http://www.faz.net/-gpf-8hlcf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 29.05.2016, 06:19 Uhr

„Nicht als Nachbarn“ Gauland beleidigt Boateng

Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland sagt, Fußball-Weltmeister Jerome Boateng werde im eigenen Land als fremd empfunden. Der DFB reagiert scharf. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat Boatengs Nachbarn nach Vorbehalten gefragt.

von und
© Picture-Alliance Fußballnationalspieler Jerome Boateng im Trainingslager vor der Euro2016 in Ascona, Schweiz.

Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland hat den deutschen Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng beleidigt. So werde der in Berlin geborene und aufgewachsene Fußballspieler, der einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter hat, zwar als Spieler in der deutschen Nationalmannschaft geschätzt, doch das bedeute nicht, dass er nicht als fremd empfunden werde. Gauland sagte dieser Zeitung: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Markus Wehner Folgen: Eckart Lohse Folgen:

DFB-Präsident Reinhard Grindel reagierte scharf auf die Äußerung Gaulands. Es sei „einfach geschmacklos“, die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft „für politische Parolen zu missbrauchen“. Millionen Menschen liebten die Nationalmannschaft, „weil sie so ist, wie sie ist“, sagte Grindel. Boateng sei „ein herausragender Spieler und ein wunderbarer Mensch, der sich übrigens auch gesellschaftlich stark engagiert und für viele Jugendliche ein Vorbild ist“. Auch der Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, wandte sich gegen Gaulands Äußerung: „Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir mit solchen Aussagen konfrontiert werden. Sie bedürfen keiner weiteren Kommentierung, die Personen diskreditieren sich von alleine.“

Mehr zum Thema

F.A.S. Mehr dazu in der Sonntagszeitung vom 29.05.2016. Am Vorabend schon in der F.A.S. -App und als E-Paper.

Boatengs Nachbarn im gediegenen Münchner Stadtteil Grünwald haben offenbar keine Probleme mit dem Fußballspieler. „Hier kann jeder wohnen, der will“, sagte eine Nachbarin aus dem Haus direkt gegenüber dieser Zeitung. Eine blonde Anwohnerin ein paar Hausnummern weiter schätzt die zurückhaltende Lebensweise Boatengs: „Die wilden Partys machen hier vor allem die normalen Leute, nicht die Prominenten.“ Ein grauhaariger Mann in derselben Straße sagte, er sehe Boateng nicht oft, aber er halte ihn für „ganz nett und auf dem Boden geblieben. Die Kinder gehen auch hier um die Ecke in den Kindergarten. Ganz normal.“ Von Vorbehalten anderer Nachbarn wisse er nichts. Im Getränkemarkt 500 Meter weiter ist man stolz, dass Boateng dort Kunde ist: „Er ist ganz normal. Man würde ihm nicht anmerken, dass er ein Promi ist.“ In der nahegelegenen Tankstelle kennt die Mitarbeiterin Boateng als „ganz coolen Typen“. Er tanke dort und lasse auch sein Auto reparieren. „Hier kommen alle her: Robben, Ribéry... Mit unserem Mechaniker, einem Portugiesen, haben sie sich angefreundet und ihm Karten fürs Pokalfinale in Berlin besorgt.“ In München-Bogenhausen, wo Boateng früher wohnte, wurden zu vermietende Zimmer in WG-Anzeigen mit der Nähe zu Boateng beworben; so hieß es etwa beim Portal „WG gesucht“ über eine Wohnung: „Auf den Weg dorthin kommt man außerdem an der Wohnung des Fußballstars Jerome Boateng vorbei. (nur für die Fußballbegeisterten unter euch).“

„Es geht um die Abwehr des kulturell Fremden“

Gauland sagte, unter den AfD-Anhängern gebe es die Sorge, „dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition“. Und diese große Zahl der Fremden komme nun einmal aus Regionen, in denen vor allem Muslime lebten. Boateng ist allerdings nicht Muslim, sondern gläubiger Christ. Auf seinen linken Unterarm hat er die Gottesmutter Maria tätowiert, auf den rechten Oberarm ein Kreuz. „Weil ich Christ bin“, hatte der 27 Jahre alte Fußballer das vor einigen Jahren begründet. „Ich lasse mir nur Tattoos machen, die für mich eine Bedeutung haben.“ Im vergangenen Jahr hatte Boateng in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt, er könne sich vorstellen, Kapitän der Fußball–Nationalmannschaft zu werden. „Als erster farbiger Kapitän wäre das mit Blick auf die Integration auch ein starkes Zeichen nach außen, auf das ich sehr stolz wäre.“

Das Thema deutscher Nationalspieler mit Migrationshintergrund hatte schon vor einigen Tagen für Aufregung gesorgt. Eine Pegida-Gruppe vom Bodensee beschwerte sich auf Facebook darüber, dass auf der Süßigkeit „Kinderschokolade“ Bilder von farbigen und anderen ausländischen Jungen zu sehen seien. „Vor Nichts wird Halt gemacht“, hatte jemand auf der Seite geschrieben, offensichtlich in Unkenntnis darüber, dass es sich um eine Werbeaktion des Herstellers handelt. Anlässlich der Fußball-EM in Frankreich, die am 10. Juni beginnt, hat der Hersteller Kinderbilder der deutschen Nationalspieler auf der Packung abgebildet, unter anderen die von Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Boateng. Die Pegida-Führung distanzierte sich von den Äußerungen der Gruppe.

 
AfD-Vize Gauland beleidigt Jerome Boateng.
 
Alexander Gauland: „Die Leute wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

AfD-Vize Gauland sagte dieser Zeitung weiter, es gehe der AfD in ihrer Frontstellung gegen den Islam nicht um die Verteidigung des Christentums, sondern um die Abwehr des kulturell Fremden. „Wir wollen nicht das Christentum im religiösen Sinne verteidigen.“ Die Wähler der AfD wollten aber, dass man für „ihr So-Sein“ kämpfe, für alles, „was man von den Vätern ererbt“ habe. „Das Christentum ist dafür dann eine Metapher.“ Die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem, so Gauland. Politiker der AfD waren auf den heute zu Ende gehenden Katholikentag in Leipzig nicht eingeladen worden. Dort sei für menschenverachtende Positionen kein Platz, hieß es zur Begründung. Diese Entscheidung war nicht nur von der AfD, sondern auch von vielen Politikern anderer Parteien kritisiert worden.

Unter Mitarbeit von Tobias Krone.

Zurück zur russischen Normalität

Von Friedrich Schmidt

Kritik an Krim-Annexion, Aufrüstungspolitik und niedriger Ölpreis: Den großen Deal mit Trump wird es nicht geben. Moskau sieht Amerika wieder als Feind.  Mehr 48

Zur Homepage