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„Aktenzeichen XY ... ungelöst“ : Die Sendung mit der Angst

Eduard Zimmermann auf einem undatierten Foto aus den Anfangsjahren der Sendung Bild: AFP

Wenn im Fernsehen Sätze fallen wie „Er bestellt sich zwar ein Bier, aber trinken wird er es nicht mehr“, weiß man, welche Sendung läuft: „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Die Kultserie wird fünfzig Jahre alt.

          Es ist 20.15 Uhr und 31 Sekunden, als die fremde, behandschuhte Hand durch die eingeschlagene Fensterscheibe greift, hinein in die Wohnzimmer von fast fünf Millionen Deutschen, die an diesem Abend wieder „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ eingeschaltet haben. Vor fünfzig Jahren hat die ZDF-Sendung mit den Worten ihres Erfinders und langjährigen Moderators Eduard „Ede“ Zimmermann begonnen: „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung zu nutzen, das ist Sinn dieser Sendereihe.“ Seither sind nahezu alle Fernsehformate, die die alte Bundesrepublik hervorgebracht hat, verschwunden: „Einer wird gewinnen“, „Der Große Preis“, „Wetten, dass..?“. Überlebt hat „Aktenzeichen XY ... ungelöst“, ausgerechnet die Sendung, die sich scheinbar am wenigsten um die Unterhaltung ihrer Zuschauer schert. Dennoch schlägt die Sendung auch an diesem Abend wieder jede Konkurrenz aus dem Feld. Erfreulich für den Sender: Im Vergleich zum sonstigen Programm haben viele junge Zuschauer eingeschaltet.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Der erste Fall an diesem Abend handelt vom Mord an Romery Rodriguez, einer 33 Jahre alten Prostituierten aus der Dominikanischen Republik. Ihren Mann und ihre drei Kinder hatte sie in der Heimat zurückgelassen, sie wussten nichts von ihrem Doppelleben. Früher wäre derlei in der Sendung mit spitzen Fingern angefasst, vielleicht mit einer Warnung versehen worden. Legendär sind XY-Formulierungen wie „ein Milieu, das den meisten von uns fremd sein dürfte“ oder: „zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen“. Die Zeiten haben sich geändert. Im Film wird die Prostitution zumindest sprachlich als ein Beruf unter vielen dargestellt. Zweimal heißt es, dass ein Freier einen „Termin“ bei Romery habe, so als handele es sich um einen Arztbesuch.

          Der „verlängerte Arm der Beamten“

          Romery bot ihre Dienste im Internet an, unter dem Namen „Monika Atombusen“. Moderator Rudi Cerne verzieht keine Miene. Dafür Gelächter hinter den Kulissen. „So etwas kann man sich nicht ausdenken“, sagt Produzent Martin Groß, der seit 25 Jahren mit an Bord ist. Neben ihm Ina-Maria Reize-Wildemann, die auf Seiten der Produktionsfirma die redaktionelle Leitung der Sendung hat. Sie ist seit 27 Jahren dabei. Der Film über Romery beginnt wie fast jeder Film mit einem Idyll, wie man es im Leben nur selten erlebt. Die junge Frau kauft zu Weihnachten ein Stofftier für ihren fünf Jahre alten Sohn. Von einer Verkäuferin, die erstaunlich wenig an Profit orientiert ist, wird sie dabei aufs liebevollste beraten. Danach sieht der Fernsehzuschauer, wie Romery bei ihrer Schwägerin, die ebenfalls aus der Dominikanischen Republik stammt, und deren deutschem Ehemann zu Besuch ist. Kuchen wird gereicht, anders als zu Ede Zimmermanns Zeiten hat ihn der Herr des Hauses gebacken. Nur in Andeutungen kriecht das Unabwendbare in die Szenerie.

          Generalprobe zum 50. Geburtstag von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ am 6.September in den Bavaria Studios in München; am Pult Moderator Rudi Cerne
          Generalprobe zum 50. Geburtstag von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ am 6.September in den Bavaria Studios in München; am Pult Moderator Rudi Cerne : Bild: Jan Roeder

          Das Idyll wird aus Rücksicht auf die Opfer erzeugt: Eine Ermordete und ihre Hinterbliebenen sollen nicht ein zweites Mal zum Opfer werden, indem man, nur zum Beispiel, eine kriselnde Ehe in Szene setzt. Auch dramaturgische Gründe spielen eine Rolle – der Einbruch des Bösen ist umso effektvoller, je jäher er kommt und desto stärker er mit dem Guten kontrastiert. Außerdem sollen die Zuschauer emotional für die Opfer eingenommen werden. Sie sollen über die Fälle nachdenken und im besten Fall anrufen. Am anderen Ende der Leitung sitzen, für die Fernsehzuschauer sicht-, aber nicht hörbar, Beamte des Bayerischen Landeskriminalamts. Der größte Teil der Anrufer versucht zumindest so „sachdienlich“ zu sein, wie Cerne es in der Sendung von ihnen verlangt. „Aber es gibt auch Hellseher“, so die Macher der Sendung, „die glauben, die Lösung des Falls in den Sternen gelesen zu haben, oder Leute, die sich einfach erkundigen, wann die nächste Sendung ist.“

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