28.01.2009 · Kurz vor der Gründung des neuen Staates 1949 erwarteten die Deutschen nur wenig von der Bundesrepublik. Heute blicken sie zufrieden auf die vergangenen 60 Jahre zurück. Von Ostalgie ist nichts zu spüren.
Von Thomas PetersenVor 60 Jahren, im Februar 1949, veranstaltete das Institut für Demoskopie Allensbach seine erste für die ganze Bevölkerung repräsentative Mehrthemenumfrage in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Seit dem September des vorangegangenen Jahres tagte in Bonn der Parlamentarische Rat.
Es war absehbar, dass bald ein westdeutscher Bundesstaat gegründet werden würde. Darum enthielt der Fragebogen auch einige Fragen zum neuen Staatswesen. Eine lautete: „Sind Sie für die Bildung eines westdeutschen Bundesstaates, oder sind Sie dagegen?“ 51 Prozent der Westdeutschen sprachen sich für den neuen Staat aus, 23 Prozent dagegen, 26 Prozent äußerten sich gleichgültig oder unentschieden.
Nicht viel von der neuen jungen Republik erwartet
Noch aufschlussreicher sind die Antworten auf eine Frage, bei der bereits die aus heutiger Sicht ungewöhnliche Formulierung das damalige politische Klima widerspiegelt: „Ist Ihnen die zukünftige westdeutsche Verfassung gleichgültig, oder interessieren Sie sich dafür?“ 40 Prozent meinten, das künftige Grundgesetz sei ihnen gleichgültig, 33 Prozent rangen sich zu der Antwort durch, sie interessierten sich „mäßig“ dafür. Lediglich 21 Prozent zeigten sich „sehr interessiert“. Enttäuscht und abgestoßen von den politischen Wirren der Weimarer Republik und der Katastrophe des Dritten Reiches, hatte sich die Mehrheit der Leute von der Politik abgewandt. Von der neuen Bundesrepublik erwartete sie nicht viel.
Wie gering die Identifikation der Westdeutschen mit ihrem Staat zunächst war, wird deutlich an der im Jahr 1951 zum ersten Mal gestellten Frage: „Freuen Sie sich, wenn Sie die schwarzrotgoldene Bundesflagge sehen?“ Lediglich 23 Prozent sagten damals, sie freuten sich, 33 Prozent sagten ausdrücklich, dass sie sich nicht freuten, die übrigen Befragten äußerten sich gleichgültig, kannten die Flagge nicht oder sagten rundheraus, dass ihnen Schwarzweißrot lieber gewesen wäre.
80 Prozent der Deutschen finden das Grundgesetz gut
Wie ist es heute? Wie sehr identifizieren sich die Deutschen im Jubiläumsjahr 2009 mit ihrem Staat und dem politischen System? Wie sehen sie die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Rückblick? Diesen Fragen ist das Institut für Demoskopie Allensbach in seiner jüngsten Umfrage für diese Zeitung nachgegangen. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Identifikation mit dem Staat gewachsen ist. Sie zeigen aber auch, dass eine Gesellschaft viel Zeit braucht, um sich an ein neues politisches System zu gewöhnen.
Auf die Frage „Was sagen Sie eigentlich zu unserer Verfassung, ich meine zu unserem Grundgesetz? Finden Sie das Grundgesetz im Großen und Ganzen gut oder nicht gut?“ antworten heute in Westdeutschland 82 Prozent, sie fänden die Verfassung gut. Im Jahr 1955 gaben nur 30 Prozent die gleiche Antwort, 1972, rund zwei Jahrzehnte nach der Gründung der Republik, waren es 52 Prozent. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Antworten der Befragten in Ostdeutschland heute denen in Westdeutschland von vor mehr als dreißig Jahren ähneln. In den neuen Ländern äußern sich zurzeit 58 Prozent positiv über das Grundgesetz.
