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Ärztepräsident Montgomery im Gespräch : „Wir leben in einer Welt der Salami-Ethik“

  • Aktualisiert am

Präsident der Bundesärztekammer: Frank Ulrich Montgomery Bild: dpa

Frank Ulrich Montgomery gilt als Pragmatiker. Der neue Präsident der Bundesärztekammer will sich in die Gesundheitspolitik „hörbar einmischen“. Im Interview spricht er über Selektion durch PID, die Kosten des Gesundheitssystems und Wunder in der Medizin.

          Herr Montgomery, warum sind Sie Arzt geworden?

          Ich komme aus einer Arztfamilie. Meine Mutter war Ärztin, mein Großvater Arzt. Mein Babykörbchen stand auf dem Gynäkologenstuhl in der Praxis meiner Mutter. Für mich gab es nie eine Alternative zum Arztberuf.

          Und warum wurden Sie dann Ärztefunktionär?

          In meinem ersten Job hatte ich Streit mit meinem Chefarzt. Da hat mir der Marburger Bund geholfen. Also war es nur konsequent, dass ich danach etwas für den Marburger Bund getan habe.

          Sie haben angekündigt, dass die Bundesärztekammer unter Ihrer Führung politischer wird. Was soll das heißen?

          Mein Vorgänger Jörg Hoppe hat viel für das ethische Fundament der Bundesärztekammer getan. Dank seiner haben wir zu Themen wie Präimplantationsdiagnostik, also PID, und Sterbehilfe klare Positionen bezogen. Ich werde mehr auf die Gesundheitspolitik und die Finanzierung des Gesundheitswesens achten und mich da auch hörbar einmischen.

          Nach Hoppe, dem Ethiker, kommt jetzt Montgomery, der Pragmatiker, der die Gebührenordnung für Ärzte reformieren will, also mehr Geld fordert. Für das Image der Ärzte ist so ein Auftreten ja nicht unbedingt förderlich.

          Es geht dabei nicht immer nur ums Geld, sondern um bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte insgesamt. Auch für Ärzte müssen Beruf und Privatleben vereinbar werden. Ein bisschen mehr Geld gerade für die jungen Ärzte wäre da nicht schädlich.

          Viele Leute befürchten, dass die Kassenbeiträge steigen, wenn das neue Versorgungsgesetz etwa eine Subvention für Ärzte einführt, die freiwillig aufs Land gehen.

          Steigende Beiträge befürchte ich nicht nur, die erwarte ich sogar, und ich halte sie auch für richtig. Die Arbeitsbedingungen für Ärzte auf dem Land sind absurd. Die Gesellschaft muss Anreize bezahlen. Sonst hat sie bald keine Ärzte mehr.

          Reicht es Ihnen, Lobbyist zu sein? Das Gesundheitssystem steht doch vor Problemen, die nicht gelöst werden, wenn jede Lobby ihre Einzelinteressen im Blick hat.

          Die große Frage ist: Wie viel Geld ist die Gesellschaft bereit, insgesamt für das Gesundheitssystem zu zahlen? Diese Debatte wird uns angesichts der Demographie und der immer weiter gehenden Möglichkeiten der Medizin in Zukunft noch mehr beschäftigen. Dabei möchte ich die Stimme der Ärzteschaft deutlich hörbar machen.

          Die Wahrheit ist doch, dass wir uns davon verabschieden müssen, dass wir eine gute Gesellschaft sind, die alles für alle bezahlt.

          Nein, wir können uns auch entscheiden, dass wir das uneingeschränkte Leistungsversprechen aufrechterhalten und finanzieren wollen.

          Das halten Sie für realistisch?

          Die Politik macht es sich ja sehr leicht und behauptet das. Ich halte das eben nicht für realistisch, und deshalb müssen wir zu einer Priorisierungsdebatte kommen, die mein Vorgänger vor zwei Jahren gefordert hat.

          Was ist denn seither passiert?

          Der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen befasst sich damit, zwangsweise. Die Politik zieht sich damit aus der Affäre. Denn diese Debatte ist schwierig und schmerzhaft.

          Das heißt dann, dass irgendwann der Arzt zu seinem Patienten sagen muss: Tut mir leid, aber diese drei Monate länger zu leben, die mit dem teuren, neuen Krebsmedikament für Sie möglich wären, werden von der Gesellschaft nicht als prioritär angesehen.

          Notfallversorgung, Krebstherapie, lebensnotwendige Operationen werden von der Priorisierung nicht erfasst. Die Gesellschaft wird an solchen Fragen ihre Humanität messen lassen müssen.

          Der Ärztetag hat beschlossen, dass ein komplettes Verbot des ärztlich assistierten Selbstmords in die Berufsordnung aufgenommen wird. Was ist das genau?

          Beim ärztlich assistierten Suizid würde der Arzt einem Patienten, der sich umbringen will, die Medikamente besorgen und ihm beistehen. Aber die Bitte um einen Giftcocktail ist meistens ein Schrei nach Zuwendung. Sehr oft kann man Menschen, die keine Aussicht auf Heilung haben oder unter unerträglichen Schmerzen leiden, durch Psychotherapie, Palliativmedizin und Schmerzmedizin helfen, so dass sie sich nicht mehr umbringen wollen.

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