http://www.faz.net/-gpf-98anu

AfD und Humor : „Extremisten sind traurige Menschen“

Beherrschen Politiker der AfD Satire und Humor als Stilmittel der politischen Auseinandersetzung. Darüber machen sich Alice Weidel und Alexander Gauland möglicherweise gerade ein paar ernste Gedanken. Bild: Reuters

Ein bisschen Spaß muss sein – auch in der Politik. Manche Politiker versuchen im Bundestag, mit Humor und Satire auf die AfD zu reagieren. Kann das gutgehen? Der ehemalige Rechtspopulist und Haider-Mitarbeiter Stefan Petzner vertritt im FAZ.NET-Interview eine klare Haltung.

          Vorbei sind die Zeiten, als die AfD von sich sagen konnte, CDU, CSU, SPD, Grüne, FDP und Linke seien die etablierten Parteien und sie die frische neue Kraft. Spätestens mit dem Einzug in den Bundestag ist die Partei im Politikbetrieb angekommen – und muss sich als größte Oppositionspartei den parlamentarischen Regeln und Gewohnheiten stellen. Nicht nur den Argumenten der politischen Gegner oder der Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie am Mittwoch. Sondern auch dem Humor, dem Spott oder der (so empfundenen) Abkanzlung durch die Vertreter der anderen Parteien.

          Welche Rolle spielen Satire und Ironie für Populisten? Einer, der es wissen muss, ist Stefan Petzner. Der 37 Jahre alte Österreicher war als ganz junger Politiker enger Vertrauter, Sprecher und Wahlkampfhelfer von Jörg Haider, des 2008 bei einem Autounfall verstorbenen Kärntner Landeshauptmannes und Rechtspopulisten der österreichischen FPÖ und später der Abspaltung BZÖ.

          Nach dem Tod Haiders ging es für Petzner innerhalb der Partei abwärts, 2013 wurde er ausgeschlossen. Heute arbeitet er als PR-Unternehmer und Politikberater in Wien und hat mit seiner Vergangenheit als Rechtspopulist gebrochen.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Herr Petzner, Sie haben gesagt, Rechtspopulisten begegne man am besten mit Ignoranz. Wie weit kann man eine Partei ignorieren, die wie die AfD im Bundestag sitzt?

          Adolf Hitler hat einmal in einer erstaunlich offenen Rede 1938 im Münchner Bürgerbräukeller den Aufstieg der NSDAP nachgezeichnet und dazu wörtlich gesagt: „Die erste Phase dieses Kampfes war, andere überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Das war sehr schwierig. Es war ein Kampf um die Aufmerksamkeit, und man musste damals zu allen möglichen bedenklichen Mitteln greifen, um diese Aufmerksamkeit zu erregen. Man musste auch mal etwas Krach machen, etwas Skandal machen, irgendjemanden sogar verprügeln! Das war ganz gleichgültig. Aber man musste die Aufmerksamkeit erregen!“ Erstaunlich und erschaudernd zugleich, welche Parallelen es heute gibt. Und genau darum geht es mir, wenn ich immer wieder appelliere, der AfD eben nicht dauernd die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, indem man auf jede ihrer Aktionen und Provokationen einsteigt, sondern stattdessen eine bewusst sachlich-nüchterne, inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr zu pflegen. Das gilt gerade jetzt, da sie im Bundestag sitzt, umso mehr.

          Sie waren enger Mitarbeiter von Jörg Haider, der auf Satire und Humor des politischen Gegners besonders dünnhäutig reagierte. Was ist so gefährlich an Humor?

          Kennzeichen rechtspopulistischer Bewegungen sind ihre hierarchischen Strukturen, die auf eine zentrale Führungsfigur als hochstilisierten Heilsbringer ausgerichtet sind. Nichts ist diskreditierender, als dieser erlöserähnlichen Heilsfigur mit Spott, Humor und beißender Ironie zu begegnen und sie so wieder zu vermenschlichen. Daher reagieren Populisten auch so empfindlich darauf. Man kann das Stilelement des Humors und der Satire schon auch als Politiker einstreuen, aber nur sehr dosiert und vor allem, wenn man es auch sicher beherrscht. Politiker sind ja meistens eher schlechte Humoristen. Da kann ein gut gemeinter Gag auch schnell nach hinten losgehen.

          Wie hat Jörg Haider auf Satire reagiert? Wie der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache?

          Wie Strache ausnehmend empfindlich, weil es seinem politischen Konzept und charakterlichen Naturell völlig zuwider lief. Wie gesagt: Populisten werden zu Heilsbringern stilisiert und glauben in ihrer narzisstischen Verblendung, sie seien es tatsächlich. Denken Sie nur an Donald Trump. Das macht sie umso dünnhäutiger, gerade gegenüber Satire und Ironie.

          Im Bundestag reagieren die Fraktionen teilweise mit Humor auf AfD-Anträge wie jenen, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Der SPD-Abgeordnete Saathoff konterte sogar auf Plattdeutsch und wurde von den Kollegen dafür gefeiert. War das gut?

          Die Plattdeutsch-Rede fand ich sehr gelungen, weil sie zwei Effekte hatte: Erstens gelang in diesem Fall der politische Konter über den Weg des Humors ausgezeichnet, andererseits konnte Saathoff damit das Vorurteil zerstreuen, das gerade Parteien wie die AfD zu streuen versuchen: Die im fernen Berlin sitzen in einem Glaspalast namens Bundestag und sind weit weg vom Volk. Saathoff hat mit seinem Plattdeutsch gezeigt, dass dem nicht so ist, indem er so geredet hat wie der Mann von der Straße in seiner Heimat.

          Weitere Themen

          Selbstmordanschlag fordert über 50 Tote Video-Seite öffnen

          Kabul : Selbstmordanschlag fordert über 50 Tote

          Der Attentäter griff einen Festsaal an, in dem sich Hunderte Menschen versammelt hatten. Mindestens 50 Menschen kamen bei der Explosion ums Leben.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.
          Ein Mann wird gegen Grippe geimpft.

          Gesundheit : Deutschland geht Grippe-Impfstoff aus

          Wegen großer Nachfrage gibt es in vielen Regionen einen Mangel an Grippe-Impfstoffen. Möglicherweise wollen sich mehr Menschen wegen der Grippe-Welle im vergangenen Jahr schützen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.