Nur wenige sind für radikale Änderungen
Ein ähnliches Antwortmuster erhält man auf die Frage, ob das Grundgesetz nach 60 Jahren durch ein neues Gesetz ersetzt werden müsse, „das besser unseren Bedürfnissen und Interessen entspricht“. Man könnte meinen, dass eine solche Position umso mehr an Bedeutung gewinnt, je länger die Verabschiedung der Verfassung zurückliegt, doch das ist nicht der Fall. 1968 sprachen sich bei einer ähnlich formulierten Frage 26 Prozent der Westdeutschen für ein neues, zeitgemäßeres Grundgesetz aus, heute sind es 22 Prozent. Der Anteil derer, die dies ausdrücklich nicht für nötig halten, ist von 43 auf 63 Prozent gestiegen. In den neuen Bundesländern befürwortet heute noch eine knappe Mehrheit von 41 Prozent ein neues Grundgesetz, 38 Prozent widersprechen. 1991 betrug das Verhältnis noch 58 zu 18 Prozent.
Die Bevölkerung macht sich zurzeit wenig Sorgen um den Zustand des Staatswesens. Der Anteil derer, die sagen, unser Staat sei zu schwach, liegt mit 18 Prozent wesentlich niedriger als noch vor 15 Jahren. Damals vertraten 34 Prozent diese Ansicht. Die Zahl der Befragten, die umgekehrt den Staat für zu stark halten, ist gleichzeitig von 31 auf 20 Prozent zurückgegangen. Die Neigung, politisch radikale Auswege aus einer als untragbar empfundenen Lage zu suchen, ist niedrig wie selten zuvor in den letzten zwei Jahrzehnten. Gemessen wird dies mit einer Frage, bei der den Befragten die Aussage schriftlich vorgelegt wird: „Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft unaufhaltsam auf eine ganz große Krise zusteuert. Mit den derzeitigen politischen Möglichkeiten können wir diese Probleme nicht lösen. Das schaffen wir nur, wenn wir unser politisches System grundlegend ändern.“ Noch im November 2005 stimmten 44 Prozent der Deutschen dieser Aussage zu, heute sind es 31 Prozent. Der westdeutsche Wert ist mit 28 Prozent so niedrig wie zuletzt im Jahr 1988.
Drei Viertel halten die Demokratie für die beste Staatsform
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Verankerung demokratischer Überzeugungen in der Gesellschaft in den letzten Jahren allgemein zugenommen hätte. Hier ist mindestens seit der deutschen Einheit alles in allem eine Stagnation zu verzeichnen. Auf die Frage „Glauben Sie, die Demokratie, die wir in der Bundesrepublik haben, ist die beste Staatsform, oder gibt es eine andere Staatsform, die besser ist?“ antworten seit rund 40 Jahren regelmäßig drei Viertel der Westdeutschen, ihrer Ansicht nach sei die Demokratie die beste Staatsform. Die Zahl derer, die ein anderes System vorziehen würden, pendelt zwischen 4 und 18 Prozent. In den neuen Bundesländern ist die Meinung geteilt.
Hier halten heute 36 Prozent die Demokratie der Bundesrepublik für die beste Staatsform, 24 Prozent glauben, dass es eine andere Staatsform gibt, die besser wäre. Damit sprechen sich heute zwar mehr Befragte für die Demokratie aus als Ende der 1990er Jahre, doch einen eindeutigen, über einen längeren Zeitraum zu verfolgenden Trend gibt es nicht. Das Gleiche gilt für die Antworten auf die Frage: „Wenn Sie einmal an das Leben in Deutschland denken: Ist unsere Gesellschaftsordnung, so wie sie jetzt ist, wert, verteidigt zu werden, oder haben Sie da Zweifel?“ 62 Prozent der Deutschen sagen im Januar 2009, die Gesellschaftsordnung sei es wert, verteidigt zu werden, 25 Prozent äußern Zweifel. Im August 1991 waren die Werte mit 67 beziehungsweise 22 Prozent fast identisch.
Staatsgründung, Mauerbau und Grenzöffnung sind Schlüsselerlebnisse
Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen durchaus mit einem Gefühl der Dankbarkeit zurückblicken, allerdings verblasst allmählich die Erinnerung an die frühen Jahre. Dies zeigt eine Frage, bei der die Interviewer einen Stapel mit Karten überreichten, auf denen Stichworte aus der Geschichte der Bundesrepublik aufgeschrieben waren. Die Befragten wurden gebeten anzugeben, von welchen dieser Ereignisse sie schon einmal gehört hatten.
