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Allensbach-Analyse Der Statusfatalismus der Unterschicht

16.12.2009 ·  Die deutsche Gesellschaft ist keineswegs aus einem Guss. Die Unterschiede wachsen - in materieller wie in bildungspolitischer Hinsicht. Nur eine Minderheit der unteren Sozialschichten kann sich vorstellen, dass es ihren Kindern einmal bessergeht.

Von Professor Renate Köcher
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Nichts unterscheidet die Menschen in dieser Gesellschaft nach Meinung der großen Mehrheit mehr als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht und ihre Eckpunkte Einkommen, Besitz und Bildung. 74 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass es die Schichtzugehörigkeit ist, welche die wesentlichen Gegensätze in der Gesellschaft markiert, weitaus mehr als Alter, politische Überzeugungen, Religion, regionale Herkunft oder Lebensmaximen.

Tatsächlich unterscheiden sich die sozialen Schichten in Deutschland gravierend, weit über ihre materielle Ausstattung und Zufriedenheit hinaus. Die Unterschiede sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten keineswegs geringer geworden, sondern größer, materiell wie in Bezug auf Weltbilder und Mentalität. Wird die Bevölkerung anhand von Einkommen, Bildung und Beruf in drei Schichten geteilt, von denen die obere und die untere Schicht jeweils gut 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, so ist die Diskrepanz mit Blick auf die Zufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen und der eigenen wirtschaftlichen Lage heute größer als in der Mitte der neunziger Jahre.

Oberschicht ist zufrieden - Mittel- und Unterschicht weniger

Während die Zufriedenheit der Oberschicht weitgehend stabil geblieben ist, sind Mittel- und Unterschicht heute augenfällig weniger mit ihren materiellen Verhältnissen zufrieden als damals. Mitte der neunziger Jahre bewerteten gut zwei Drittel der Oberschicht ihre materielle Lage als (sehr) gut, ebenso knapp die Hälfte der Mittelschicht und 30 Prozent der unteren Sozialschichten. Heute sind nur weniger als ein Fünftel der unteren Sozialschichten und gut ein Drittel der Mittelschicht mit ihren materiellen Verhältnissen zufrieden.

Auch die objektiven finanziellen Spielräume haben sich auseinanderentwickelt. Während die oberen Sozialschichten zunehmend von Vermögenseinkünften und Erbschaften profitieren und sich damit allmählich von der Entwicklung der Löhne und Gehälter abkoppeln, stagniert das frei verfügbare Einkommen, das nach Begleichen der notwendigen Lebenshaltungskosten bleibt, in der Mittelschicht; es ist in den unteren Schichten heute sogar real niedriger als in der Mitte der neunziger Jahre.

Wenige erwarten, dass es ihnen materiell besser gehen wird

Gleichzeitig kann sich die überwältigende Mehrheit der unteren Sozialschichten nicht vorstellen, dass sich ihre materielle Lage mittel- und langfristig nennenswert verbessert. Nur 14 Prozent der Unterschicht erwarten, dass es ihnen in zehn Jahren bessergehen wird. Auch die Aussichten der eigenen Kinder werden überwiegend skeptisch gesehen. Zwar wünschen sich 73 Prozent der Eltern aus den unteren sozialen Schichten, dass es ihren Kindern einmal bessergeht als ihnen selbst; nur 30 Prozent sind jedoch zuversichtlich, dass dies tatsächlich der Fall sein wird.

Dieser Statusfatalismus ist ein Eckstein der derzeitigen Bewusstseinslage der unteren Sozialschichten. Die Mehrheit von ihnen hält die sozialen Schichten für festgefügt und kaum durchlässig. Die Aufstiegschancen werden eher in der Mittel- und Oberschicht angesiedelt als in der Schicht, für die der Aufstieg wirklich eine völlige Veränderung ihrer Lebenslage und Aussichten bedeutete. Nur 26 Prozent der unteren Sozialschichten glauben, dass Aufstieg in allen sozialen Schichten möglich ist, während knapp zwei Drittel auch die Aufstiegsmöglichkeiten in erster Linie als Vorrecht der mittleren und oberen Schichten sehen. Die Mehrheit der unteren 20 Prozent hält die sozialen Schichten für zementiert; nur 31 Prozent glauben an die Möglichkeit, durch Leistung die eigene Lage zu verbessern.

