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AfD-Politiker Uwe Junge : „Die Aussetzung der Wehrpflicht war ein Fehler“

Hält nichts von der Abschaffung der Wehrpflicht: Uwe Junge, Fraktionsvorsitzender der AfD in Mainz Bild: Frank Röth

Uwe Junge, AfD-Landesvorsitzender und ehemaliger Berufsoffizier, kritisiert im Interview die Verteidigungsministerin und falsche Schwerpunkte bei der Ausrichtung der Bundeswehr.

          Herr Junge, wie haben Sie als Politiker und ehemaliger Offizier das jüngste Agieren von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen empfunden?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die Vorkommnisse, von denen da die Rede ist, sind ohne Zweifel beängstigend und müssen dringend aufgearbeitet werden. Dennoch hat die Ministerin überreagiert. Ihre Pauschalverurteilung der Bundeswehr, ihre Rede vom „Haltungsproblem“, war sehr ungerecht. Sie hat so das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Im Übrigen ist sie seit 2013 im Amt und daher mitverantwortlich für die Entwicklung.

          Sie sind erst seit Kurzem im Ruhestand, kennen die Ministerin also auch noch als Vorgesetzte. Wie beliebt ist sie in der Truppe?

          Sie hat gleich angefangen, mit hartem Besen zu kehren und sich auf öffentlichkeitswirksame Projekte gestürzt, etwa die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, aber es handelt sich nicht um die Kernaufgabe der Armee. Für die Verbesserung der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr, auch der mentalen Einsatzfähigkeit, hat von der Leyen viel zu wenig getan. Stichwort: „Innere Führung“.

          Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf könnte doch eben dazu beigetragen haben.

          Nicht unbedingt. Früher, als es beispielsweise die stark einschränkende Dienstzeitregulierung noch nicht gab und es insgesamt weniger Bürokratie gab, haben Vorgesetzte viel mehr Zeit mit ihren Soldaten verbracht. Da konnte man die ein oder andere problematische Tendenz eher erkennen und entgegenwirken. Der Soldat braucht Vorbilder. Wenn die Bundeswehr keine Vorbilder mehr bietet, suchen sie sich die Soldaten woanders.

          Manche sagen, es sei kein Wunder, dass es in der Bundeswehr rechtsextremistische Umtriebe gebe, weil der Soldatenberuf eben einen bestimmten Menschentyp anziehe. Sehen Sie das auch so?

          Natürlich sollen junge Menschen aus Überzeugung in die Bundeswehr eintreten. Ich wollte tatsächlich immer „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer verteidigen“. Aber unter von der Leyen wird verstärkt so getan, als sei der Soldatenberuf ein Job wie jeder andere – das ist er eben nicht! Der Soldat als Funktionär in Uniform – das greift zu kurz. Der Soldat muss kämpfen können und auch kämpfen wollen!

          Uwe Junge in seinem Landtagsbüro

          Seit dem Ende der Wehrpflicht muss die Bundeswehr eben schauen, wie sie zu ihren Leuten kommt.

          Die Aussetzung war aus mehreren Gründen ein Fehler: Die Wehrpflicht hatte die Bundeswehr immer gezwungen, sich mit kritischen Haltungen von Leuten auseinanderzusetzen, die nicht freiwillig da waren. Sie war auch ein großartiges Reservoir zur Nachwuchsgewinnung. Und sie hat die Bindung der Bundeswehr an die Zivilgesellschaft sichergestellt.

          Die ist heute nicht mehr gegeben?

          Nicht mehr in dem Maße. Das habe ich selbst miterleben müssen, als ich im Einsatz in Afghanistan war: Freunde und Nachbarn haben sich gar nicht mehr dafür interessiert, was ich dort mache. Es war unangenehm. Auch die Medien berichten kaum über die guten Leistungen der Bundeswehr im Einsatz, sondern vornehmlich über Skandale und Tote. Die Aufarbeitung von Einsätzen findet ausschließlich innerhalb der Bundeswehr statt. Das führt dazu, dass sich unsere Soldaten nicht wahrgenommen und oft missverstanden fühlen, sich zurückziehen, abschotten – auf diesem Nährboden entsteht wenig Gutes.

          Wie ist es um die politische Bildung in der Bundeswehr bestellt?

          Die ist nach meiner Wahrnehmung mit der Aussetzung der Wehrpflicht stark vernachlässigt worden. Man geht offenbar davon aus, dass die, die aus freien Stücken kommen, sowieso die richtige Einstellung haben. Aber gerade die Rolle des Staatsbürgers in Uniform im Spannungsfeld von Einsatz und Zivilgesellschaft muss permanent thematisiert werden!

          Hat die Bundeswehr ein Führungsproblem?

          Ohne Zweifel. Das Erschreckende an den jüngsten Vorwürfen ist ja auch, dass sie sich gegen Offiziere richten, die eigentlich die Aufgabe hätten, die Soldaten zu Staatsbürgern in Uniform zu erziehen. Da geht es nicht mehr um ein problematisches Liedchen, was untere Dienstgrade mal aus einer Bierlaune heraus singen.

          Sind Ihnen zu Ihrer Zeit rechtsextreme Umtriebe in der Bundeswehr bekannt geworden?

          Ja. Die hat es immer wieder mal gegeben. Denken Sie an Schneeberg 2006. Die Regel ist das aber nicht!

          Sie selbst haben in Ihrem Mainzer Landtagsbüro ein Bild von Generalfeldmarschall Erwin Rommel hängen. Wie würden Sie das von der Leyen erklären?

          Rommel war unbestritten ein großer militärischer Führer – und er hatte immerhin Kontakte zum Widerstand. Im Übrigen hängt in meinem Büro auch ein Bild von Graf Schenk von Stauffenberg und von Helmut Schmidt.

          Sie sind nicht der Auffassung, die Bundeswehr sollte jede Traditionslinie zur Wehrmacht kappen?

          Man muss differenzieren zwischen politischen Intentionen und militärischen Leistungen. An der Militärakademie der Vereinigten Staaten in Westpoint werden auch erfolgreiche Feldzüge der Wehrmacht studiert. Aus Angst vor der Außenwirkung wird das in der Bundeswehr kaum noch gemacht. Dabei könnte man doch sagen: Der und der war zwar politisch belastet, aber militärisch dennoch bedeutsam. Je mehr das in der Bundeswehr dogmatisch ausgeblendet wird, desto interessanter mag es manchem erscheinen.

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