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Allensbach-Analyse : Tatsächliche und gefühlte Intoleranz

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Wie tolerant sind die Deutschen wirklich? Ein Asylbewerber aus Afghanistan in einem Aufnahmeheim in München. Bild: dpa

Das Grundgesetz garantiert die freie Meinungsäußerung. Aber hat sie Grenzen? Wo gibt es gesellschaftliche Tabus? Es zeigt sich, dass das Grundgesetz mehr erlaubt als die Gesellschaft.

          Als der französische Publizist und Pionier der Politikwissenschaft Alexis de Tocqueville 1831 die Vereinigten Staaten von Amerika bereiste, stieß er auf einen merkwürdigen gesellschaftlichen Widerspruch. Obwohl er sich in dem Land mit der freiheitlichsten Gesellschaftsordnung seiner Zeit befand, bemerkte er immer wieder Zeichen persönlicher Unfreiheit, die ihm aus Europa unbekannt waren.

          Bei den demokratischen Völkern, schrieb er, erscheine „die öffentliche Gunst ebenso nötig wie die Luft, die man atmet, und mit der Masse nicht im Einklang zu sein, heißt sozusagen nicht leben. Diese braucht nicht die Gesetze anzuwenden, um die Andersdenkenden unterzukriegen. Die Missbilligung genügt (...). Ich kenne kein Land, in dem im Allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und weniger wahre Freiheit herrscht als Amerika.“

          Man fragt sich zwar ein wenig, was Tocqueville wohl unter „wahrer Freiheit“ verstanden haben mag, doch seine Beobachtung lässt sich in ihren Grundzügen auch heute noch nachvollziehen. Immer wieder haben Reisende auf eine erstaunliche Konformität der Sitten und Normen in der amerikanischen Gesellschaft hingewiesen, die übrigens von Amerikanern selbst oft nicht bemerkt, gelegentlich sogar vehement bestritten wird. Es scheint, als würde die Abwesenheit staatlichen Zwangs unbewusst durch ein umso strikteres Regelwerk ungeschriebener Gesetze und durch eine besonders scharfe soziale Kontrolle kompensiert, die jeden, der gegen das Regelwerk verstößt, mit scharfen gesellschaftlichen Sanktionen bedroht.

          Normen und ungeschriebene Gesetze

          Diese Mechanismen sind nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in allen freien Gesellschaften von großer Bedeutung. Will man also verstehen, welche Kräfte in einer Demokratie vorherrschen und in welche Richtung diese sich bewegt, lohnt es sich, sich mit ihren Normen und den ungeschriebenen Gesetzen auseinanderzusetzen. Welche Meinungen und Verhaltensweisen werden geduldet und welche nicht? Wo gibt es strikte gesellschaftliche Sprachregelungen und Tabus?

          Bild: F.A.Z.

          An welchen Punkten zeigt sich die Gesellschaft gegenüber Normabweichungen intolerant? Dies sind Fragen, die in der jüngsten Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung untersucht wurden. Es zeigt sich, dass es bei manchen Themen einen deutlichen Unterschied zwischen der tatsächlichen und der wahrgenommenen gesellschaftlichen Intoleranz gibt und dass sich am Beginn des Wahljahres die Anhänger der verschiedenen politischen Parteien unterschiedlich stark unter Druck fühlen.

          Grundsätzlich fühlt sich nur eine Minderheit der Deutschen in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt. Auf die Frage „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland seine Meinung frei sagen kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“ antworten 56 Prozent, man könne seine Meinung frei äußern, neun Prozent sagen, dies sei nur mit Einschränkungen möglich, 30 Prozent meinen, man müsse besser vorsichtig sein.

          „Manche Dinge darf man einfach nicht laut aussprechen“

          Dennoch spürt ein erheblicher Teil der Deutschen durchaus den sozialen Druck, dem man ausgesetzt sein kann, wenn man mit seiner Ansicht vom gesellschaftlichen Konsens abweicht. Dies zeigen unter anderem die Antworten auf die Frage: „Neulich sagte uns jemand: ‚Wenn man heute zu einigen Themen das sagt, was man wirklich denkt, wird man schnell zurechtgewiesen oder sogar beschimpft. Manche Dinge darf man einfach nicht laut aussprechen.‘ Sehen Sie das auch so, oder sehen Sie das nicht so?“ Eine knappe relative Mehrheit von 41 Prozent antwortet darauf, sie sehe das auch so, 39 Prozent widersprechen.

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