Zweifel an der Durchlässigkeit der deutschen Gesellschaft

Weder die Ober- noch die Mittelschicht schließen sich mehrheitlich diesem kritischen Befund an. Es fällt jedoch auf, dass in der Mittelschicht ebenfalls die Zweifel an der Durchlässigkeit der deutschen Gesellschaft weit verbreitet sind. International vergleichende Untersuchungen belegen, dass Deutschland auf diesem Feld tatsächlich einigen Nachholbedarf hat.

Der Bildungsweg und die schulischen Erfolge von Kindern hängen in Deutschland auffallend eng mit der Schichtzugehörigkeit und dem Bildungshintergrund des Elternhauses zusammen. Von den Kindern aus Arbeiterfamilien besuchen nur 14 Prozent eine höhere Schule, ein weit unterdurchschnittlicher Anteil. Von den Eltern aus den unteren sozialen Schichten ziehen auch nur 25 Prozent eine positive Bilanz der schulischen Erfolge ihrer Kinder, von den Eltern aus der Oberschicht dagegen 60 Prozent. Die Trennlinie verläuft hier in erster Linie zwischen Ober- und Mittelschicht einerseits und der Unterschicht andererseits, die nicht nur die schulischen Erfolge ihrer Kinder wesentlich schwächer bewertet, sondern sich auch weitaus weniger zutraut, ihre Kinder zu fördern.

Die Erziehungsziele und -methoden der verschiedenen Schichten unterscheiden sich zum Teil gravierend. Zwar möchte auch die Mehrheit der Eltern aus den unteren Sozialschichten ihren Kindern eine gute und vielseitige Bildung vermitteln: 88 Prozent der Eltern aus der Oberschicht, 72 Prozent aus der Mittelschicht, immerhin auch 60 Prozent aus den unteren Sozialschichten möchten ihren Kindern eine gute Bildung zukommen lassen und so ihre Chancen verbessern. Eltern aus den unteren Schichten haben jedoch erkennbar mehr Schwierigkeiten, das Erreichen dieses Ziel zu befördern.

Schichtgebundene Erziehungsziele

Dass eine gute Bildung unter anderem darauf aufbaut, dass Wissensdurst stimuliert wird, Kinder Anregungen erhalten, Lesefreude gefördert wird, ist Eltern aus den oberen und mittleren Schichten durchaus bewusst, dagegen nur einer Minderheit der Eltern aus der Unterschicht. 80 Prozent der Eltern aus den oberen Sozialschichten möchten den Wissensdurst ihrer Kinder anregen, 42 Prozent der Eltern aus den unteren Sozialschichten wollen dies. 69 Prozent der Oberschichteltern ist es wichtig, die Lesefreude ihrer Kinder zu fördern, nur 26 Prozent der Unterschichteltern. Auch Weltläufigkeit und die stete Konfrontation mit neuen Eindrücken und Erfahrungen sind eng schichtgebundene Erziehungsziele.

Kinder aus der Ober- und Mittelschicht erfahren in ihrem Elternhaus eine wesentlich intensivere Förderung ihrer Interessen und Begabungen, als dies im Durchschnitt für Kinder aus den unteren Sozialschichten gilt. Dies ist einer der Gründe, warum über die frühkindliche Betreuung derart leidenschaftlich diskutiert wird. Eine Gesellschaft, die quer durch alle Schichten Chancen sichern will, muss sich mit der Frage beschäftigen, wie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern ergänzend zu den Bemühungen der Eltern gefördert werden können.

