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AfD : Einfache Lösungen, viele Fragen

Schielt Bernd Lucke nach rechts? Bild: dpa

Die Alternative für Deutschland verwahrt sich dagegen, in eine „Schublade“ gesteckt zu werden. Doch dürfte sie nicht um eine Debatte über ihre politische Verortung herumkommen.

          Beinahe wäre die Partei Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag eingezogen; schon bereitet sie sich auf die nächsten Wahlen vor, so auf die zum Europaparlament im kommenden Jahr. Die Partei um Sprecher Bernd Lucke verwahrt sich dagegen, in eine „Schublade“ gesteckt, insbesondere in die „rechte Ecke“ gerückt zu werden. Doch dürfte die AfD nicht um eine Debatte über ihre politische Verortung herumkommen – mit Blick auf ihr Programm und einzelne Mitglieder und das Auftreten ihres Spitzenmanns.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die AfD bezeichnet sich als Vertreterin eines „gesunden Menschenverstands“, die Sachverstand in die Politik transportiere. Schon der immer wieder angeführte Professorentitel ihres unumstrittenen Kopfes, des Hamburger Wirtschaftswissenschaftlers Lucke, soll dafür bürgen. Lucke reiht Zahl an Zahl, um die Europäische Währungsunion als Sündenfall darzustellen, den es rückgängig zu machen gelte. Wie das genau zu bewerkstelligen sei, dazu sind die Angaben unterschiedlich bis widersprüchlich; wirtschaftliche Risiken der laut Programm „geordneten Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ werden ausgeblendet, politische erst recht.

          So folgt die AfD in ihrem Kernthema dem Muster populistischer Parteien, die so tun, als gäbe es einfache Lösungen für komplexe Probleme. Dass sie dennoch weiterhin lediglich als „eurokritisch“ bezeichnet wird, dürfte dazu beigetragen haben, dass sie am Sonntag nicht nur bei Gruppen wie vormaligen Linkspartei-Wählern, von denen der AfD laut Infratest Dimap 340.000 ihre Stimme gaben, und Nichtwählern (210.000), sondern auch im bürgerlichen Lager punkten konnte: Von den gut zwei Millionen AfD-Stimmen kamen demnach rund 290.000 von früheren Unions- und 430.000 von ehemaligen FDP-Wählern.

          Wiederholte Darstellung als Opfer

          Aber Lucke spricht gerade nicht nur solche Wähler an. Er offenbart bei seinen Auftritten eine Vorliebe für extreme Bilder und reißerische Sprache. So veranstaltete die AfD kurz vor der Wahl eine „Euro-Verbrennung“ vor dem Brandenburger Tor: Männer mit Sonnenbrillen, Zigarren und dunklen Anzügen verbrannten nachgemachte 500-Euro-Scheine, bis AfD-Leute im hellblauen Ganzkörperkostüm das Feuer löschten. Lucke trat auf und bediente ein deutsches Trauma, als er rief, man erlebe derzeit „die größte Geldvernichtung seit der Inflation von 1923“. Noch düsterere Tage beschwor der AfD-Kopf am Wahlabend, als er in seiner Ansprache vor jubelnden Parteifreunden sagte: „Wir haben so viel an Entartungen der Demokratie und des Parlamentarismus in den letzten vier Jahren erlebt.“ In der ARD verteidigte sich Lucke am Mittwochabend, der Ausdruck „Entartung“ beschränke sich nicht auf NS-Terminologie, schließlich spreche auch ein Arzt von einer Krebszelle als einer entarteten Zelle. Er habe nicht auf NS-Politik anspielen wollen. Allerdings profiliert sich Lucke bewusst als Anti-Politiker, kritisiert die „etablierten Parteien“, die „Blockparteien“.

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