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Adoptionsrecht Geschleifte Bastionen

 ·  Kaum jemand traut sich noch zu sagen, er sei gegen ein Adoptionsrecht für Lebenspartner. Oder ist einfach fast niemand mehr dagegen?

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Wer über Leute schreiben will, die das Urteil vom Dienstag nicht ausdrücklich gutheißen, hat Mühe, jemanden zu finden, der darüber reden möchte. Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot der Sukzessiv- oder auch Zweitadoption in Lebenspartnerschaften für verfassungswidrig erklärt. Somit darf jetzt auch in schwulen und lesbischen Paaren der eine Partner ein schon vom anderen Partner adoptiertes Kind ebenfalls adoptieren. Die Reaktionen von Politikern und Verbänden waren fast alle positiv, bloß schwiegen manche, zum Beispiel auch das Bundesfamilienministerium auf eine Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.). Die Kommentare in der Presse waren ebenfalls durchweg positiv. Als 2001 das Lebenspartnerschaftsgesetz kam, sagten noch viele Konservative: Ist ja schön und gut, aber es muss immer noch Unterschiede zur Ehe geben. Dann nannten sie meist das Adoptionsrecht. Familie, das hatte aus ihrer Sicht zu sein: Vater, Mutter, Kind.

Es gibt aber immer mehr Familien, die anders sind. In Deutschland haben Tausende Kinder eine leibliche Mama und dazu noch eine Mami. Oder auch, deutlich seltener, zwei Väter. Das Bundesverfassungsgericht teilte nach dem Urteil mit: „Bedenken, die sich gegen das Aufwachsen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Elterngemeinschaften im Allgemeinen richten, wurden in der ganz überwiegenden Zahl der sachverständigen Stellungnahmen zurückgewiesen.“ Auch die mündliche Verhandlung im Dezember war eine einhellige Veranstaltung - mit Ausnahme einer einzigen Stellungnahme, der des Deutschen Familienverbandes. Aber wer waren eigentlich die anderen Sachverständigen?

Keine gute Figur

Am 31. Mai 2011 forderte das Gericht 14 Verbände zur Stellungnahme auf. Neun Verbände verfassten daraufhin ein Gutachten zur Sukzessivadoption, darunter der Lesben- und Schwulenverband, die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule und Lesbische Paare, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, der Deutsche Familiengerichtstag, Berufsverbände von Psychologen und Kinderpsychotherapeuten. Dass nicht alle dazu aufgeforderten Verbände eine Stellungnahme abgeben, ist normal. Organisationen, die kein Gutachten schrieben, verweisen auf praktische Gründe. Der Juristinnenbund hat es versucht, aber innerhalb der Frist nicht geschafft, stattdessen freuten sich die Juristinnen jetzt in gleich zwei Pressemitteilungen über die Vorgänge in Karlsruhe. Beim Kinderschutzbund sagt eine Mitarbeiterin, wahrscheinlich habe der Vizepräsident ein Gutachten schreiben wollen, er sei aber krank geworden und gestorben. Die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Paula Honkanen-Schoberth lobte das Urteil: „Haben beide Eltern das Adoptionsrecht, wirkt das stabilisierend für das Kind, das damit schwarz auf weiß die Gewissheit hat, zwei Elternteile zu haben, ganz offiziell.“

Weil die neun schriftlichen Stellungnahmen „sehr homogen“ gewesen seien, lud das Gericht mit einem Schreiben vom 27. November 2012 zur mündlichen Verhandlung am 18. Dezember nicht nur die bisherigen neun Sachverständigen, sondern noch vier weitere Verbände ein, um das „Meinungsbild weiter zu diversifizieren“. Die Wissenschaftliche Vereinigung für Familienrecht und der Paritätische Wohlfahrtsverband, der auch eine Stellungnahme nachlieferte, schickten daraufhin ebenfalls Vertreter nach Karlsruhe. Der Deutsche Caritasverband und das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche erschienen dort nicht. Die Caritas beantwortete eine Anfrage der F.A.S. vom Donnerstagvormittag, warum sie in der mündlichen Verhandlung nicht vertreten gewesen sei, bis zum Samstagnachmittag nicht. Beim Diakonischen Werk erläutert ein Sprecher: „Es war abgemacht, dass die EKD den Part übernimmt.“ Aber die EKD habe doch niemanden nach Karlsruhe geschickt? „Nein, aber sie hat sich ja nach dem Urteil geäußert.“ Was Vizepräsident Friedrich Hauschildt sagte, ähnelt dem Statement des Kinderschutzbundes; beide beziehen sich auf den konkreten Fall, um den es in Karlsruhe ging. Eine Ärztin, die seit 2004 eine Adoptivtochter hat, hatte Verfassungsbeschwerde eingelegt. Jetzt darf ihre Partnerin, mit der sie seit 20 Jahren zusammen ist, das Kind ebenfalls adoptieren. Das Urteil, sagte Hauschildt, gebe „in solchen Fällen den tatsächlichen Lebensverhältnissen eine klarere rechtliche Gestalt“.

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