Der Statusfatalismus der unteren Schichten dämpft nicht nur das Zutrauen, die eigene Lage oder die der eigenen Kinder nachhaltig verbessern zu können, sondern prägt auch das Verhältnis zum Staat. Während besonders die Oberschicht, aber auch die Mehrheit der Mittelschicht die Bürger in der Verantwortung dafür sehen, wie sich das Land entwickelt, sind die unteren Sozialschichten mit großer Mehrheit überzeugt, dass die Bürger von dieser Verantwortung befreit sind, da sie ohnehin nichts ausrichten könnten; 57 Prozent der Unterschicht vertreten diese Position, nur 30 Prozent der oberen und 42 Prozent der mittleren Schichten.

Die Mehrheit der unteren 20 Prozent bekennt sich freimütig dazu, sich kaum mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu beschäftigen, sondern ausschließlich mit dem eigenen Nahbereich. Auch diese Haltung zieht sich bis in die Erziehungsziele hinein. Nur 23 Prozent der Eltern aus der Unterschicht möchten ihre Kinder auch zu sozialem und gesellschaftlichem Engagement anregen, dagegen die große Mehrheit der Eltern aus den oberen Schichten.

Abhängigkeit der unteren Schichten von Gesellschaft und Staat

Gleichzeitig ist die subjektive und objektive Abhängigkeit der unteren Schichten von Gesellschaft und Staat ungleich größer als die der Mittel- und vor allem der Oberschicht. Mehr als die Hälfte der unteren 20 Prozent sind vollständig oder überwiegend auf staatliche Transfereinkommen angewiesen. Die Präferenz für einen starken fürsorglichen Staat ist daher in den unteren Schichten weitaus ausgeprägter als in der Mittel- und Oberschicht. 52 Prozent der unteren Sozialschichten halten es grundsätzlich für wünschenswert, dass der Staat so weit wie möglich die soziale Absicherung der Bürger übernimmt, eine Auffassung, die nur 29 Prozent aus der Oberschicht teilen. Umgekehrt ziehen Lösungen, die auf so wenig Staat wie möglich und auf Eigenverantwortung abzielen, vor allem die Oberschicht an: 64 Prozent der Oberschicht, aber nur 37 Prozent der Unterschicht favorisieren Konzepte, bei denen der Staat nur eine Grundsicherung übernimmt und die Bürger so weit wie möglich ihre soziale Absicherung selbst regeln.

Wie attraktiv oder wie bedrohlich der partielle Übergang von staatlicher Fürsorge zu eigenverantwortlicher Vorsorge empfunden wird, ist in hohem Maße von den eigenen finanziellen Ressourcen abhängig. Von den Bevölkerungskreisen mit unterdurchschnittlichen Einkommen sehen beispielsweise 59 Prozent keinerlei Spielraum für Mehrausgaben für Gesundheit und die Vorsorge für den Krankheitsfall. Eigenverantwortliche Altersvorsorge ist für die oberen Sozialschichten selbstverständlich, für die Mittelschicht teilweise mit erheblicher Anstrengung umsetzbar, für die unteren 20 Prozent jedoch aufgrund mangelnder finanzieller Spielräume kaum realisierbar.

Aufgrund der demographischen Entwicklung und der Staatsverschuldung wird die Diskussion über die Zukunft eines Sozialstaates, der leistungsfähig, aber auch finanzierbar ist, zwangsläufig verstärkt geführt werden müssen. Bei den politischen Debatten über die richtige Verteilung von staatlicher Fürsorge und Eigenverantwortung wurde bisher zu wenig berücksichtigt, dass die Voraussetzungen in den verschiedenen Schichten völlig unterschiedlich sind und entsprechend nach schichtbezogenen Konzepten verlangen.

Die beste Sozialpolitik ist jedoch, die Durchlässigkeit der Gesellschaft zu verbessern und den Anteil der Bevölkerungskreise, die nur mit Hilfe des Staates ihre Existenz sichern können, so gering wie möglich zu halten.

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