Umfrage : Die diffusen Ängste der Deutschen

  • -Aktualisiert am

No-Go-Area: Fast jeder zweite Deutsche kann ein Gebiet in seiner Nähe benennen, in dem er nachts nicht allein unterwegs sein möchten. Hier ein Bild des Duisburger Problembezirks Marxloh. Bild: dpa

Immer mehr Deutsche fühlen sich heute unsicherer als vor einigen Jahren. Besonders Frauen fürchten verstärkt Übergriffe. Was die wachsende Beunruhigung besonders bemerkenswert macht, ist der Abgleich mit der polizeilichen Kriminalstatistik.

          Seit den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln werden auch in der öffentlichen Diskussion verstärkt kulturelle Prägungen, Regelakzeptanz und Risiken für die innere Sicherheit thematisiert. Der öffentliche Diskurs nimmt damit verspätet Sorgen auf, die die Bevölkerung schon lange bewegen und die auch seit Jahren zunehmen – lange bevor die Flüchtlingszahlen steil anstiegen. Das gilt gerade für die innere Sicherheit, die nach dem Empfinden der Bürger immer weniger garantiert ist.

          Dieser Eindruck ist nicht erst kürzlich entstanden. Vor zehn Jahren hatten 47 Prozent der Bürger den Eindruck, dass die Kriminalität in Deutschland zunimmt, 2014 bereits 60 Prozent, jetzt 69 Prozent. Der Zustrom an Flüchtlingen ist damit nicht entscheidend für die wachsende Besorgnis, vergrößert sie jedoch. 79 Prozent sind überzeugt, dass mit der Zahl der Flüchtlinge auch die Kriminalität zunehmen wird; 43 Prozent erwarten nur einen begrenzten Anstieg der Straftaten, 36 Prozent jedoch erhebliche Auswirkungen. Sorgen über die Entwicklung der Flüchtlingszahlen korrelieren eng mit der Befürchtung, dass dies auch zu mehr Rechtsverstößen führen könnte. Von denjenigen, die über die Flüchtlingssituation sehr besorgt sind, befürchten 60 Prozent erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der Delikte.

          Die Angst vor Kriminalität nimmt zu

          Die Sorge, persönlich durch Kriminalität gefährdet zu sein, nimmt seit Jahren auffallend zu. Vor fünf Jahren fühlten sich noch zwei Drittel sicher; 26 Prozent machten sich Sorgen, sie könnten Opfer eines Verbrechens werden. 2014 lag dieser Anteil bereits bei 45 Prozent, jetzt bei 51 Prozent. Nur eine kleine Minderheit davon fühlt sich akut bedroht. Dieser Kreis hat sich jedoch in den vergangenen Jahren verdreifacht, von drei auf neun Prozent. Überdurchschnittlich besorgt sind Frauen, über 60-Jährige und die Ostdeutschen. 41 Prozent der Männer, aber 60 Prozent der Frauen fühlen sich nicht sicher; fünf Prozent der Männer, 12 Prozent der Frauen fühlen sich akut bedroht.

          Auch andere Indikatoren spiegeln das schon seit Jahren wachsende Bedrohungsgefühl, gerade auch der Frauen. Der Anteil derer, die in der Nähe ein Gebiet benennen können, in dem sie nachts nicht allein unterwegs sein möchten, hat in den vergangenen zehn Jahren von 33 auf 44 Prozent zugenommen. Auch hier zeigt sich: 30 Prozent der Männer, aber 56 Prozent der Frauen äußern diese Ängste. Das Bedrohungsgefühl hat bei Frauen stärker zugenommen als bei Männern.

          So ist der Anteil der Männer, die aus Sorge vor Übergriffen bestimmte Gebiete meiden, in den letzten zehn Jahren von 23 auf 30 Prozent gestiegen, bei Frauen von 42 auf 56 Prozent. Dieselbe Entwicklung zeigt sich bei den generellen Sorgen, Opfer eines Verbrechens zu werden. Noch vor fünf Jahren fühlten sich 71 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen weitgehend sicher. Heute haben noch 54 der Männer, aber nur 37 Prozent der Frauen dieses Gefühl. Auch hier zeigt sich, dass sich die Verunsicherung nicht erst jüngst ausbreitete, sondern bereits zwischen 2011 und 2014. In diesem Zeitraum nahm der Anteil der Frauen, die sich nicht sicher fühlen, von 33 auf 51 Prozent zu und stieg bis heute weiter auf 60 Prozent.

