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Allensbach-Umfrage für die F.A.Z. Produzieren wir eine Schicht sozialer Verlierer?

17.08.2011 ·  Unter- und Mittelschicht bleiben abhängig vom Arbeitseinkommen. Die Oberschicht hat sich aus dieser Abhängigkeit gelöst. Aber auch sonst läuft vieles auseinander in der Gesellschaft.

Von Professor Dr. Renate Köcher
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Deutschland ist ein Land, in dem soziale Unterschiede Unbehagen hervorrufen, weitaus mehr, als das in vielen anderen Ländern der Fall ist. Zwar wünscht die große Mehrheit keine egalitäre Gesellschaft, aber auch keine zu großen und auffallenden sozialen Unterschiede. Die meisten sind jedoch davon überzeugt, dass die Unterschiede zwischen den Schichten groß sind und künftig weiter wachsen werden. 79 Prozent der Bürger erwarten für die Zukunft wachsende soziale Unterschiede, 70 Prozent, dass eine immer größere Zahl von Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht mehr wird mithalten können.

Angesichts der massiven politischen Korrekturen zugunsten des Ausgleichs zwischen den sozialen Schichten mit Hilfe von Steuer- und Sozialpolitik scheint diese Sorge auf den ersten Blick schwer verständlich. Die materielle Lage der Bevölkerung verbessert sich zudem durch den wirtschaftlichen Aufschwung zurzeit in allen sozialen Schichten, auch in der Unterschicht. Erstmals seit dem Ende der neunziger Jahre steigen die frei verfügbaren Einkommen sowie die materielle Zufriedenheit in allen sozialen Schichten wieder deutlich an.

Trotzdem entwickelt sich die materielle Lage der sozialen Schichten auseinander. Dies geschieht fast zwangsläufig in einer freien Gesellschaft in längeren Friedenszeiten. Während die Unter- und Mittelschicht stark von der konjunkturellen Entwicklung, den Chancen auf dem Arbeitsmarkt und der Entwicklung der Löhne und Gehälter abhängen, können sich die oberen Sozialschichten sukzessive aus dieser Abhängigkeit lösen – durch Vermögen und wachsende Vermögenseinkünfte, Erbschaften und Schenkungen. Auch eine Steigerung der Lebenshaltungskosten wie beispielsweise der Ausgaben für Energie und Wohnen trifft die sozialen Schichten sehr unterschiedlich. Aufgrund der konjunkturellen Schwächephasen und der Entwicklung der Lebenshaltungskosten stagnierte zwischen dem Beginn der neunziger Jahre und 2007 das frei disponible Einkommen, das nach Begleichen aller notwendigen Lebenshaltungskosten verbleibt, in den unteren Schichten nominal und ging entsprechend real zurück; die Mittelschicht verzeichnete im selben Zeitraum nominal Zuwächse, real leichte Verluste und lediglich die nach Bildung, beruflicher Position und Einkommen oberen 20 Prozent nominal und auch real deutliche Zuwächse ihrer finanziellen Spielräume.

Signifikante Unterschiede

Entsprechend wird heute auch die eigene materielle Lage in den sozialen Schichten unterschiedlicher beurteilt als früher. Die Mittel- und die Unterschicht bewerten ihre materielle Lage trotz der zurzeit steigenden Zufriedenheit signifikant kritischer als in den neunziger Jahren, anders als die nach Bildung und Einkommen oberen 20 Prozent. Von diesen sind 70 Prozent mit der eigenen wirtschaftlichen Lage zufrieden, von der Mittelschicht 42 Prozent, von den unteren Sozialschichten 23 Prozent. Ende der neunziger Jahre bewerteten noch knapp die Hälfte der Mittelschicht und 31 Prozent der unteren Sozialschichten die eigene wirtschaftliche Lage ohne Abstriche positiv.

