Home
http://www.faz.net/-gpg-75r8b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Agentenpaar vor Gericht Liebesgrüße aus Moskau

Ihre Decknamen waren „Pit“ und „Tina“ und für sie war der Kalte Krieg nicht das Ende. Ein russisches Agentenehepaar spionierte mehr als 20 Jahre in Deutschland. Nun stehen die beiden vor Gericht.

© dapd Vergrößern Sie soll unter dem Decknamen Tina zuletzt nahe Marburg spioniert haben

Am 18. Oktober 2011 kehrte der Kalte Krieg zurück nach Deutschland. Genaugenommen in die Straße „Ewiges Tal“ im Marbacher Ortsteil Michelbach. Dort lebte das unter den Aliasnamen Heidrun und Andreas Anschlag bekannt gewordene Agentenpärchen in einem Bungalow zur Miete, Hausnummer 28. Aus dem Bungalow kabelten sie ihre Berichte an den russischen Auslandsgeheimdienst SWR (siehe Kasten) per Kurzwelle. Nun müssen sie sich vor Gericht dafür verantworten.

Rüdiger Soldt Folgen:  

Am 18. Oktober hatten Beamte der Anti-Terror-Einheit GSG9 das Haus in Hessen und eine weitere Wohnung im baden-württembergischen Balingen durchsucht und die beiden verdächtigen Agenten festgenommen. Dem Verfassungsschutz und der Generalbundesanwaltschaft war es gelungen, illegale Spione des russischen Auslandsnachrichtendienstes auszuheben. Es war der erste nachweisbare Fall seit der demokratischen Revolution 1989. Dass die russische Regierung Deutschland und vor allem die Nato weiter ausspionieren mit „Illegalen“ würde, vermuteten die Verfassungsschützer nur, jetzt hatten sie den Beweis. Als 2010 die unter dem Pseudonym „Agentin 00 Sex“ bekannte Anna Wassilijewna Chapman in den Vereinigten Staaten aufflog, kamen die westlichen Sicherheitsdienste wohl auch den Agenten in Deutschland auf die Spur.

Deckname „Pit“ und „Tina“

Zum Prozessauftakt am Dienstag betreten Andreas Anschlag und seine Frau Heidrun den Saal 18 im Keller des Stuttgarter Oberlandesgerichts. Heidrun Anschlag sitzt in einem Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd in Untersuchungshaft, ihr Mann in Stuttgart-Stammheim. „Pit“ und „Tina“ waren ihre Decknamen, zuletzt dienten sie dem SWR als Abteilungsleiter. Einer ihrer Anwälte braucht ziemlich lange, um den mit einem Zahlenschloss gesicherten Alukoffer zu öffnen. Heidrun Anschlag nimmt dann in der zweiten Reihe Platz, geradezu fröhlich redet sie mit ihrem Strafverteidiger. Traurig wird sie erst später, als es um die gemeinsame Tochter geht. Ihr Mann sitzt in der ersten Reihe und schaut sehr ernst auf die beiden Vertreter der Bundesanwaltschaft. Andreas Anschlag trägt einen biederen Pullunder mit Streifen, seine Frau einen Wollpullover mit V-Ausschnitt. Mit Whiskey-Glas oder auf dem Fahrersitz eines Aston-Martin kann man sich diese beiden Spione aus dem wirklichen Leben kaum vorstellen.

Prozess gegen Agentenpaar aus Russland © dapd Vergrößern Der Angeklagte, ehedem unter dem Decknamen Pit geführt, mit seinem Verteidiger im Stuttgarter Spionageprozess mit seinem Anwalt

Die Vorsitzende Richterin bemerkt noch, dass zwischen Gericht, Bundesanwaltschaft und Verteidigung keine „inhaltliche Fragen zur Herbeiführung einer Verständigung“ stattgefunden hätten. Außerdem werde man im Prozess die falschen Familiennamen des Ehepaares weiter benutzen. Dann verliest ein Bundesanwalt die Anklage: Die Angeklagten hätten „für den Geheimdienst einer fremden Macht eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland und einen Nato-Vertragsstaat ausgeübt“, Ziel der Angeklagten sei es gewesen, „Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse“ an den ausländischen Geheimdienst zu liefern.

„Die Angeschuldigten sind hauptamtliche Mitarbeiter des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR. Unter ihren Falschpersonalien, legendiert als österreichische Staatsbürger südamerikanischer Herkunft, wurden sie im Auftrag des sowjetischen KGB in die Bundesrepublik eingeschleust“, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft. Eine „Geheimdienstliche Agententätigkeit“ wird nach Paragraph 99 des Strafgesetzbuches in besonders schweren Fällen mit einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren geahndet. Den Angeklagten wird ferner ein Verstoß gegen das Nato-Truppenschutzgesetz sowie „mittelbare Falschbeurkundung“ vorgeworfen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wende im Terrorprozess Mutmaßlicher Kopf der Düsseldorfer Zelle will aussagen

Im Prozess gegen die vier Mitglieder der Düsseldorfer Zelle von Al Qaida will der Hauptangeklagte Abdeladim El-K. nach zwei Jahren sein Schweigen brechen. Die Gruppe soll einen verheerenden Anschlag in Deutschland geplant haben. Mehr Von Reiner Burger, Düsseldorf

02.10.2014, 07:37 Uhr | Gesellschaft
Russischer Außenminister Lawrow warnt Kiew

Der russiche Außenminister Sergej Lawrow hatte eine klare Botschaft an die ukrainische Regierung: Das Bemühen um eine Mitgliedschaft in der Nato behindere eine Friedenslösung für den Osten des Landes, so Lawrow. Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk hatte angekündigt, sein Land werde die Mitgliedschaft in der Nato anstreben. Mehr

02.09.2014, 14:57 Uhr | Politik
Nationalsozialistischer Untergrund Verfassungsschutz hatte seit 2005 Hinweise auf NSU

Schon Jahre, bevor die Morde des NSU ans Licht kamen, lag dem Verfassungsschutz eine CD mit Hinweisen vor. Man habe nicht auf die Existenz einer rechtsterroristischen Gruppierung schließen können, heißt es beim Verfassungsschutz. Mehr

01.10.2014, 19:34 Uhr | Politik
Nato: Mehr als 1000 russische Soldaten in der Ukraine

Auf Satellitenbildern des Militärbündnisses sollen unter anderem Armee-Konvois, Panzer und Artillerie zu sehen sein. Russland weist Berichte über Truppenentsendungen zurück Mehr

28.08.2014, 21:54 Uhr | Politik
Islamistischer Terror Irak warnt Amerika und Frankreich vor Anschlägen

Der irakische Geheimdienst hat nach der Festnahme mehrerer Islamisten Frankreich und Amerika vor geplanten Terroranschlägen auf U-Bahnen gewarnt. Derweil haben die Amerikaner offenbar den Mörder der Geiseln Foley und Sotloff identifiziert. Mehr

25.09.2014, 19:56 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.01.2013, 14:15 Uhr