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Allensbach-Umfrage für die F.A.Z. Eine Renationalisierung des Denkens

 ·  Deutschland hat keinen mehrheitlich bevorzugten Freund. Nur 22 Prozent der von Allensbach befragten Deutschen betrachten Amerika als den besten Freund ihres Landes, 18 Prozent setzen die Franzosen an die Spitze der befreundeten Länder.

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Glaubt man der Berichterstattung vieler Massenmedien, dann ist die derzeitige deutsche Außenpolitik eine Katastrophe. Deutschland, so konnte man zum Beispiel kürzlich in einer Tageszeitung aus Süddeutschland lesen, irrlichtere „einfallslos über die Weltbühne“. Ein norddeutsches Blatt stellte fest, das Land habe in letzter Zeit international an Glaubwürdigkeit verloren, ein drittes Blatt, wiederum aus dem Süden des Landes, bezeichnete die Bundesrepublik als „Riesenbaby der Weltpolitik“. Die Formulierung, die Bundesregierung betreibe eine Außenpolitik „ohne Kompass“, scheint sogar schon zu einem feststehenden Schlagwort geworden zu sein, dem anscheinend nur wenige Berichterstatter widerstehen können. Fast einstimmig wird der Eindruck erweckt, Deutschland handle im internationalen Konzert hilf- und orientierungslos und werde von den Führungsmächten der Welt nicht ernst genommen.

Angesichts dieser Berichterstattung deutscher Medien wäre zu erwarten, dass sich in der Bevölkerung die Überzeugung ausbreitet, die Bundesrepublik verliere international an Gewicht - doch das Gegenteil ist der Fall. Wie die jüngste Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag dieser Zeitung zeigt, blicken die Deutschen mit einem Selbstbewusstsein auf ihr Land wie seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr. Auf die Frage „Wie groß ist der Einfluss Deutschlands in der Welt?“ antworten heute 66 Prozent, also knapp zwei Drittel, er sei „sehr groß“ oder „groß“. Im März letzten Jahres gaben nur 47 Prozent diese Antwort. Und auf die Frage „Hat das Gewicht Deutschlands in der Welt in den letzten zehn Jahren zugenommen oder abgenommen, oder ist es gleich geblieben?“ antworten heute 52 Prozent, das Gewicht Deutschlands habe zugenommen. Lediglich 7 Prozent sagen, es habe abgenommen, ein Drittel meint, es sei gleich geblieben.

Deutschland in den Augen der Bürger weltweit besonders einflussreich

Noch eindrucksvoller sind die Antworten, wenn nach der Rolle Deutschlands in Europa gefragt wird. 81 Prozent glauben, dass der Einfluss der Bundesrepublik in Europa groß oder sehr groß sei. Das ist der höchste Wert seit 1997, als die Frage zum ersten Mal gestellt wurde. Und 57 Prozent meinen, dass der Einfluss Deutschlands in Europa in den letzten zehn Jahren zugenommen habe. Auch dies ist ein Rekordwert.

Während in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, Deutschland sei in der Weltgemeinschaft zunehmend isoliert, wächst also bei der Bevölkerung die Überzeugung, es spiele eine immer bedeutendere Rolle. Wie ist das zu erklären? Es spricht einiges dafür, dass hier drei Dinge von Bedeutung sind: das veränderte Selbstbild der Deutschen, die Nachwirkungen der durch den Irak-Krieg ausgelösten Vertrauenskrise gegenüber den Vereinigten Staaten sowie die aktuelle Krise der Eurozone und damit der Europäischen Union.

Einstellung gegenüber Amerika dauerhaft verändert

Über das veränderte Selbstbild der Deutschen ist in den letzten Jahren - vor allem seit der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 - viel geschrieben worden. Es gibt so manche Hinweise darauf, dass die Bevölkerung in den vergangenen zwei Jahrzehnten allmählich das Trauma des Dritten Reiches abgelegt hat und sich zunehmend unbefangen zur eigenen nationalen Identität bekennt. Noch immer ist der Nationalstolz der Deutschen weniger ausgeprägt als der anderer Völker wie etwa der Franzosen oder gar der Amerikaner, doch das Selbstbewusstsein ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen.

Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass sich die Einstellung der Deutschen gegenüber den Vereinigten Staaten seit dem Jahr 2003 nicht nur, wie man zunächst annehmen konnte, kurzfristig als Folge des Golf-Krieges verändert hat, sondern, wie man jetzt erkennen kann, dauerhaft. Seit dem Jahr 1977 stellt das Institut für Demoskopie Allensbach in seinen Bevölkerungsumfragen regelmäßig die Frage „Welches Land betrachten Sie als den besten Freund Deutschlands?“. Über Jahrzehnte hinweg antwortete stets etwa die Hälfte der Befragten, ihrer Ansicht nach seien die Vereinigten Staaten der beste Freund Deutschlands. Dies gilt auch für Zeiten politischen Meinungsstreits zwischen beiden Ländern. Mit dem Beginn des zweiten Irak-Krieges im Jahr 2003, der von der deutschen Bevölkerung heftig abgelehnt wurde, brach dieses zuvor scheinbar unerschütterliche Vertrauen in die Vereinigten Staaten regelrecht in sich zusammen. Im Gegenzug wuchs der Anteil derjenigen, die Frankreich als den besten Freund Deutschlands betrachteten, auf bis zu 41 Prozent, doch nur für kurze Zeit. Heute liegt der Wert wieder bei 18 Prozent und damit fast auf dem aus früheren Jahrzehnten bekannten Niveau, ohne dass sich das Vertrauen in die Vereinigten Staaten wesentlich erholt hätte.

Glauben Sie an den guten Willen Frankreichs?

Dabei hat sich die Grundeinstellung der meisten Deutschen gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika im Verlauf des letzten Jahrzehnts gar nicht so dramatisch verändert. Auf die Frage „Einmal ganz allgemein gefragt: Mögen Sie eigentlich die Amerikaner, oder mögen Sie sie nicht besonders?“ antworten heute 40 Prozent der Westdeutschen und 38 Prozent der Deutschen insgesamt, sie mögen die Amerikaner, 27 Prozent meinen, sie mögen sie nicht besonders. Diese Werte liegen zwar im Langzeittrend auf einem niedrigen Niveau, doch sie sind nicht allzu weit von den Ergebnissen früherer Jahre entfernt. Zwischen 1957 und 2003 schwankte der Anteil derer, die sagten, sie mögen die Amerikaner, in Westdeutschland zwischen 37 und 58 Prozent. Erst im Frühjahr 2005 wurde mit 33 Prozent im Westen und 30 Prozent in Gesamtdeutschland der Tiefpunkt gesetzt.

Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass die Bevölkerung den Vereinigten Staaten heute wesentlich mehr misstraut als in früheren Jahren. Auf die Frage „Glauben Sie, dass Amerika heute den guten Willen zur Zusammenarbeit mit uns hat?“ antworten 59 Prozent mit Ja. An den guten Willen Frankreichs glauben nur 51 Prozent. Der amerikanische Präsident ist sogar sehr beliebt. 68 Prozent der Deutschen sagen heute, sie hätten von Barack Obama eine gute Meinung, nur 10 Prozent sagen „Keine gute Meinung“. Manche Irritationen, die während des Irak-Krieges vor acht Jahren aufgekommen waren und die von vielen Deutschen an der Person des damaligen Präsidenten Bush festgemacht worden waren, haben sich wieder gelegt. Und doch hat sich etwas Grundsätzliches verändert. Das Gefühl, es gebe mit den Vereinigten Staaten gleichsam einen großen Bruder, an den man sich anlehnen und auf den man sich unbedingt verlassen könne, scheint unwiederbringlich verloren zu sein, ohne dass es durch eine vergleichbare emotionale Bindung zu einer anderen Nation ersetzt worden wäre. Mehr als in früheren Jahren haben die Deutschen also den Eindruck, auf sich allein gestellt zu sein. Es ist, als wäre das Land erwachsen geworden.