          Mehrheit setzt auf bessere Ausrüstung der Polizei

          Die bisherige Struktur der Flüchtlinge mit einem weit überproportionalen Anteil junger Männer und ihre an vielen Orten zentrale Unterbringung verstärken solche Ängste. 24 Prozent der Bürger haben sich im Zusammenhang mit Flüchtlingen schon unterwegs unsicher und ängstlich gefühlt, von den Männern 18 Prozent, von den Frauen 31 Prozent. Dabei schätzen Frauen die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Flüchtlingszustrom auch in den Kriminalitätsstatistiken niederschlagen wird, nicht anders ein als Männer. Sie fühlen sich davon jedoch weitaus mehr persönlich betroffen.

          Mittlerweile führt die Befürchtung, dass Gewalt und Kriminalität künftig zunehmen werden, den Sorgenkatalog an. Diese Befürchtung ist seit 2014 von 52 auf 82 Prozent angestiegen. Aber so fatalistisch die Bürger zurzeit in Bezug auf die Lösbarkeit vieler Probleme sind: Hinsichtlich der inneren Sicherheit ist die Mehrheit überzeugt, dass es aussichtsreiche Konzepte und Maßnahmen gibt, um die Zahl der Delikte zu vermindern. Diese Überzeugung ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, parallel zu der kritischeren Bewertung des aktuellen Zustands der inneren Sicherheit. 2006 waren nur 32 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Zahl der Verbrechen zwar zunimmt, dass sich dieser Entwicklung jedoch Einhalt gebieten lässt. Heute vertreten 50 Prozent diese Position.

          Die Bürger setzen vor allem auf eine Verstärkung und Aufrüstung der Polizei, auf Maßnahmen zur Überwachung und Kontrolle sowie die konsequente Abschiebung von straffälligen Asylbewerbern. 92 Prozent unterstützen mehr Personal für die Polizei, 90 Prozent eine bessere Ausrüstung der Sicherheitskräfte. Zwei Drittel möchten der Polizei auch mehr Rechte und Kompetenzen zuweisen, unter anderem auch die Möglichkeit, Terrorverdächtige ohne Nachweis einer konkreten Straftat in Sicherungsverwahrung zu nehmen.

          Bürger wollen keine Privatisierung der Sicherheit

          90 Prozent halten es für richtig, Flughäfen oder Bahnhöfe kontinuierlich mit Kameras zu überwachen. 84 Prozent unterstützen die Erfassung von Fingerabdrücken von jeder Person, die einreist. Die Hälfte der Bevölkerung befürwortet auch die flächendeckende Erfassung und Speicherung des Fingerabdrucks aller Bürger, um die Verbrechensbekämpfung zu erleichtern. 81 Prozent fordern eine Erleichterung der Abschiebung von Asylbewerbern, die auch nur im Verdacht stehen, an einer Straftat beteiligt zu sein.

          Die Mehrheit kann sich sogar für den verstärkten Einsatz der Bundeswehr im Innern erwärmen, zum Beispiel zum Schutz von Gebäuden und Personen. Es gibt nur drei Maßnahmen, die von den meisten abgelehnt werden: Die eine ist eine Verschärfung der Strafe für besonders schwere Verbrechen durch Wiedereinführung der Todesstrafe. Nur 17 Prozent befürworten dies; über Jahrzehnte hinweg ist die Haltung zur Todesstrafe immer kritischer geworden. Die Bevölkerung kann sich auch nicht vorstellen, dass von einer Wiedereinführung der Todesstrafe eine nennenswerte präventive Wirkung ausgehen würde.

