16.08.2006 · Das Fahnenmeer zur Fußball-WM hat die meisten Deutschen überrascht - angenehm überrascht. Wie sich Deutschland bei den Spielen präsentierte, hat den Stolz auf das Land gefestigt und vergrößert.
Von Professor Dr. Renate KöcherAls in den Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft das Land ein schwarzrotgoldenes Fahnenmeer war, waren die Deutschen selbst wohl am meisten verblüfft. 58 Prozent der Bevölkerung waren überrascht, daß das Land plötzlich Flagge zeigte, nur 37 Prozent empfanden das als ein normales Phänomen während einer Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land; vor allem die ältere Generation traute kaum ihren Augen.
Nur die junge Generation kann die Überraschung mehrheitlich nicht nachempfinden. Sind es doch vor allem die Jüngeren, die die Welle der Begeisterung so sichtbar gemacht haben. 58 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahren haben während der Weltmeisterschaft selbst eine deutsche Fahne oder andere Dinge mit den Nationalfarben getragen oder angebracht, in der Altersgruppe von 30 bis 44 Jahren auch knapp jeder zweite, von den über 60 Jahre alten Bürgern nur 18 Prozent.
Einigkeit: Kein Partyphänomen
In der Interpretation dessen, was sich da ereignete, sind sich jedoch die ältere und jüngere Generation einig. Sie glauben nicht an eine Modeerscheinung, ein Partyphänomen mit kurzem Verfallsdatum; für 62 Prozent haben die Fahnen gezeigt, daß es in Deutschland ein Nationalgefühl wie in anderen Ländern gibt. 57 Prozent und wiederum überdurchschnittlich die Jüngeren haben das Gemeinschaftsgefühl genossen, das durch die sichtbare Identifikation mit dem eigenen Land gestiftet wurde. Gleichzeitig ist die Mehrheit überzeugt, daß diese Welle nationaler Begeisterung im Ausland keineswegs Befremden hervorrief, sondern mit Sympathie gesehen wurde.
Die Fahnen wurden als Zeichen eines angenehmen, fröhlichen Patriotismus empfunden. Die wenigen kritischen Stimmen, die sie als Vorboten neuer deutscher Hybris werten wollten, treffen auf völliges Unverständnis. Nur 3 Prozent der Bevölkerung, 2 Prozent der Altersgruppe unter 30 Jahren halten es für gefährlich, wenn sich auf diese Weise die Identifikation mit dem eigenen Land manifestiert.
Auch losgelöst vom sportlichen Großereignis wird das demonstrative Bekenntnis zum eigenen Land heute in Deutschland überwiegend mit Sympathie gesehen. Die Einstellungen haben sich über die letzten anderthalb Jahrzehnte von Grund auf verändert. Noch 1990, als die deutsche Einheit kurzfristig eine Welle nationaler Begeisterung auslöste und politische Großveranstaltungen gleichfalls in einem schwarzrotgoldenen Fahnenmeer stattfanden, rief das demonstrative Bekenntnis zu Deutschland überwiegend Beklemmungen hervor. Nur 22 Prozent sahen die Anzeichen eines neuen Patriotismus mit Sympathie, 43 Prozent mit Unbehagen.
Vor allem die Jüngeren widersprechen
Nach und nach hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß die Auseinandersetzung mit den düsteren Kapiteln der deutschen Vergangenheit gerade nicht die Distanzierung vom heutigen Deutschland fordert, das von vornherein als Gegenentwurf zu dem NS-Regime entstanden war. Noch 1994 waren 44 Prozent der Bevölkerung überzeugt, daß die deutsche Geschichte weitgehend verbiete, hier Nationalgefühl und nationale Symbole zu pflegen. Heute teilen nur noch 22 Prozent der Bevölkerung diese Auffassung, während 58 Prozent entschieden widersprechen.
Auch hier ist es vor allem die junge Generation, die Widerspruch anmeldet: 68 Prozent der Altersgruppe bis 30 Jahre halten es für falsch, aus den düsteren Kapiteln der Vergangenheit die Forderung nach einer dauerhaften Unterdrückung patriotischer Gefühle abzuleiten, In der Altersgruppe über 60 Jahre teilen nur 54 Prozent diese Überzeugung.
Daß Nationalbewußtsein generell schädlich ist und dem Ressentiment gegenüber anderen Nationen Vorschub leistet, war schon immer die Position einer Minderheit. Mitte der neunziger Jahre waren noch 12 Prozent davon überzeugt, heute 5 Prozent. 79 Prozent sehen in der Identifikation mit dem eigenen Land grundsätzlich etwas Positives, das die Haltung zu anderen Nationen in keiner Weise negativ prägt.