Zunehmend isolationistische Haltung

Zu dieser Entwicklung kommt nun als dritter Faktor noch die europäische Schuldenkrise hinzu. Es lässt sich nicht leicht beweisen, doch es liegt nahe anzunehmen, dass die Überzeugung, Deutschland müsse als größte und mit Abstand stärkste Volkswirtschaft Europas letztlich für die Schulden Griechenlands und der anderen Krisenstaaten in der Eurozone aufkommen, sowohl den Eindruck von einer großen Bedeutung Deutschlands in Europa befördert als auch das Gefühl, es sei besser, sich nach Möglichkeit aus solchen internationalen Verflechtungen herauszuhalten. In diesem Zusammenhang spielt die außerordentlich gute Verfassung der deutschen Volkswirtschaft eine Rolle, die der Bevölkerung nach Jahren des Umbruchs und des Selbstzweifels das Bewusstsein von Stärke vermittelt.

Deutlich ist jedenfalls, dass sich die leichte Tendenz der Deutschen zu einer isolationistischen Haltung, die bereits seit einigen Jahren erkennbar ist, in jüngster Zeit fortgesetzt hat. Das zeigen die Antworten auf die Frage, mit welchen Ländern der Welt Deutschland möglichst eng zusammenarbeiten soll. Dass Deutschland mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten sollte, meinten im Jahr 2000 77 Prozent der Deutschen, heute sind es 52 Prozent. Eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich befürworteten vor elf Jahren 69 Prozent der Bevölkerung, heute sind davon noch 55 Prozent übrig. Bei Japan ist ein Rückgang von 47 auf 31 Prozent zu verzeichnen, bei Großbritannien von 53 auf 36 Prozent.

Eine gefährliche Entwicklung ist zu erahnen

Auch die Überzeugung, es sei notwendig, Deutschland in internationale Bündnisse einzubinden, scheint allmählich zu erodieren. Bei der aktuellen Umfrage des Allensbacher Instituts wurden die Befragten gebeten anzugeben, mit welchen Maßnahmen am besten für Deutschlands Sicherheit gesorgt werden könne. Dass dies am besten durch die Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato gesichert sei, meinen heute 59 Prozent der Deutschen, im Jahr 2005 waren es noch 66 Prozent. Eine stärkere gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU hielten vor 6 Jahren ebenfalls 66 Prozent für wichtig, heute sind es 63 Prozent. Auf die engen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verwiesen 2005 37 Prozent, heute sind es noch 32 Prozent. Keiner der Rückgänge ist dramatisch, keiner deutet auf ein grundlegend verändertes Weltbild der Bevölkerung, auf zu erwartende umwälzende Veränderungen hin. Doch alle zeigen in die gleiche Richtung: Die Überzeugung, Deutschland benötige eine Einbettung in die internationale Gemeinschaft, verliert langsam, fast unmerklich an Gewicht.

Man muss aufpassen, dass man die hier dargelegten Hinweise nicht überinterpretiert. Doch die Übereinstimmung der Ergebnisse, ihr Gleichklang, lässt eine gefährliche Entwicklung zumindest erahnen. Es könnte sein, dass die Krise der Eurozone viel tiefer gehende Folgen hat, als allgemein angenommen wird. Es ist möglich, dass mit ihr die Axt an die Wurzeln der europäischen Einigung gelegt wird. Sie trägt nicht nur zur Schwächung des Ziels der europäischen Einheit bei, weil die volkswirtschaftliche Entwicklung in den Euroländern zu finanziellen Problemen und sozialen Verwerfungen in der Union führen kann, sondern weil sie, zumindest in Deutschland, eine Renationalisierung des Denkens in der Bevölkerung befördert und damit den Europa-Gedanken gleichsam von innen aushöhlt.

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