Die sozialen Schichten bewegen sich jedoch nicht nur in Bezug auf ihre materielle Lage auseinander, sondern auch in Bezug auf ihre Interessen, Lebensstile, Weltanschauungen und Alltagskultur. So ist beispielsweise die zunehmende Gesundheitsorientierung primär ein Oberschichtenphänomen. Die oberen Sozialschichten beschäftigen sich intensiver mit Gesundheit und Ernährung, treiben mehr Sport und halten Gesundheit und körperliche Fitness weitaus mehr für ein Ergebnis des eigenen Verhaltens und damit für steuerbar. In den unteren Sozialschichten messen nur 23 Prozent körperlicher Fitness sehr große Bedeutung bei, in der Oberschicht 42 Prozent. Von den unter 70-Jährigen aus den oberen Sozialschichten treibt jeder Zweite regelmäßig Sport, in der Mittelschicht jeder Dritte, in den unteren Sozialschichten gerade einmal 15 Prozent.

Besonders frappierend ist die Entwicklung des Rauchens in den sozialen Schichten. Vor 30 Jahren gab es hier keine signifikanten Unterschiede; tendenziell wurde in der Oberschicht mehr geraucht als in der Unterschicht: 39 Prozent rauchten in den oberen Sozialschichten, 37 Prozent in den unteren. Damals rauchten allerdings Männer aus der Unterschicht weitaus mehr als Männer aus der Oberschicht, während es bei Frauen umgekehrt war. Heute präsentiert sich ein völlig anderes Bild: In der Oberschicht hat sich der Anteil der Raucher halbiert, bei Männern wie Frauen, in den unteren Schichten ist der Anteil der Raucher lediglich von 37 auf 34 Prozent zurückgegangen, bei Frauen sogar angestiegen. Von den unter 30-Jährigen aus der Oberschicht rauchen heute 18 Prozent, in der Unterschicht 54 Prozent.

Die Breite des Interessenspektrums

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Gesundheitsorientierung und Lebensführung kann kaum überraschen, dass die unteren Sozialschichten eine weitaus ungünstigere Bilanz ihres eigenen Gesundheitszustandes ziehen als die Mittel- und Oberschicht. Nur jeder zweite unter 70-Jährige aus den unteren Sozialschichten bewertet den eigenen Gesundheitszustand positiv, dagegen 69 der Mittel- und 78 Prozent der Oberschicht.

Nicht nur in Bezug auf den Umgang mit dem eigenen Körper und der bewussten Gesundheitsorientierung zeigen sich wachsende Unterschiede, sondern auch bei der Entwicklung des Interessenspektrums. Dass die Breite des Interessenspektrums von Bildung, beruflicher Position und Einkommen abhängt, ist zunächst kaum überraschend. Beunruhigend ist jedoch, dass insbesondere bei Jüngeren aus den unteren Sozialschichten das Interesse an Politik, Wirtschaft oder kulturellen Themen steil abgesunken ist. Mitte der neunziger Jahre interessierten sich immerhin noch 45 Prozent der unter 25-Jährigen aus den unteren Schichten zumindest eingeschränkt für Politik, heute nur noch 32 Prozent. In der Mittelschicht ist das Interesse wesentlich moderater abgesunken, in der Oberschicht nur marginal von 67 auf 65 Prozent.

Weniger Chancen

Dies verstärkt die ohnehin großen Unterschiede in der Zuwendung zu gesellschaftlichen Entwicklungen und Debatten. In den oberen Sozialschichten hält es die überwältigende Mehrheit für wichtig, sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen und sich darüber mit anderen auszutauschen, in den unteren Sozialschichten 39 Prozent. Für 71 Prozent der Oberschicht, auch 57 Prozent aus der Mittelschicht ist es wichtig, über aktuelle politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein. 45 Prozent der unteren Sozialschichten, von den unter 30-Jährigen aus dieser Schicht gerade einmal 25 Prozent sehen dies so.

