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Allensbach-Umfrage Das Unbehagen am Kapitalismus

 ·  Die Bezeichnungen des Kapitalismus rufen unterschiedliche Stellungnahmen hervor. Die Leistungsfähigkeit des Systems hat aber insgesamt überzeugt.

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In den letzten Monaten gab es auffällige Signale einer neuen grundlegenden Kritik an Wirtschaft und Banken bis hin zu Zweifeln an der Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftssystems. In den Vereinigten Staaten formiert sich die Occupy-Wall-Street-Bewegung; in Deutschland erklärten führende SPD-Politiker die Finanzmärkte zu ihren eigentlichen Gegnern und die Bändigung des Finanzkapitalismus zur wesentlichen Aufgabe; in Davos überraschte Klaus Schwab, der Gründer des Wirtschaftsforums, sein Publikum mit dem Verdikt, in seiner heutigen Form passe der Kapitalismus nicht mehr zu der Welt, die uns umgibt.

In der Bevölkerung treffen solche Proteste und Kritiken auf breite Zustimmung. So sind 71 Prozent überzeugt, dass die Macht der Banken und das soziale Ungleichgewicht in den Vereinigten Staaten Gegenbewegungen und Demonstrationen geradezu zwangsläufig herausfordern. Bemerkenswerter ist jedoch, dass sich fast die Hälfte der Bürger Schwabs pauschaler Kapitalismuskritik anschließt, während lediglich 18 Prozent entschieden widersprechen.

Nicht mehr zeitgemäß

Was genau bedeutet diese Zustimmung, wogegen richtet sich das Unbehagen? In dem Wirtschaftslexikon von Gabler wird Kapitalismus als „historisierende und wertende Bezeichnung für die neuzeitlichen kapitalistischen Marktwirtschaften mit dominierendem Privateigentum an Produktionsmitteln und dezentraler Planung des Wirtschaftsprozesses“ beschrieben. Aber haben die Kritiker ernsthaft im Sinn, das Privateigentum in der Wirtschaft in Frage zu stellen, einer zentralen Planung der Wirtschaft das Wort zu reden und die auf freiem Unternehmertum fußende Marktwirtschaft zur Disposition zu stellen?

Für die große Mehrheit der Bevölkerung sind Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht das Gleiche. Entsprechend fällt die Reaktion auf pauschale Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftssystems sehr unterschiedlich aus, je nach dem ob der Begriff Kapitalismus oder aber Marktwirtschaft eingesetzt wird. Während 48 Prozent zustimmen, der Kapitalismus sei in seiner heutigen Form nicht mehr zeitgemäß, fällen nur noch, aber immerhin 24 Prozent über die Marktwirtschaft dieses Urteil. Bemerkenswert ist die große Unsicherheit in der Beantwortung dieser Frage: Lediglich 39 Prozent widersprechen dezidiert, 37 Prozent sind unschlüssig. Und obwohl die große Mehrheit zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft Unterschiede sieht, steht für 66 Prozent außer Frage, dass das deutsche Wirtschaftssystem ein kapitalistisches System ist.

Ungleichheit, Ausbeutung und Gier

Auch die Assoziationen zu Kapitalismus ähneln in weiten Teilen den Gedanken, die die Bürger mit Marktwirtschaft verbinden. Die große Mehrheit assoziiert mit beiden Begriffen Gewinnstreben, Gier, soziale Ungleichgewichte, jedoch auch Privateigentum, Unternehmergeist und Leistung, ebenso Wirtschaftskrisen, aber gleichzeitig Wachstum und Wohlstand. Kapitalismus wird mehr als die Marktwirtschaft mit sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Gier assoziiert, Marktwirtschaft stärker mit Fortschritt, Freiheit, Wachstum und Verantwortungsgefühl.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Verbindungen mit beiden Begriffen, besonders ausgeprägt aber mit dem Kapitalismus verändert. 1992, als die Erinnerung an die Rivalität von Kapitalismus und Sozialismus noch lebendig war, assoziierten 48 Prozent der Bürger Kapitalismus mit Freiheit, heute nur noch 27 Prozent. Assoziationen mit Fortschritt sind im selben Zeitraum sogar von 69 auf 38 Prozent zurückgegangen, die Verbindungen mit Ausbeutung dagegen von 66 auf 77 Prozent gestiegen.

Vergegenwärtigt man sich, dass die große Mehrheit der Bevölkerung das deutsche Wirtschaftssystem durchaus als ein kapitalistisches einordnet und eine grundlegende Kritik an der Marktwirtschaft auf eine sehr diffuse Reaktion trifft, liegt es nahe, die Signale der letzten Monate als Beginn einer breiteren systemkritischen Bewegung zu deuten.

Die Bürger sehen durchaus Anlass zu Kritik. Sie beanstanden vor allem die Einkommensunterschiede, die nach Meinung von 70 Prozent zu groß sind, aber auch die Risiken, sozial abzusteigen, den Leistungsdruck und die Unsicherheit der Arbeitsplätze. Dabei wird nur begrenzt zwischen Unsicherheit und unzureichenden Garantien getrennt: 62 Prozent halten die Unsicherheit der Arbeitsplätze für zu groß, 49 Prozent kritisieren, dass es keine Arbeitsplatzgarantie wie in sozialistischen Systemen gibt. Die Mehrheit moniert auch die Veränderungen von Perspektiven und Mentalität in einem marktwirtschaftlichen System: So haben 58 Prozent den Eindruck, der Mensch werde lediglich als Produktionsfaktor Arbeit betrachtet, aber nicht als Person. 50 Prozent werfen der Marktwirtschaft vor, sie fördere Egoismus und Ellbogenmentalität. Fast jeder Zweite sieht in der Marktwirtschaft ein System, das die Starken begünstigt und in dem die Schwachen auf der Strecke bleiben.