          Daneben werden vor allem Maßnahmen kritisch gesehen, die die innere Sicherheit aus der Verantwortung des Staates verstärkt in die der Bürger überführen. Weder die Gründung von Bürgerwehren noch die Erleichterung des Waffenbesitzes finden nennenswerte Unterstützung. Nur 18 Prozent befürworten die Gründung von Bürgerwehren, um der Kriminalität vorzubeugen, ganze 9 Prozent die Erleichterung des Waffenbesitzes für Privatleute. Privater Waffenbesitz wird seit Jahrzehnten sehr kritisch gesehen. Auch vor zehn Jahren sprachen sich nur 8 Prozent für die Erleichterung des Waffenbesitzes aus, 83 Prozent dagegen. Die Haltung zu Bürgerwehren ist heute sogar noch kritischer als vor zehn Jahren. Damals hielten 24 Prozent dies für sinnvoll, jetzt nur noch 18 Prozent; der Kreis der Gegner hat sich in diesem Zeitraum von 53 auf 62 Prozent erhöht.

          Grüne und Linke lehnen Bundeswehreinsatz im Innern ab

          Dagegen ist die Unterstützung für eine bessere personelle Ausstattung und auch Ausrüstung der Polizei signifikant angestiegen. Vor zehn Jahren sprachen sich 74 Prozent für die Einstellung von mehr Polizisten aus, 72 Prozent für eine bessere Ausrüstung der Polizei; heute gibt es bei dieser Forderung einen breiten Konsens von über 90 Prozent.

          Bei vielen Maßnahmen gibt es auch einen parteiübergreifenden Konsens. Das gilt in Bezug auf die Ausstattung der personellen Kapazitäten der Polizei und ihre Ausrüstung, für die Überwachung öffentlicher Plätze, die Abschiebung straffälliger Asylbewerber und die Erfassung von Fingerabdrücken bei der Einreise. Diese Maßnahmen werden auch von den meisten der Anhänger der Grünen und der Linken unterstützt; kritischer als die Anhänger anderer Parteien sehen sie dagegen den Einsatz der Bundeswehr im Innern.

          AfD-Anhänger verlangen nach Law-and-Order

          Die Anhänger der AfD befürworten nicht nur solche Einsätze der Bundeswehr überdurchschnittlich, sondern auch Sicherungsverwahrungen für Terrorverdächtige, die Wiedereinführung der Todesstrafe, Bürgerwehren und die Erleichterung des Waffenbesitzes für Privatleute. Während sich die große Mehrheit der Anhänger der anderen Parteien sowohl gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe wie gegen die Gründung von Bürgerwehren ausspricht, werden diese Maßnahmen nur von rund einem Viertel der Anhänger der AfD abgelehnt. Die Erleichterung des Waffenbesitzes wird zwar auch von der Mehrheit der AfD-Anhänger kritisch gesehen, jedoch weniger als von den Anhängern anderer Parteien: Während sich 83 Prozent der gesamten Bevölkerung gegen die Erleichterung des Waffenbesitzes aussprechen, teilen 56 Prozent der Anhänger der AfD diese Haltung. Insgesamt zeigen die Anhänger der AfD eine deutlich überdurchschnittliche Neigung, die Verantwortung für innere Sicherheit auch bei den Bürgern selbst anzusiedeln; so befürworten nur 18 Prozent der Bevölkerung, aber 42 Prozent der Anhänger der AfD die Gründung von Bürgerwehren.

          Was die wachsende Beunruhigung besonders bemerkenswert macht, ist der Abgleich mit der polizeilichen Kriminalstatistik. Sie weist für den Zeitraum ab 2006 weder einen Anstieg der erfassten Delikte noch eine größere Zahl von Delikten je 100.000 Einwohner aus. Für 2015 liegen noch keine Daten vor; zwischen 2006 und 2014 ging die Zahl der registrierten Delikte jedoch von 6,3 Millionen auf 6,08 Millionen zurück, die Zahl der Delikte je 100.000 Einwohner von 7647 auf 7530. Es gab jedoch unterschiedliche Entwicklungen bei den verschiedenen Gattungen von Straftaten. Wohnungseinbrüche – ein Delikt, das die Bürger besonders aufmerksam registrieren – nahmen über mehrere Jahre signifikant zu: 2006 wurden 106.000 Wohnungseinbrüche registriert, 2014 152.000; im selben Zeitraum nahm die Zahl der Einbruchsversuche von 39.000 auf 63.000 zu. Insgesamt lässt sich die erheblich gewachsene Beunruhigung mit der faktischen Entwicklung der Kriminalität nur teilweise erklären. Die wachsende Besorgnis verändert jedoch das Verhalten und die Erwartungen an die Politik.

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