21.02.2007 · Die Konjunktur entwickelt sich besser als erwartet, doch auf die Zukunftserwartungen der meisten Deutschen hat das keinen positiven Einfluss. Menschen mit niedrigem Einkommen sehen sich von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt. Die Allensbach-Analyse der F.A.Z.
Von Professor Dr. Renate KöcherDas Jahr 2006 ist wirtschaftlich besser gelaufen als von vielen erwartet, die Konjunktur ist nach wie vor robust, die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt erfreulich. Gerade wurden die Wachstumsprognosen für Deutschland von der Europäischen Kommission nach oben korrigiert.
Noch vor wenigen Jahren hätte ein solches Umfeld die Bevölkerung in Hochstimmung versetzt. Dies gilt zurzeit jedoch nur für die oberen Einkommensschichten, während die Mehrheit bei ihrer Skepsis verharrt, ob der Aufschwung eine nachhaltige Wirkung entfalten und vor allem ob er alle Bevölkerungsschichten erreichen wird.
Zwar ist der Konjunkturoptimismus in den letzten Wochen gewachsen. 39 Prozent rechnen für die kommenden Monate mit einem Aufwärtstrend, 36 Prozent mit einer stabilen Lage, nur 18 Prozent mit einem ungünstigen Konjunkturverlauf. Jeder Dritte beobachtet in seinem persönlichen Umfeld und in seinem Lebensraum, dass es aufwärts geht und sich dort auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt bessert. Gemessen an der tatsächlichen Entwicklung, bleibt damit jedoch der „gefühlte Aufschwung“ weit zurück.
Kein persönlicher Nutzen der Konjunktur erwartet
Insbesondere die unteren Sozial- und Einkommensschichten trauen der objektiv positiven Entwicklung bisher nicht. Nur 21 Prozent der Personen aus Haushalten mit unterdurchschnittlichen Einkommen nehmen in der näheren Region Verbesserungen auf dem Stellenmarkt wahr, während 62 Prozent keinerlei Besserung erkennen können. Diese skeptische Sichtweise macht sich nur eine Minderheit der Personen aus Haushalten mit überdurchschnittlichen Einkommen zu eigen.
Dass der Aufschwung im Bewusstsein der Bevölkerung diesmal nur eine deutlich schwächere Wirkung entfaltet, hat nicht allein mit der in Jahren der Wachstumsschwäche verfestigten Skepsis zu tun. Das Bemerkenswerte der aktuellen Lage ist vielmehr, dass die meisten Bürger glauben, der Aufschwung betreffe sie persönlich nicht und werde ihnen keinerlei nennenswerten Nutzen bringen. Als Nutznießer der positiven Konjunktur gelten die Unternehmen, der Staat und die gut gestellten Bevölkerungskreise, nicht die Masse der Bürger, die Arbeitslosen oder die unteren Einkommensschichten. Die überwältigende Mehrheit ist überzeugt, dass Unternehmen und Staat profitieren, nur 15 Prozent sehen Arbeitslose, nur 6 Prozent die niedrigen Einkommensschichten als Nutznießer des Aufschwungs.
Während drei Viertel der gesamten Bevölkerung durchaus sehen, dass die Konjunktur nicht nur den Unternehmen höhere Gewinne beschert, sondern erheblich dazu beiträgt, die Lage der staatlichen Haushalte zu verbessern, nehmen 65 Prozent an, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht profitieren wird. Nur 37 Prozent rechnen infolge des Aufschwungs mit einem (weiteren) Rückgang der Arbeitslosigkeit, 19 Prozent mit sichereren Arbeitsplätzen, ganze 8 Prozent mit einem deutlichen Anstieg der Löhne und Gehälter.
Untere Sozialschichten besonders skeptisch
Auch die Mehreinnahmen des Staates werden mit der Distanz des Nichtbetroffenen betrachtet. Nur 12 Prozent erwarten, die Entlastung für die öffentlichen Haushalte werde dazu führen, dass der Staat künftig weniger Leistungskürzungen vornehmen oder gar die Steuerlasten der Bürger mindern wird. Ganze 3 Prozent der Bevölkerung hoffen, dass der Aufschwung Spielraum für Steuersenkungen schafft.
