15.05.2007 · Die medizinische Versorgung in Deutschland droht schon bald deutlich schlechter zu werden. In einem Beitrag für die F.A.Z. warnen die Repräsentanten von drei renommierten wissenschaftlich-medizinischen Gesellschaften vor einem Mangel an qualifizierten Fachärzten.
Kinderärzte sollen nach Vorstellungen von Bundesgesundheitsministerin Schmidt (SPD) stärker in den Kinder- und Jugendschutz einbezogen werden. Ärzte hätten meist einen leichteren Zugang zu den Familien und könnten so stärker als bisher in Prävention und Kinderschutz eingebunden werden, sagte Frau Schmidt am Dienstag zur Eröffnung des 110. Deutschen Ärztetages in Münster. Sie appellierte an die Krankenkassen, das bei den neuen Versorgungsverträgen zu berücksichtigen.
Vor den Teilnehmern des Ärztetages ging Frau Schmidt nur kurz auf die Gesundheitsreform ein. Die bringe auch den Ärzten finanzielle und weitere Verbesserungen. Ausgebaut werden müsse indes die Zusammenarbeit der Ärzte mit dem öffentlichen Gesundheitswesen. Diese sei zu sehr vernachlässigt worden. Gemeinsame Themen seien Krankheitsvorbeugung und gesunde Ernährung.
Der Präsident der Bundesärztekammer, Hoppe, klagte hingegen abermals über eine massive Verschlechterung in allen Bereichen der ärztlichen Berufsausübung. Nie zuvor sei die Freiheit des Arztberufes so in Frage gestellt worden. Die zunehmende Ausrichtung des Gesundheitswesens an Kriterien der Wirtschaftlichkeit habe fatale Folgen für die Versorgung, sagte Hoppe. Seine Rede unter dem Titel „Freiberuflichkeit statt Fremdbestimmung“ wurde von den Ärzten mit viel Beifall bedacht.
Wissenschaftler warnen vor Medizinermangel
Derweil befürchten Repräsentanten von drei renommierten wissenschaftlich-medizinischen Gesellschaften, dass sich die medizinische Versorgung der Bevölkerung in Deutschland schon bald deutlich verschlechtern werde. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der an diesem Mittwoch erscheint, warnen sie vor einem Mangel an qualifizierten Fachärzten. Sie schildern die negativen Auswirkungen des Hochschulrahmengesetzes auf die klinische Forschung sowie der fortschreitenden Ökonomisierung auf die Patientenauswahl und die Behandlungsabläufe im Krankenhaus.
Es sind dies Professor Hugo van Aken, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Professor Hans Ulrich Stenau, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, und Professor Wolfgang Hiddemann, Erster stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Nichts Gutes erwarten sie auch von der Ausweitung des Fallpauschalensystems.
Überalterung, Abwanderung, Nachwuchsmangel
Im einzelnen beklagen die drei Wissenschaftler, dass bei der jüngsten Reform des Gesundheitswesens die ärztliche Weiterbildung einschließlich ihrer Finanzierung vergessen worden sei. Daher würden in deutschen Krankenhäusern immer weniger Mediziner zu Fachärzten ausgebildet. Schon jetzt gebe es Anzeichen für eine Überalterung der Ärzte in den Krankenhäusern. Außerdem wanderten viele Mediziner ins Ausland ab. Nach ihren Worten wird es daher schon bald keine ausreichende Anzahl qualifizierter Fachärzte geben, „da man glaubt, an der Weiterbildung Geld sparen zu können“.
In Frage gestellt sehen die drei Wissenschaftler auch die Zukunft der klinischen Forschung in Deutschland. Noch habe sie auf einigen Feldern hohes internationales Niveau, und neuere Programme wie die „Exzellenzinitiative“ seien richtig. Im Gegensatz zu den positiven Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte stehe nun aber die jüngste Novelle des Hochschulrahmengesetzes. Zu dessen Folgen gehörten „eine erhebliche Senkung des Grundgehaltes der Professoren und eine gravierende Schwächung ihrer Position“.
Außerdem befürchten die Mediziner die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit und damit eine Gefährdung der Unabhängigkeit von Forschung und Lehre durch die fortschreitende Auslagerung ärztlicher Leistungen.
„20 Prozent aller Krankenhäuser bedroht“
Als besonders realitätsfern hat sich das im Jahr 2000 eingeführte Fallpauschalensystem erwiesen. Das habe nicht nur zu einem Wettrennen um „kostengünstige Patienten“ geführt, die das ökonomische Wohlergehen der Klinik sichern, sondern auch zu erheblichem bürokratischen Mehraufwand und Absurditäten bei der Abrechnung.
Die Ärzte bezweifeln, dass die Fallpauschalen dazu beigetragen haben, die Krankheitskosten zu senken. Sollte in den Jahren 2009/2010 die „Scharfschaltung“ des Systems einsetzen, ist nach Worten der Mediziner die Existenz von etwa 20 Prozent aller Krankenhäuser bedroht. Außerdem sei mit einer Verstärkung schon bestehender Mängel zu rechnen.
Drei entscheidende Stunden
Udo Corleis (udocorleis)
- 15.05.2007, 20:22 Uhr
Die med. Versorgung ist bereits deutlich schlechter geworden
Andreas Seidl (ASeidl)
- 21.05.2007, 11:29 Uhr