http://www.faz.net/-gpf-8ctwl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.01.2016, 07:57 Uhr

Allensbach-Analyse Die Angst vor Veränderung

Ein Gefühl der Unsicherheit greift um sich. Die deutsche Gesellschaft hat sich mit der Gegenwart gut arrangiert, fürchtet sich aber vor der Zukunft. Politisch profitiert davon besonders die AfD – die Linke und Grüne überholt.

von Thomas Petersen
© dpa Anhänger der AfD demonstrieren (Anfang November) in Berlin.

Vor einem Jahr erschien in der F.A.Z. ein Artikel mit dem Titel „Ein Volk kommt zur Ruhe“. Er beschrieb, dass die Deutschen trotz allen Ärgers über die Staatsschuldenkrise in Griechenland und der damals auf ihrem Höhepunkt stehenden Pegida-Demonstrationen mit erstaunlicher Ruhe und relativer Zufriedenheit und Zuversicht auf ihr Land und das politische System blickten.

Von dieser Ruhe und Zuversicht ist heute wenig geblieben. Seit Jahrzehnten stellt das Institut für Demoskopie Allensbach zum Beginn eines neuen Jahres die Frage: „Sehen Sie dem kommenden Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ Zur Jahreswende 2014/2015 lag der Anteil derjenigen, die antworteten: „Mit Hoffnungen“, bei 56 Prozent, zur Jahreswende 2015/2016 waren es noch 41 Prozent. Es ist offensichtlich, dass viele Bürger angesichts der Flüchtlingskrise tief verunsichert sind, und diese Verunsicherung ist, wie die jüngste Umfrage im Auftrag dieser Zeitung zeigt, grundlegender Natur. Sie geht über eine bloße Reaktion auf das Tagesgeschehen hinaus.

Mehr zum Thema

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer Frage, bei der die Befragten gebeten wurden anzugeben, welche Dinge ihnen zurzeit große Sorgen bereiten. Dazu wurde eine Liste mit 16 Punkten zur Auswahl vorgelegt. An der Spitze der Dinge, die den Bürgern Sorgen bereiten, steht, genannt von 82 Prozent der Befragten, die Furcht, dass Gewalt und Kriminalität zunehmen. Dieses Ergebnis ist sicherlich eine unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse in Köln in der Silvesternacht. Zwar gehört die Angst vor wachsender Kriminalität traditionell zu den am häufigsten geäußerten Sorgen, doch im Juli vergangenen Jahres hatten „nur“ 60 Prozent diesen Punkt genannt.

Auch bei den in der Rangliste folgenden Punkten handelt es sich um Reaktionen auf aktuelle Ereignisse: 74 Prozent sagten, es mache ihnen große Sorgen, dass es in Deutschland zu einem Terroranschlag kommen könnte, 73 Prozent fürchten, dass immer mehr Flüchtlinge ins Land kommen. Dass diese Dinge die Menschen bewegen, ist nicht überraschend. Interessant ist aber die Entwicklung der Antworten bei einem anderen Punkt, der - in vager Formulierung - ein von der Tagespolitik unabhängiges Unsicherheitsgefühl beschreibt. Er lautet: „Die allgemeine Unsicherheit, wie es weitergeht.“ Dass ihnen dies Sorgen bereite, sagten 2014 im Sommer 29 Prozent, heute 53 Prozent.

Infografik / Zukunftsängste und Bewahrung des Ereichten © F.A.Z. Vergrößern

In die gleiche Richtung deuten die Antworten auf die Frage: „Leben wir heute in einer besonders unsicheren Zeit, ich meine, dass alles weniger kalkulierbar und planbar ist als früher, oder würden Sie sagen, vor 20, 30 Jahren war alles genauso unsicher?“ Im Juli 2011 waren 44 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass wir in einer besonders unsicheren Zeit leben, im November 2012 waren es 48 Prozent, heute liegt der Anteil bei 58 Prozent. Anscheinend haben viele das Gefühl, die Orientierung, den Halt zu verlieren.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Eintracht-Trainer Kovac Wir brauchen Phantasie

Muss Eintracht Frankfurt kommende Saison wieder bis zuletzt um den Klassenverbleib zittern? Trainer Niko Kovac will das verhindern. Im Interview spricht der Eintracht-Trainer über seine Pläne, den internationalen Kader – und Wissenschaft im Fußball. Mehr Von Peter Heß

25.07.2016, 20:16 Uhr | Rhein-Main
Nominierung der Demokraten Unruhe in Philadelphia

Unmittelbar vor Beginn des Nominierungsparteitags der Demokraten stehen Hillary Clintons Partei schwierige Tage bevor. Gehackte E-Mails sorgen für einen Rücktritt und Anhänger von Bernie Sanders sind sauer. Unser Reporter Simon Riesche berichtet aus Philadelphia, wo offen ausgetragene Kämpfe ohnehin eine Art Kulturerbe sind. Mehr Von Simon Riesche

25.07.2016, 08:42 Uhr | Politik
Interview mit Konfliktforscher Sich im Alltag nicht einschränken lassen

Nach Würzburg, München und Ansbach steigt die Angst vor Terror in Deutschland. Im Interview verrät Konfliktforscher Ulrich Wagner, wie mit der Furcht umzugehen ist. Mehr Von Christopher Hess

27.07.2016, 11:52 Uhr | Gesellschaft
Waffengewalt Tote nach Schießerei in amerikanischem Nachtclub

In Fort Myers im Bundesstaat Florida sind mehrere Menschen durch Schüsse getötet oder verletzt worden. Sie hielten sich nachts vor und in einem Club bei einer Party für junge Menschen auf. Mehr

25.07.2016, 17:26 Uhr | Gesellschaft
Nach dem Putschversuch Statt Allahu Akbar heißt es nun Bella Ciao

Die Menschen in Istanbul sind gespalten, die Lage ist angespannt. Zum ersten Mal seit dem Putschversuch wagen sich auch Erdogan-Kritiker auf den Taksim-Platz. Mehr Von Yasemin Ergin, Istanbul

25.07.2016, 21:06 Uhr | Politik

Der große Riss in der gläsernen Decke

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Hürden, die Frauen am Aufstieg hindern, will Hillary Clinton mit ihrer Kandidatur einreißen. Fragt sich nur, ob das reicht, um Wähler davon zu überzeugen, für sie zu stimmen. Mehr 4 5