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Pegida und die AfD : Nur Platz für eine Alternative

Pegida-Chef Bachmann: „Volksverräter in Berlin“ seien in „grenzenloser Angst“ wegen seiner Parteigründung. Bild: dpa

Könnten Pegida und AfD zusammenarbeiten? Die Pegida-Anhänger träumten zuletzt von einer gemeinsamen Liste. Trotz mancher Schnittmengen will die AfD von den Dresdenern nichts wissen. Warum?

          Nur das Wetter, so schien es, kann Pegida bezwingen. Denn nur etwa 3000 Zuhörer hatten sich am Montagabend auf dem Neumarkt in Dresden versammelt. Deren Laune hob sich jedoch spürbar, als im dichten Schneetreiben nach wochenlanger Abwesenheit Lutz Bachmann wieder auftauchte und nach zuletzt allenfalls mäßigen Teilnehmerzahlen und Gerüchten um Streit in der Pegida-Führung seine Sicht der Lage mitteilte.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Demnach steht Pegida kurz vor der Machtübernahme; man sei in Europa „hochangesehen und als feste Kraft anerkannt“, sowie längst auch in Deutschland praktisch nicht mehr aufzuhalten. Selbst im „Kalifat Nordrhein-Westfalen“ gingen inzwischen „Hunderte“ auf die Straße, und die „Volksverräter in Berlin“ seien in „grenzenloser Angst“, wüssten sie doch, dass ihr „Stündlein bald geschlagen“ habe, wenn „Pegida alsbald endlich als Partei dasteht“.

          „Eventuelle Listenbildung gemeinsam mit der AfD“

          Die Zuhörer bejubelten diesen vergleichsweise langen Anlauf genauso, wie sie vor einem Jahr die Botschaft ihres Anführers gefeiert hatten, sich „niemals“ als Partei aufstellen, sondern eine Protestbewegung auf der Straße bleiben zu wollen. Im Herbst hatte Bachmann schon einmal folgenlos eine Parteigründung ins Spiel gebracht, und diesmal ließ er seiner Ankündigung gleich eine doppelte Relativierung folgen: Sollte Pegida eine Partei werden, könnten sich „eventuell Gespräche auf Augenhöhe über eine eventuelle Listenbildung gemeinsam mit der AfD ergeben“.

          Die Schnittmengen mit der AfD seien „derart groß, dass man über persönliche Befindlichkeiten wirklich hinwegschauen“ müsse. Die persönlichen Befindlichkeiten gibt es seit einem ersten Treffen zwischen AfD und Pegida im Januar vorigen Jahres in Dresden, das jedoch mit einer tiefen Abneigung zwischen Bachmann und der heutigen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry endete.

          Die so als Koalitionspartner ins Spiel gebrachte sächsische AfD erklärte am Dienstag, über Bachmanns Pläne nicht informiert gewesen zu sein. Im Übrigen spiele das ganze Thema keine Rolle, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende Thomas Hartung. „Sicher gibt es eine gemeinsame Schnittmenge bei Themen, und deshalb wäre eine Pegida-Partei für uns auch eine Konkurrenz.“ Eine solche aber wollten sich die Alternativen tunlichst vom Hals halten.

          AfD neidisch auf die Mobilisierungskraft Pegidas

          Zwar schaute die AfD gerade in Sachsen bisher mit Neid auf die Mobilisierungskraft Pegidas; sie selbst brachte etwa bei Anti-Asyl-Demonstrationen nicht ansatzweise so viele Menschen auf die Straße. „Aber es gibt auch sehr große Unterschiede zwischen uns in der Rhetorik und im Handeln“, sagte Hartung und verweist dabei auf Pegida-Rednerin Tatjana Festerling.

          Tatjana Festerlin zu Zeit-Chefredakteur, der Rede in Dresden gehalten hat: „Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!“
          Tatjana Festerlin zu Zeit-Chefredakteur, der Rede in Dresden gehalten hat: „Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!“ : Bild: dpa

          Die einstige AfD-Mitgründerin hatte erst am Wochenende für einen abermaligen Tiefpunkt gesorgt, als sie den Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Giovanni di Lorenzo, der in Dresden für eine Rede zum Thema Lügenpresse war, unter Verweis auf die Berichterstattung seines Blattes mit dem Satz „Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!“ begrüßt hatte.

          Derlei untrügliche Nachweise abendländischer Kultur finden allerdings Anklang bei der sogenannten Patriotischen Plattform, einem Zusammenschluss streng nationaler, rechtskonservativer Mitglieder der AfD und ihrer Sympathisanten, die Festerling erst kürzlich zum Erfahrungsaustausch eingeladen hatten. Bei dem Treffen in Leipzig waren auch mehrere AfD-Landtagsabgeordnete zugegen. Partei- und Fraktionsvorstand der Sachsen-AfD weisen aber gerade in letzter Zeit vehement darauf hin, dass die Patriotische Plattform „weder Bestandteil noch eine Gruppierung innerhalb der AfD“ sei.

          Umfrage in Sachsen-Anhalt : AfD überholt die SPD

          83 Prozent der Pegidianer würden AfD wählen

          Bachmann wiederum, der mit seiner Bewegung derzeit offenbar nicht weiter weiß, könnte eine Studie von Politikwissenschaftlern der TU Dresden zu seiner Ankündigung einer Zusammenarbeit mit der AfD motiviert haben. Umfragen der Wissenschaftler ergaben, dass es der AfD immer besser gelinge, im Lager von Pegida und deren Sympathisanten Fuß zu fassen. Rund 83 Prozent der Pegidianer gaben demnach an, AfD wählen zu wollen, fast 30 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

          Sowohl AfD als auch Pegida hegten demnach ähnlich viel Sympathie für Russland und Antipathie gegenüber den Vereinigten Staaten, sie geben sich beide globalisierungskritisch, halten Deutschland für sozial ungerecht und verachten „Eliten“, „Systemparteien“ und „Lügenpresse“.

          Nach der Spaltung der AfD im Sommer vergangenen Jahres hatte der Petry-Vertraute und nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Marcus Pretzell denn auch den Satz „Wir sind die Pegida-Partei“ gerufen. Auf Pegida kann die AfD derzeit jedoch gut verzichten. Petrys Co-Vorsitzender Jörg Meuthen jedenfalls erteilte dem Ansinnen Pegidas am Dienstag eine klare Absage. „Mit Pegida wird es keine Zusammenarbeit und keine Absprachen geben“, sagte Meuthen der Nachrichtenagentur dpa. Die AfD sei „die einzige echte Alternative zu allen Parteien“ und auf Koalitionen nicht angewiesen.

          Quelle: F.A.Z.

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