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AfD-Sprecher beleidigt Trisomie-Betroffene : Wer ist hier normal?

Erst nachgelegt, dann zurückgetreten: Thomas Hartung, der bisherige stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Sachsen Bild: Sven Döring / Agentur Focus

Er wolle nicht von einem Lehrer mit Trisomie 21 unterrichtet werden: Das und mehr postete der stellvertretende Vorsitzende und Sprecher der sächsischen AfD, Thomas Hartung, auf Facebook. Der Sturm der Entrüstung ist groß.

          Lange war es verdächtig ruhig in der sächsischen AfD, doch nun hat auch Deutschlands bisher erfolgreichster Landesverband der „Alternative für Deutschland“ eine Personal-Affäre. Der stellvertretende Vorsitzende und Sprecher der sächsischen AfD, Thomas Hartung, trat am Dienstagabend auf einer außerordentlichen Landesvorstandssitzung zurück. Darüber hinaus erklärte er auch seinen Verzicht auf seine Sprecherfunktion sowie den aussichtsreichen Listenplatz 2 für die Landtagswahl im August.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der 52 Jahre alte Dresdner zieht damit die Konsequenz aus seinen beleidigenden Äußerungen gegenüber dem spanischen Lehrer Pablo Pineda, der trotz Trisomie 21 studiert hatte und Lehrer wurde. Pinedas Geschichte wurde unter dem Titel „Me too – Wer will schon normal sein?“ verfilmt, er selbst spielt auch die Hauptrolle. Auf seinem „Facebook“-Account verlinkte Hartung am Wochenende einen Zeitungsbericht über Pineda und kommentierte diesen zunächst kryptisch mit den Worten: „Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu.“

          Was ist normal?

          Danach zitierte er aus dem Zeitungstext: „Er kam mit Down-Syndrom zur Welt, im andalusischen Málaga. Jetzt will er Lehrer werden. Der Erste mit dieser Genmutation.“ Daran anschließend notierte Hartung: „Wo soll das hinführen, wenn er als ‚normal’ gezeigt wird?“ Damit löste er eine Diskussion über Behinderte aus – und zog umgehend harsche Kritik aus dem Netz auf sich. Die AfD zeige ihr wahres Gesicht, schrieben Nutzer. Die Sache wurde nun auch für die Partei brandgefährlich.

          Doch statt innezuhalten, legte Hartung nach, unterstellte seinen Kritikern Unwissen sowie einen vernebelten Verstand. Sachsens AfD-Vorsitzende Frauke Petry versuchte zunächst vergeblich, ihren Stellvertreter von seinem Handeln abzubringen. „Thomas – wann ist endlich Schluss mit der Diskussion???“, schrieb sie Hartung auf Facebook. Doch erst, nachdem sie ihn auch angerufen hatte, löschte Hartung alle Beiträge. Da aber war die Debatte über die AfD und ihren Umgang mit Behinderten bereits in vollem Gange.

          Entschuldigung am Mittwochmorgen

          Gefragt, ob der seine Äußerungen bedauere, erklärte Hartung noch am Montag gegenüber der „Dresdner Morgenpost“: „Mein Credo lautet: Ein Trisomie-21-Betroffener kann aufgrund unserer Bildungsstandards in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers nicht ergreifen, ich als Nichtbehinderter würde von einem solchen auch nicht unterrichtet werden wollen.“

          Notbremse: Frauke Petry, Sprecherin des Landesvorstandes Sachsen der Alternative für Deutschland
          Notbremse: Frauke Petry, Sprecherin des Landesvorstandes Sachsen der Alternative für Deutschland : Bild: ZB

          Am Dienstagabend nun zog die Partei die Notbremse. „Es musste reagiert werden“, sagte die Parteivorsitzende Petry gegenüber FAZ.NET. „Thomas Hartung hat massiven Schaden in der Öffentlichkeit angerichtet und gegen die Grundwerte der Partei verstoßen.“ Das sei ein schwerer Fehler. „Ich bedaure, dass es so lange gedauert hat, bis er das selbst verstanden hat.“

          Hartung selbst entschuldigte sich schließlich am Mittwochmorgen. Er bitte Herrn Pineda sowie alle direkt oder indirekt betroffenen Bürger um Verzeihung. „Mir ist inzwischen bewusst geworden, dass ich damit unabsichtlich einen Schaden für die AfD verursacht und wiederholt gegen ihre politischen Grundsätze verstoßen habe. Dies tut mir unendlich leid.“

          Gegenüber FAZ.NET sagte Hartung, dass er noch nie in seinem Leben derartig missverstanden worden sei. Er habe mit seiner Äußerung lediglich auf Defizite im sächsischen Bildungssystem hinweisen wollen. „Gerade als Germanist hätte ich natürlich die Folgen solcher Äußerungen bedenken müssen.“ Hartung ist zur Zeit Dozent für Journalistik, Marketing und Medienproduktion an der Technischen Universität Dresden. Die Universität fordert nun  ebenfalls eine Erklärung Hartungs.

          AfD-Chefin Petry bedauerte den Rückzug ihres Vizes, stellte jedoch klar, dass die offene Diskussionskultur in ihrer Partei da Grenzen habe, wo die Würde anderer Menschen berührt werde. Sie hoffe, dass mit dem Rücktritt ihres Stellvertreters wieder Ruhe einkehrt. „Eine solche Diskussion wäre im Wahlkampf eine große Belastung gewesen.“ Laut aktuellen Umfragen kann die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen am 31. August mit bis zu acht Prozent der Stimmen und damit erstmals mit dem Einzug in ein Parlament rechnen.

          Quelle: FAZ.NET

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