Kein historisches Auslaufmodell
Nationalgefühl gilt auch vor dem Hintergrund der voranschreitenden europäischen Integration keineswegs als historisches Auslaufmodell. Nur knapp 10 Prozent der Bevölkerung halten die Identifikation mit dem eigenen Land angesichts der europäischen Integration für überholt. 74 Prozent sind dagegen davon überzeugt, daß die Nation auch im vereinten Europa die entscheidende Identifikationsebene bleiben wird.
Verglichen mit anderen Nationen, halten die Deutschen sich selbst nach wie vor eher für unpatriotisch. Die Nationen mit ausgeprägter Vaterlandsliebe, das sind aus der Sicht der Deutschen vor allem die Franzosen, Amerikaner, Italiener und Engländer. 67 Prozent halten die Franzosen für große Patrioten, 60 Prozent die Italiener, 53 Prozent die Engländer; die eigene Nation schätzen dagegen nur 24 Prozent der Deutschen als patriotisch ein, weniger als je zuvor. Noch Ende der neunziger Jahre rechneten 35 Prozent der Bevölkerung Deutschland zu den Nationen mit ausgeprägtem Patriotismus. Je mehr sich in Deutschland eine positive Sichtweise der Identifikation mit dem eigenen Land durchgesetzt hat, desto stärker wird die bisherige Identifikation offenkundig als defizitär empfunden.
Dabei sind die Zuneigung zu dem eigenen Land und zunehmend auch der Stolz auf Deutschland groß. Drei Viertel der Bevölkerung lieben Deutschland, zwei Drittel sind stolz, Deutscher zu sein. Die Art und Weise, wie Deutschland sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft präsentierte und sich mit unbefangen-fröhlichem Patriotismus selbst überraschte, hat den Stolz auf das eigene Land gefestigt und vergrößert.
Stolz auf die deutsche WM-Präsentation
Welchen Einfluß ein solches Ereignis auf die Identifikation mit dem eigenen Land ausüben kann, zeigt nicht nur der gestiegene Nationalstolz, sondern mehr noch die Begründung für die Identifikation mit dem eigenen Land. Befragt, worauf man als Deutscher stolz sein kann, nennt die überwältigende Mehrheit neben dem kulturellen Erbe der deutschen Dichter, Schriftsteller, Philosophen und Komponisten, den Leistungen in Wissenschaft und Forschung und der Aufbauleistung nach dem Krieg auch die Art, wie Deutschland sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft präsentiert hat. Die Generation unter 30 Jahren nennt diesen Punkt sogar vor allen anderen: 90 Prozent von ihr sehen in der Art und Weise, wie sich das Land bei der WM präsentierte, einen Anlaß für deutschen Stolz, 85 Prozent in den Leistungen deutscher Dichter und Philosophen, 81 Prozent in der Wiederaufbauleistung nach 1945.
Die Quellen von Stolz sind jedoch wesentlich vielfältiger; sie umfassen zum einen die historischen Stadtbilder, die bedeutenden Kirchen und die Schönheit der Landschaften, aber genauso die wirtschaftlichen und technischen Leistungen Deutschlands, die sportlichen Erfolge, die Qualität des „Made in Germany“: 69 Prozent sehen in der Qualität deutscher Erzeugnisse einen Anlaß für Stolz, 71 Prozent in den technischen Hochleistungen der deutschen Industrie, 79 Prozent in dem Stand von Wissenschaft und Forschung.
Mehr in Herausforderungen denken
Auch das politische System und politische Erfolge stärken die Identifikation mit dem Land: 72 Prozent sehen in den Freiheitsspielräumen, die die Bundesrepublik bietet, einen Anlaß für Stolz, 70 Prozent in der internationalen Anerkennung für Deutschland als stabile Demokratie, 68 Prozent in der Wiedervereinigung, 63 Prozent in der erfolgreichen Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern. Es ist immens viel, was die Bevölkerung auf der Habenseite des Landes verbucht und worauf ihre Identifikation gründet.
Politik wie Wirtschaft knüpfen in ihren Veränderungsdebatten zuwenig an dieses positive Deutschland-Bild und das Vertrauen in die eigene Leistungskraft an. Ein Land mit diesem Selbstbild, mit dieser festen Überzeugung, über viele Stärken und Potential zu verfügen, müßte an sich weitaus mehr in Herausforderungen denken und diskutieren als in Opfer- und Niedergangsszenarien.
Wie oft noch?
Max Mustermann (MaxM)
- 16.08.2006, 16:06 Uhr
Treffender Artikel
André Rößner (roessners)
- 16.08.2006, 16:58 Uhr
nachhaltig
Andreas Bräsigk (ABraesi)
- 16.08.2006, 18:42 Uhr
Tja, so ist das wohl...
Corinna Grueneklee (Happycoco90)
- 16.08.2006, 21:35 Uhr