Was diesen Aufschwung von früheren Wachstumsphasen unterscheidet, ist das fehlende Zutrauen der Mehrheit, an dieser Entwicklung teilhaben zu können, sei es in Form von Beschäftigungschancen und einer höheren Sicherheit der bestehenden Arbeitsplätze, sei es durch deutliche Lohn- und Gehaltserhöhungen. Ganze 5 Prozent der Bevölkerung, 8 Prozent der Berufstätigen, ziehen zurzeit die Bilanz, dass sie erheblich von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung profitieren; 32 Prozent sehen zumindest begrenzte Auswirkungen auf ihre persönliche Lage. Die Mehrheit, 59 Prozent der Bevölkerung und 52 Prozent der Berufstätigen, kann nicht erkennen, dass der Aufschwung auch bei ihr ankommt.
Das Empfinden, dass der Aufschwung keinerlei Auswirkungen auf die eigene Lage hat, ist besonders in den unteren Sozialschichten verbreitet. Sie sind in hohem Maße überzeugt, von günstigen Entwicklungen abgekoppelt zu sein, und von der Sorge bestimmt, dass ihre Zukunftsaussichten in der globalen Wirtschaft immer unsicherer werden. So schätzen zwei Drittel der Personen aus Haushalten mit überdurchschnittlichen Einkommen ihren Arbeitsplatz als sicher ein, aber nur 29 Prozent der Berufstätigen aus den unteren Einkommensschichten. Auch mittel- und längerfristig sind gerade die unteren Sozialschichten besonders skeptisch, wie sich ihre Beschäftigungschancen und die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes entwickeln werden.
Nur wenige erwarten Aufstiegschancen
Von allen Berufstätigen hält ebenfalls nur gut die Hälfte ihren Arbeitsplatz für sicher, in Westdeutschland 55 Prozent, in Ostdeutschland 33 Prozent. Das hat nicht nur mit der Wahrnehmung zu tun, dass sich der Strukturwandel der Wirtschaft erheblich beschleunigt hat und dass Unternehmen in diesem Umfeld immer weniger langfristige Garantien geben können und wollen. Vielmehr ist die Nation, die mit ihren Exporten von Rekord zu Rekord eilt, zutiefst überzeugt, im Prozess der Globalisierung auf der Verliererseite zu stehen. Nur 22 Prozent der Bevölkerung gehen davon aus, dass die Vorteile der Globalisierung für Deutschland überwiegen; die Mehrheit sieht in erster Linie Nachteile.
Globalisierung bedeutet für die Bevölkerung nicht vor allem mehr Exportchancen, sondern eine Verschärfung des Standortwettbewerbs zu Lasten Deutschlands. 60 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass die Globalisierung vor allem die Beschäftigungschancen im Inland beeinträchtigt, nur 22 Prozent, dass die Globalisierung vor allem Beschäftigungschancen schafft beziehungsweise Arbeitsplätze in Deutschland sichert. Da die große Mehrheit Deutschland für den Verlierer eines unaufhaltsamen weltweiten Prozesses hält, kann kaum überraschen, dass der Glaube an eine nachhaltige Besserung auf dem Arbeitsmarkt gering ist. Nur gut ein Fünftel der Bevölkerung erwartet, dass sich die Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren deutlich verringern wird.
Gleichzeitig rechnet die berufstätige Bevölkerung mit schwerwiegenden Veränderungen der Arbeitswelt, vor allem mit einer längeren Lebensarbeitszeit, höheren Anforderungen und mehr Leistungsdruck, der Notwendigkeit, sich stetig weiterzubilden, mit Einschränkungen bei den betrieblichen Sozialleistungen und einer Verkleinerung der Belegschaft im eigenen Unternehmen. Nur eine kleine Minderheit erwartet, dass die Löhne und Gehälter in den nächsten Jahren nennenswert steigen werden und sich mehr Aufstiegschancen bieten.