Das ganze Informationsverhalten und insbesondere die Lesekultur der sozialen Schichten entwickeln sich auseinander. Während der Anteil der weitgehend leseabstinenten unter 30-Jährigen, die seltener als einmal im Monat zu einem Buch greifen, bei den Absolventen einer höheren Schulbildung konstant bei 24 Prozent liegt, ist er bei unter 30-Jährigen mit einfacher Schulbildung seit dem Ende der neunziger Jahre von 41 auf 60 Prozent angestiegen. Leseaffinität wird immer stärker schichtgebunden. Angehörige der Mittel- und insbesondere der Oberschicht haben weitaus mehr den Eindruck, dass sie Informationen besser verstehen und behalten, wenn sie sie gelesen haben. Umgekehrt empfinden Angehörige der Unterschicht Lesen weit überdurchschnittlich als anstrengend. Die Erziehungsziele von Eltern aus den verschiedenen sozialen Schichten lassen erwarten, dass sich diese Unterschiede künftig weiter vergrößern. Von den Eltern von Schulkindern aus den höheren sozialen Schichten möchten annähernd 70 Prozent ihren Kindern unter anderem Lesefreude vermitteln, von den Eltern aus den unteren sozialen Schichten gerade einmal 26 Prozent.

Kinder aus den unteren Schichten haben weitaus weniger Chancen, mit Büchern in Kontakt zu kommen. Der Buchbestand in ihrem Elternhaus ist in der Regel gering, Buchhandlungsbesuche sind selten. Von den Eltern aus den oberen Sozialschichten besuchen zwei Drittel mit einer gewissen Regelmäßigkeit Buchhandlungen, von den Eltern aus den unteren Sozialschichten 17 Prozent. Gleichzeitig neigen Eltern aus den unteren Sozialschichten weitaus weniger als Eltern aus der Mittel- und Oberschicht dazu, ihre Kinder in Buchhandlungen mitzunehmen.

Sozialen Schichten driften auseinander

Umgekehrt tendieren Eltern aus den unteren Schichten weit überdurchschnittlich dazu, Fernsehen und Computer gleichsam als Babysitter einzusetzen und ihre Kinder durch diese Medien zu beschäftigen. Generell spielt das Fernsehen in den unteren Sozialschichten eine weitaus größere Rolle als in der Mittel- und Oberschicht. Alle Schichten nutzen dieses Medium; der Anteil der Intensivnutzer, die im Durchschnitt drei und mehr Stunden am Tag fernsehen, liegt jedoch in den unteren Schichten bei 73 Prozent, in der Mittelschicht bei 54 Prozent und in der Oberschicht bei 34 Prozent. Gleichzeitig unterscheiden sich die Senderpräferenzen gravierend. Lediglich ARD und ZDF sprechen alle sozialen Schichten gleichermaßen an, dagegen die auf Informationen konzentrierten privaten Sender primär die oberen Schichten, die anderen privaten Sender überdurchschnittlich die unteren sozialen Schichten.

Auch das Internet wird unterschiedlich genutzt. Die oberen Sozialschichten nutzen das Internet weit überdurchschnittlich für ihre aktuelle Information und die Vorbereitung von Transaktionen und Kaufentscheidungen, während in den unteren Schichten stärker der Einsatz dieses Mediums für Kommunikation und Unterhaltung dominiert. Die Fülle der Optionen für Information und Unterhaltung vergrößert die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten und erhöht damit auch die Herausforderungen für das Bildungssystem und alle Institutionen, die sich um einen zufriedenstellenden Informationsstand quer durch alle Schichten bemühen.

Das Auseinanderdriften der sozialen Schichten ist keineswegs nur eine Frage der materiellen Ausstattung, sondern immer mehr auch der Entwicklung unterschiedlicher Kulturen. Ein besonders ernster Aspekt ist dabei, dass sich die Voraussetzungen, unter denen Kinder aufwachsen, die Impulse, Förderungen und Maximen für die Lebensführung, die sie erhalten, immer mehr unterscheiden.

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