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Afghanistan-Einsatz : Die Bundeswehr als Komplize der herrschenden Klasse?

Auf der Suche nach dem nötigen Wissen: Bundeswehrsoldaten in Kundus Bild: dpa

Eine Studie sagt, die Deutschen hätten durch ihr Verhalten bestehende Machtstrukturen in Afghanistan gefestigt und ihre Ziele verfehlt. Eine kohärente Strategie habe es nie gegeben.

          Der frühere Gouverneur von Kundus, Mohammad Omar, war den Deutschen von jeher ein Dorn im Auge. Er galt als korrupt und ineffizient. Im April 2009 drängte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier den afghanischen Innenminister Hanif Atmar ohne Umschweife, Omar zu entlassen. Der Minister willigte ein. Und es geschah - nichts. Denn der Gouverneur hatte einflussreiche Freunde in Kabul.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das Beispiel zeigt, dass die Möglichkeiten der Deutschen, Einfluss auf das Machtgefüge in Kundus zu nehmen, begrenzt waren. Das ist immerhin jene Provinz, in der zeitweise 1200 deutsche Soldaten stationiert waren und in die ein großer Teil der deutschen Entwicklungshilfe floss.

          Als die Bundeswehr im Jahr 2003 dort ihr Regionales Wiederaufbauteam (PRT) errichtete, gehörte es zu ihren erklärten Zielen, in den Nordprovinzen den Einfluss der Zentralregierung zu stärken. Staatsaufbau nannte man das. Gelungen ist das kaum. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine am Dienstag veröffentlichte Studie des in Kabul ansässigen Forschungsinstituts Afghanistan Analysts Network.

          Der Autor Philipp Münch beschreibt, wie sich die Kommandeure der Nordallianz in den Nordprovinzen und in der Zentralregierung in Kabul die wichtigsten Posten sicherten, nachdem sie die Taliban Ende 2001 mit amerikanischer Hilfe gestürzt hatten. Die Kommandeure vertraten Kräfte, die an einem Scheitern des Staatsaufbaus interessiert waren, um ungehindert ihren Drogengeschäften nachgehen zu können. Vermeintlich demokratische Prozesse wie Wahlen verstärkten ihren Einfluss noch, da sie sich durch Einschüchterung Stimmen sichern konnten. Die Verlierer waren jene paschtunisch dominierten Distrikte und Netzwerke, die zuvor die Taliban unterstützt hatten. Sie wurden von den Fleischtöpfen des Staates und der internationalen Hilfe ausgeschlossen. Auch deshalb wurden sie später zum Einfallstor für die Rückkehr der Taliban im Norden.

          Strategielos am Hindukusch

          Aus dem fernen Kabul versuchte Präsident Karzai seinen Einfluss in den Provinzen zu sichern, indem er verschiedene Fraktionen gegeneinander ausspielte. Gegen die Vormachtstellung der Nordallianz, der Erben von Ahmad Shah Massoud, installierte er Gouverneure und Polizeichefs rivalisierender Gruppierungen, die ebenfalls im Bürgerkrieg gekämpft hatten. Für zivile, gar demokratische Kräfte blieb da wenig Raum.

          Und die Deutschen? Sie, heißt es in der Studie, hätten keine kohärente Strategie gehabt, um das Machtgefüge in den Nordprovinzen zu beeinflussen. Dies begründet Münch zum einen damit, dass ihnen, zumal dem Bundesnachrichtendienst, das nötige Wissen über die lokalen Machtverhältnisse gefehlt habe. Zum anderen seien die Bundeswehr-Kommandeure bestrebt gewesen, allem Ärger aus dem Weg zu gehen. Dementsprechend habe man sich nicht einmischen wollen.

          Heraus kam ein „mal so, mal so“. In den meisten Fällen hätten die Deutschen den Auftrag des Staatsaufbaus so verstanden, mit offiziellen Stellen zusammenzuarbeiten - egal, wer sie besetzte, und seien es staatsfeindliche Warlords. In anderen Fällen wiederum hätten sie sich mit jenen verbündet, die sie für die stärksten Akteure hielten, auch wenn diese keine Staatsdiener waren. Beispiel Badakhshan: Dort stellte die Bundeswehr Milizionäre des lokalen Kriegsfürsten Nazir Mohammad als Wachleute ein, um - so die verquere Realität in Afghanistan - Angriffen desselben Warlords auf das deutsche Feldlager vorzubeugen. „Die Deutschen wurden zu Geiseln ihrer Gastgeber“, schreibt Münch. Und weiter: „Der Ansatz der deutschen PRT-Kräfte, sich auf die offiziellen, und zum Teil einflussreichsten Machthaber zu stützen, hat die bestehende Machtverteilung zementiert.“ Jene, die von diesen Klientelnetzen nicht profitierten, hätten die Deutschen daher als „Komplizen der herrschenden Klasse“ betrachtet, schreibt der Autor. Ein beliebtes Mittel der Bundeswehr, Verbindungen zu den Mächtigen zu halten, war demnach, ihnen und ihren Familien aufwendige medizinische Versorgung zu gewähren.

          Unrealistische Ansprüche

          Den lokalen Machthabern gelang es zudem, über Bau- und private Sicherheitsfirmen von den internationalen Hilfsgeldern zu profitieren. Immerhin, so Münch, hätten die ehemaligen Warlords durch die Präsenz des internationalen Militärs Anreize erhalten, ihre Machtkämpfe in gewaltloser Form auszutragen. Dabei setzten sich zunächst solche Männer durch, die auch im zivilen Leben bestehen konnten. Männer wie der frühere Polizeichef für den Norden Daud Daud, der sich schnell die moderne Sprache der Interventionstruppen aneignete. Auf der Strecke blieben zunächst Männer wie der Milizenführer Mir Alam, dem es an Schulbildung fehlte. Seine Stunde aber schlug 2009, als das Wiedererstarken der Taliban den Ruf nach starken Männern erklingen ließ. Offiziell hielten die Deutschen sich von Mir Alams Anti-Taliban-Miliz fern, während die Amerikaner sie unterstützten. Doch inoffiziell suchte auch das deutsche PRT Münch zufolge die Nähe des Milizenchefs.

          Gleichzeitig, so der Autor, versuchten die Deutschen immer wieder, Technokraten in der afghanischen Verwaltung und in den Sicherheitskräften zu stärken. Sie hatten moderne Managementfähigkeiten und galten als weniger korrupt. Münch allerdings erklärt letzteres eher damit, dass ihnen die Machtbasis fehlte und sie deshalb weniger Klienten mit Gefälligkeiten bedienen mussten. Sprich: Je weniger korrupt, desto machtloser. Die „guten“ Freunde der Deutschen konnten also ihre Entscheidungen nicht durchsetzen. Auch dieser Ansatz erwies sich damit als erfolglos.

          Wie es anders hätte sein können und wie eine deutsche Strategie hätte aussehen sollen, verrät Münch allerdings nicht. So bleibt nur die Schlussfolgerung, dass der Anspruch, als Interventionsmacht einen Staat in zehn Jahren aufzubauen, wohl unrealistisch war.

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