Während die Schlüsselereignisse Staatsgründung, Mauerbau, Grenzöffnung und Wiedervereinigung eigentlich allen Befragten bekannt waren, wussten nur noch 60 Prozent, dass in den Jahren der Teilung das Ziel der Wiedervereinigung in der Präambel des Grundgesetzes festgehalten war; 52 Prozent erinnerten sich daran, dass die Bundesrepublik in den Jahren der Teilung an einer gemeinsamen deutschen Staatsbürgerschaft festgehalten hat. 45 Prozent wussten von der Ablehnung der Stalin-Note im Jahr 1952, 41 Prozent von der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter. Selbst ein so einschneidendes Ereignis wie die Gründung der Montanunion ist als Stichwort nur noch 62 Prozent der Bevölkerung bekannt.
Adenauer und Brandt die wichtigsten Politiker
Bei einer anderen Frage wurden die Befragten aufgefordert, sich vorzustellen, sie sollten ein Wachsfigurenkabinett einrichten, in dem die bedeutendsten Politiker der letzten 60 Jahre ausgestellt werden. Aus einer Liste mit 28 Namen konnten sie diejenigen auswählen, die ihrer Ansicht nach unbedingt ausgestellt werden sollten. Als einziger Politiker der ersten Generation wurde Konrad Adenauer von einer Mehrheit ausgewählt. Er kam mit 67 Prozent an die erste Stelle, gleichauf mit Willy Brandt.
Gleich darauf folgt Helmut Schmidt, genannt von 66 Prozent. Man kann annehmen, dass sich hier auch die starke Medienpräsenz Schmidts in den letzten Wochen anlässlich seines 90. Geburtstags widerspiegelt. Für Helmut Kohl entschieden sich 60 Prozent, für Hans-Dietrich Genscher 51 Prozent. Ludwig Erhard folgt, genannt von 44 Prozent, erst an siebter Stelle, gleichauf mit Angela Merkel. Lediglich etwas mehr als ein Drittel entschied sich für Theodor Heuss, Kurt Schumacher wählten nur 15 Prozent der Befragten aus.
Von der „Ostalgie“ ist nur wenig zu erkennen
Dass der Verlust der Erinnerung auch mit einer gewissen Verklärung einhergeht, zeigt die Frage: „Wann im 20. Jahrhundert ist es nach Ihrem Gefühl Deutschland am besten gegangen?“ In Ostdeutschland entscheiden sich 58 Prozent der Befragten für die Antwort „im wiedervereinigten Deutschland“, nur 28 Prozent wählen die DDR-Jahre zwischen 1949 und 1989. Somit ist von der oft beschworenen „Ostalgie“ in den neuen Bundesländern nur wenig zu erkennen. In Westdeutschland hingegen herrscht eine nostalgische Vorstellung von der alten Bundesrepublik vor: Fast zwei Drittel sagen hier, die Zeit zwischen 1945 und 1989 und nicht die seit 1990 sei die beste gewesen. Anscheinend sehen viele in dieser Phase vor allem eine Zeit des stetigen Aufbaus und der Stabilität.
So ist das Fazit der bisherigen 60 Jahre Bundesrepublik aus Sicht der Deutschen weit überwiegend positiv. Auf die Frage „Würden Sie sagen, es handelt sich dabei alles in allem um eine Erfolgsgeschichte?“ antworten 83 Prozent der Westdeutschen und 61 Prozent der Ostdeutschen mit ja. Fragt man nach der Zeit seit der deutschen Einheit, ist das Gesamturteil ein wenig zurückhaltender, aber immer noch eindeutig: 57 Prozent im Westen und 64 Prozent im Osten bezeichnen die jüngste Zeit des vereinten Deutschlands als Erfolgsgeschichte.
Ergebnis überraschend?
Richard Lancelot (LarsSW)
- 28.01.2009, 01:45 Uhr
Das Wörtchen "nur"!
Alfred Weimann (GigaroCDA)
- 28.01.2009, 18:26 Uhr
Das Gegenteil ist der Fall
ERICH HUMPLIK (fuechsin)
- 28.01.2009, 19:34 Uhr
Kriegsverlierer, die hernach von den Siegern ordentlich gesponsert werden,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 28.01.2009, 20:45 Uhr
Der Turbokapitalismus ist doch nicht beliebt
Julius Franzot (JFranzot)
- 28.01.2009, 22:56 Uhr