Die Kritik am Wirtschaftssystem hat sich in den letzten Jahren verändert - allerdings in eine Richtung, die die neuen Systemkritiker eher als Nachhut einer Bewegung erscheinen lassen, die noch in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts weitaus mehr Resonanz hatte. 2005, nach den Jahren der Wachstumsschwäche, war Kritik an den Unsicherheiten eines marktwirtschaftlichen Systems wesentlich verbreiteter als heute, genauso der Vorwurf, die Marktwirtschaft fördere Egoismus, der harte Konkurrenzdruck gefährde viele Unternehmen und Leistung lohne sich zu wenig. So kritisierten 2005 59 Prozent, dieses Wirtschaftssystem sei generell zu sehr mit Risiken verbunden, heute erheben diesen Vorwurf nur noch 32 Prozent. Die Überzeugung, die Marktwirtschaft begünstige die Starken, während die Schwachen auf der Strecke bleiben, ging von 62 auf 48 Prozent zurück, die Sichtweise, dass das System Egoismus und Ellbogenmentalität fördere, von 64 auf 50 Prozent.

Vertrauen in die Marktwirtschaft

Vor allem in einer Hinsicht wird das Wirtschaftssystem heute von den Bürgern völlig anders beurteilt als in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts: in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit und Effizienz. 2005, nach Jahren steigender Arbeitslosigkeit, erhoben 55 Prozent der Bevölkerung den Vorwurf, dieses Wirtschaftssystem sei nicht leistungsfähig genug, heute dagegen meinen dies nur noch 8 Prozent. Auch die Kritik, Leistung lohne sich im Rahmen dieses Systems zu wenig, ist stark zurückgegangen.

Ludwig Erhard wies einmal darauf hin, man könne kaum erwarten, dass die Menschen ein marktwirtschaftliches System grundsätzlich aufgrund seiner Freiheitsspielräume unterstützen, sondern dass der wirtschaftliche Erfolg und die möglichst breite Teilhabe daran Akzeptanz erzeugen. Die Entwicklung der letzten Jahre hat vielen das Zutrauen in die Erfolgsträchtigkeit der Marktwirtschaft zurückgegeben - umso mehr, als der Kreis kontinuierlich wächst, der von diesem Erfolg profitiert. So lag der Anteil der Bevölkerung, der die eigene wirtschaftliche Lage als schlecht oder eher schlecht bewertet, in den letzten zwanzig Jahren noch nie so niedrig wie heute (11 Prozent). Erstmals seit Jahren stuften sich 2011 auch mehr Menschen als Wohlstandsgewinner denn als Verlierer ein: Noch 2006 zogen 37 Prozent die Bilanz, dass es ihnen wirtschaftlich schlechter gehe als fünf Jahre zuvor, Ende letzten Jahres meinten dies nur noch 25 Prozent. Umgekehrt nahm der Anteil der Wohlstandsgewinner von 19 auf 27 Prozent zu. Die Bürger hoffen auf eine Fortsetzung des Erfolgs der letzten Jahre und sind mit großer Mehrheit auch überzeugt, dass dies wirtschaftliches Wachstum voraussetzt, das sie wiederum in hohem Maße mit einem marktwirtschaftlichen System verbinden.

Die Märkte hätten kaum eine Chance

Der wirtschaftliche Aufschwung hat das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft wiederhergestellt und den Rückhalt für das System gestärkt, der zuvor beunruhigend erodiert war. Zwischen 2000 und 2005 ging der Anteil der Bürger, die das Wirtschaftssystem positiv bewerten, von 46 auf 25 Prozent zurück, während der Anteil der Kritiker von 18 auf 45 Prozent stieg. Heute bewerten wieder 48 Prozent das deutsche Wirtschaftssystem eindeutig positiv, 22 Prozent negativ. Lediglich die Anhänger der Linken stehen dem Wirtschaftssystem überwiegend kritisch gegenüber.

13 Prozent der Bevölkerung, 26 Prozent der Anhänger der Linken, glauben an eine überlegene Alternative. Daher sieht die große Mehrheit keinen Anlass, wegen der zurückliegenden Wirtschafts- und Finanzmarktkrise oder der aktuellen Probleme in Europa das Wirtschaftssystem grundlegend in Frage zu stellen. Lediglich 16 Prozent fordern, das Wirtschaftssystem zur Disposition zu stellen, 61 Prozent widersprechen entschieden.

Vermehrte Eingriffe des Staates in die Wirtschaft werden von den meisten nicht generell, sondern selektiv unterstützt. So halten 79 Prozent eine stärkere Regulierung des Bankenwesens für notwendig, dagegen nur gut ein Drittel ganz allgemein mehr staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft. Der Mehrheit ist durchaus bewusst, dass die Wurzel der europäischen Krise das Ausgabenverhalten der Staaten ist und dass die Märkte kaum eine Chance hätten, Länder mit soliden Staatsfinanzen in die Enge zu treiben.

Die bemerkenswert weite Zustimmung zu einer pauschalen Systemkritik gründet damit nicht in einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem System und der Vision einer überzeugenden Alternative. Vielmehr sind viele bereit, sich aufgrund von selektiven Fehlentwicklungen ohne weiteres einer Pauschalkritik anzuschließen - umso mehr, als die Menschen immer weniger gewohnt und bereit sind, Grundsatzdebatten fundiert zu führen. Das gilt auch für viele derjenigen, die aufgrund ihrer Rolle in der Öffentlichkeit zu klarem Denken und Reden verpflichtet wären.

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