Wachsende Unsicherheit bei unteren Schichten
Ängste hinsichtlich der Folgen der Globalisierung sind ebenfalls besonders in den unteren Sozialschichten weit verbreitet, die auch objektiv ein überdurchschnittliches Risiko tragen, bei den großen weltwirtschaftlichen Veränderungen zurückzubleiben. Der Verlust an Planungssicherheit, der sich aus instabileren Beschäftigungsverhältnissen und einer partiellen Reduzierung staatlicher Sicherheitsgarantien ergibt, beunruhigt in den niedrigen Einkommensschichten weitaus mehr als in den mittleren und höheren. Die Mehrzahl ihrer Angehörigen sorgt sich sowohl um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes wie um die Entwicklung ihrer finanziellen Lage; 54 Prozent der Personen aus Haushalten mit einem Hauptverdienereinkommen von weniger als 1250 Euro netto sorgen sich, dass ihr Einkommen in den nächsten Jahren nicht ausreichen könnte, um notwendige Ausgaben zu bestreiten.
Die Befindlichkeit der sozialen Schichten driftet langsam auseinander. Zwar lösen der dynamische wirtschaftliche Wandel und die sichtbar gewordenen Grenzen der Leistungsfähigkeit des Staates zum Teil auch in den höheren Sozialschichten Unruhe aus. Die Mehrheit der Mitglieder aus Haushalten mit überdurchschnittlichen Einkommen vertraut jedoch selbstbewusst auf die eigenen Fähigkeiten und Kräfte und ist überzeugt, dass weder labilere Beschäftigungsverhältnisse noch die Einschränkung staatlicher Leistungen existentielle Risiken darstellen. Ganz anders reagieren Personen aus den unteren Einkommensschichten. Hier ist nur jeder Fünfte zuversichtlich, dass die eigenen Kräfte ausreichen, um in einem Umfeld zu bestehen, das von mehr Unsicherheit und Risiken geprägt ist, während sich 63 Prozent sorgen, sie könnten regelrecht aus der Bahn geworfen werden.
Die Hälfte sieht soziale Hierarchie zementiert
Das Zutrauen, die eigene Lage durch Anstrengung und Leistung beeinflussen zu können, ist in den unteren Einkommensschichten wesentlich schwächer als in den höheren. 50 Prozent der Personen aus Haushalten mit unterdurchschnittlichen Einkommen glauben, dass sie ihre Lage durch Leistung beeinflussen können, aber drei Viertel in den höheren Einkommensschichten glauben, das Statusfatalismus ist in den unteren Sozialschichten weit verbreitet: 49 Prozent vertreten die Auffassung, dass die soziale Hierarchie in Deutschland zementiert und sozialer Aufstieg auch bei großer Anstrengung nicht möglich ist.
Es gibt durchaus Indizien für eine unzureichende Durchlässigkeit der sozialen Schichten in Deutschland, zum Beispiel die enge Schichtgebundenheit des schulischen Erfolgs von Kindern und Jugendlichen. Für den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft wird viel davon abhängen, ob es gelingt, quer durch alle Schichten Aufstiegschancen zu eröffnen und das Selbstvertrauen in die eigenen Kräfte und die Freude an der Herausforderung zu stärken, ohne die sozialer Aufstieg kaum möglich ist.
kämpfen!
martin randau-rudolf (nitramf1000)
- 21.02.2007, 13:03 Uhr
Vielleicht können jetzt die Gewerkschaften helfen
Ingo Hertrich (hertrich)
- 21.02.2007, 18:41 Uhr
wen überrascht das wirklich ?
Stefan Heilmann (helux)
- 21.02.2007, 18:59 Uhr
Der selektive Aufschwung
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 21.02.2007, 20:34 Uhr
Was sind die "oberen Einkommensschichten"?
Harald Wozniewski (Limpy)
- 26.02.2007, 07:32 Uhr