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Agentenpaar vor Gericht : Liebesgrüße aus Moskau

Sie soll unter dem Decknamen Tina zuletzt nahe Marburg spioniert haben Bild: dapd

Ihre Decknamen waren „Pit“ und „Tina“ und für sie war der Kalte Krieg nicht das Ende. Ein russisches Agentenehepaar spionierte mehr als 20 Jahre in Deutschland. Nun stehen die beiden vor Gericht.

          Am 18. Oktober 2011 kehrte der Kalte Krieg zurück nach Deutschland. Genaugenommen in die Straße „Ewiges Tal“ im Marbacher Ortsteil Michelbach. Dort lebte das unter den Aliasnamen Heidrun und Andreas Anschlag bekannt gewordene Agentenpärchen in einem Bungalow zur Miete, Hausnummer 28. Aus dem Bungalow kabelten sie ihre Berichte an den russischen Auslandsgeheimdienst SWR (siehe Kasten) per Kurzwelle. Nun müssen sie sich vor Gericht dafür verantworten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am 18. Oktober hatten Beamte der Anti-Terror-Einheit GSG9 das Haus in Hessen und eine weitere Wohnung im baden-württembergischen Balingen durchsucht und die beiden verdächtigen Agenten festgenommen. Dem Verfassungsschutz und der Generalbundesanwaltschaft war es gelungen, illegale Spione des russischen Auslandsnachrichtendienstes auszuheben. Es war der erste nachweisbare Fall seit der demokratischen Revolution 1989. Dass die russische Regierung Deutschland und vor allem die Nato weiter ausspionieren mit „Illegalen“ würde, vermuteten die Verfassungsschützer nur, jetzt hatten sie den Beweis. Als 2010 die unter dem Pseudonym „Agentin 00 Sex“ bekannte Anna Wassilijewna Chapman in den Vereinigten Staaten aufflog, kamen die westlichen Sicherheitsdienste wohl auch den Agenten in Deutschland auf die Spur.

          Deckname „Pit“ und „Tina“

          Zum Prozessauftakt am Dienstag betreten Andreas Anschlag und seine Frau Heidrun den Saal 18 im Keller des Stuttgarter Oberlandesgerichts. Heidrun Anschlag sitzt in einem Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd in Untersuchungshaft, ihr Mann in Stuttgart-Stammheim. „Pit“ und „Tina“ waren ihre Decknamen, zuletzt dienten sie dem SWR als Abteilungsleiter. Einer ihrer Anwälte braucht ziemlich lange, um den mit einem Zahlenschloss gesicherten Alukoffer zu öffnen. Heidrun Anschlag nimmt dann in der zweiten Reihe Platz, geradezu fröhlich redet sie mit ihrem Strafverteidiger. Traurig wird sie erst später, als es um die gemeinsame Tochter geht. Ihr Mann sitzt in der ersten Reihe und schaut sehr ernst auf die beiden Vertreter der Bundesanwaltschaft. Andreas Anschlag trägt einen biederen Pullunder mit Streifen, seine Frau einen Wollpullover mit V-Ausschnitt. Mit Whiskey-Glas oder auf dem Fahrersitz eines Aston-Martin kann man sich diese beiden Spione aus dem wirklichen Leben kaum vorstellen.

          Der Angeklagte, ehedem unter dem Decknamen Pit geführt, mit seinem Verteidiger im Stuttgarter Spionageprozess mit seinem Anwalt
          Der Angeklagte, ehedem unter dem Decknamen Pit geführt, mit seinem Verteidiger im Stuttgarter Spionageprozess mit seinem Anwalt : Bild: dapd

          Die Vorsitzende Richterin bemerkt noch, dass zwischen Gericht, Bundesanwaltschaft und Verteidigung keine „inhaltliche Fragen zur Herbeiführung einer Verständigung“ stattgefunden hätten. Außerdem werde man im Prozess die falschen Familiennamen des Ehepaares weiter benutzen. Dann verliest ein Bundesanwalt die Anklage: Die Angeklagten hätten „für den Geheimdienst einer fremden Macht eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland und einen Nato-Vertragsstaat ausgeübt“, Ziel der Angeklagten sei es gewesen, „Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse“ an den ausländischen Geheimdienst zu liefern.

          „Die Angeschuldigten sind hauptamtliche Mitarbeiter des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR. Unter ihren Falschpersonalien, legendiert als österreichische Staatsbürger südamerikanischer Herkunft, wurden sie im Auftrag des sowjetischen KGB in die Bundesrepublik eingeschleust“, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft. Eine „Geheimdienstliche Agententätigkeit“ wird nach Paragraph 99 des Strafgesetzbuches in besonders schweren Fällen mit einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren geahndet. Den Angeklagten wird ferner ein Verstoß gegen das Nato-Truppenschutzgesetz sowie „mittelbare Falschbeurkundung“ vorgeworfen.

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