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Aktualisiert: 17.02.2016, 16:00 Uhr

Allensbach-Umfrage Die diffusen Ängste der Deutschen

Immer mehr Deutsche fühlen sich heute unsicherer als vor einigen Jahren. Besonders Frauen fürchten verstärkt Übergriffe. Was die wachsende Beunruhigung besonders bemerkenswert macht, ist der Abgleich mit der polizeilichen Kriminalstatistik.

von Renate Köcher
© dpa No-Go-Area: Fast jeder zweite Deutsche kann ein Gebiet in seiner Nähe benennen, in dem er nachts nicht allein unterwegs sein möchten. Hier ein Bild des Duisburger Problembezirks Marxloh.

Seit den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln werden auch in der öffentlichen Diskussion verstärkt kulturelle Prägungen, Regelakzeptanz und Risiken für die innere Sicherheit thematisiert. Der öffentliche Diskurs nimmt damit verspätet Sorgen auf, die die Bevölkerung schon lange bewegen und die auch seit Jahren zunehmen – lange bevor die Flüchtlingszahlen steil anstiegen. Das gilt gerade für die innere Sicherheit, die nach dem Empfinden der Bürger immer weniger garantiert ist.

Dieser Eindruck ist nicht erst kürzlich entstanden. Vor zehn Jahren hatten 47 Prozent der Bürger den Eindruck, dass die Kriminalität in Deutschland zunimmt, 2014 bereits 60 Prozent, jetzt 69 Prozent. Der Zustrom an Flüchtlingen ist damit nicht entscheidend für die wachsende Besorgnis, vergrößert sie jedoch. 79 Prozent sind überzeugt, dass mit der Zahl der Flüchtlinge auch die Kriminalität zunehmen wird; 43 Prozent erwarten nur einen begrenzten Anstieg der Straftaten, 36 Prozent jedoch erhebliche Auswirkungen. Sorgen über die Entwicklung der Flüchtlingszahlen korrelieren eng mit der Befürchtung, dass dies auch zu mehr Rechtsverstößen führen könnte. Von denjenigen, die über die Flüchtlingssituation sehr besorgt sind, befürchten 60 Prozent erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der Delikte.

Die Angst vor Kriminalität nimmt zu

Die Sorge, persönlich durch Kriminalität gefährdet zu sein, nimmt seit Jahren auffallend zu. Vor fünf Jahren fühlten sich noch zwei Drittel sicher; 26 Prozent machten sich Sorgen, sie könnten Opfer eines Verbrechens werden. 2014 lag dieser Anteil bereits bei 45 Prozent, jetzt bei 51 Prozent. Nur eine kleine Minderheit davon fühlt sich akut bedroht. Dieser Kreis hat sich jedoch in den vergangenen Jahren verdreifacht, von drei auf neun Prozent. Überdurchschnittlich besorgt sind Frauen, über 60-Jährige und die Ostdeutschen. 41 Prozent der Männer, aber 60 Prozent der Frauen fühlen sich nicht sicher; fünf Prozent der Männer, 12 Prozent der Frauen fühlen sich akut bedroht.

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Auch andere Indikatoren spiegeln das schon seit Jahren wachsende Bedrohungsgefühl, gerade auch der Frauen. Der Anteil derer, die in der Nähe ein Gebiet benennen können, in dem sie nachts nicht allein unterwegs sein möchten, hat in den vergangenen zehn Jahren von 33 auf 44 Prozent zugenommen. Auch hier zeigt sich: 30 Prozent der Männer, aber 56 Prozent der Frauen äußern diese Ängste. Das Bedrohungsgefühl hat bei Frauen stärker zugenommen als bei Männern.

Infografik / Sorgen um die innere Sicherheit -1 © F.A.Z. Vergrößern

So ist der Anteil der Männer, die aus Sorge vor Übergriffen bestimmte Gebiete meiden, in den letzten zehn Jahren von 23 auf 30 Prozent gestiegen, bei Frauen von 42 auf 56 Prozent. Dieselbe Entwicklung zeigt sich bei den generellen Sorgen, Opfer eines Verbrechens zu werden. Noch vor fünf Jahren fühlten sich 71 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen weitgehend sicher. Heute haben noch 54 der Männer, aber nur 37 Prozent der Frauen dieses Gefühl. Auch hier zeigt sich, dass sich die Verunsicherung nicht erst jüngst ausbreitete, sondern bereits zwischen 2011 und 2014. In diesem Zeitraum nahm der Anteil der Frauen, die sich nicht sicher fühlen, von 33 auf 51 Prozent zu und stieg bis heute weiter auf 60 Prozent.

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