27.09.2006 · Der Sturm der Entrüstung, die „Idomeneo“-Inszenierung abzusetzen, richtete sich fast einhellig gegen eine Person: Intendantin Kirsten Harms. Sie schiebt die Schuld auf Innensenator Körting. Der muß nun entscheiden, ob das Stück wieder aufgenommen wird.
Von Mechthild KüpperEs dauerte einen Tag, bis die Erklärung der Intendantin der Deutschen Oper Berlin über die Absetzung von Mozarts „Idomeneo“ Wirkung zeigte. Kirsten Harms hatte am Dienstag beschrieben, wie ihr Innensenator Körting (SPD) in einem Telefonat im August nahegelegt hatte, die Inszenierung wegen einer angeblichen möglichen Gefährdung durch islamistische Umtriebe entweder zu ändern oder ganz zu lassen.
Die Entscheidung, so weit ging die Gefährdung offenbar doch nicht, wollte er der Oper überlassen. Sie ließ es ganz. Ein Sturm der Entrüstung richtete sich nun erst gegen Frau Harms. Am Mittwoch dann gegen Ehrhart Körting. Die Berliner CDU warf dem Innensenator vor, „vollkommen kopflos“ auf einen anonymen Hinweis reagiert zu haben, die Inszenierung könne bei radikalen Muslimen Anstoß erregen.
Auch der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Bosbach sagte, Körting dürfe nicht nach dem Prinzip verfahren, „wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“. Er nannte es unangemessen, daß ausschließlich Frau Harms für ihre Entscheidung kritisiert werde, den Spielplan zu ändern, um eine mögliche Gefährdung ihres Hauses zu vermeiden.
Harms müsse wohl „verrückt“ sein
Am Dienstag noch hatte sich die öffentliche Empörung fast einhellig gegen die Entscheidung der Opernintendantin gerichtet, die vier geplanten Aufführungen von Mozarts „Idomeneo“ im November abzusetzen.
Von Bundeskanzlerin Merkel bis zur Grünen-Abgeordneten Göring-Eckardt, von Bundesinnenminister Schäuble bis zu Brandenburgs Innenminister Schönbohm (beide CDU): Politiker zeigten sich entsetzt über den Akt von Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam gegenüber gewaltbereiten Islamisten, den Frau Harms vollzogen habe. Schäuble sagte gar, Frau Harms müsse wohl „verrückt“ sein, so etwas zu tun.
„Hoch emotionalisierte Atmosphäre“
Auf solche Vorwürfe wollte Frau Harms am Mittwoch nicht reagieren. Aber die Worte ihres Sprechers Alexander Busche waren deutlich genug - und richteten sich ebenfalls an die Adresse Körtings. Busche warf der Berliner Polizei vor, der Deutschen Oper keine Hilfe in Sicherheitsfragen angeboten zu haben. Wenn sie das getan hätte, dann „wäre die Entscheidung möglicherweise anders gefallen“.
Die Berliner Polizei sieht es anders; sie habe nur getan, was sie immer tue: Der „Netzeitung“ erläuterte ein Polizeisprecher, die Behörden analysierten in solchen Fällen zunächst die Lage. Das Ergebnis werde dann der betroffenen Stelle vorgestellt, „zusammen mit Gesprächsangeboten über Sicherheitsmaßnahmen“.
Dann könne der Veranstalter Schutz bekommen oder müsse selbst für Schutz sorgen. Die Opernanalyse habe die Polizei an die Senatsinnenverwaltung geschickt. Die übermittelte das Papier dann der Oper. Berlins Polizeipräsident Glietsch gehörte zu den wenigen, die die Entscheidung, das Stück abzusetzen, ausdrücklich guthießen. Und Körting schob den Schwarzen Peter zurück an die Oper: Die Entscheidung darüber, ob in einer „hoch emotionalisierten Atmosphäre“ eine bestimmte Inszenierung gezeigt werde, liege ausschließlich in der künstlerischen Verantwortung der Oper.
Szenenbilder aus den Programmzetteln entfernt
Frau Harms hatte am Dienstag ausführlich über das Telefonat berichtet, das Körting mit ihr im August geführt hatte. Er habe sie im Urlaub angerufen, habe ihr berichtet, daß eine anonyme Anruferin - auf der Hotline der Bundespolizei - darauf hingewiesen habe, die „Idomeneo“-Inszenierung von Hans Neuenfels könne falsch verstanden werden.
Die Bundespolizei gab den Fall ans Berliner Landeskriminalamt weiter. Die LKA-Beamten recherchierten, was es mit der Oper und dem möglicherweise verletzend wirkenden Schlußbild - abgeschlagene Köpfe von Buddha, Jesus, Mohammed - auf sich habe. Sie hätten dann die Deutsche Oper gebeten, die Szenenbilder aus dem Netz und aus den Programmzetteln zu entfernen. Dem folgte eine LKA-Analyse.
Eine Aufführung der Neuenfels-Inszenierung, heißt es laut Innenverwaltung darin, hätte „eine Gefährdungslage mit schwer abzuschätzenden Folgen für die öffentliche Sicherheit und Ordnung mit sich bringen“ können. Körting habe gesagt, er fahre oft an der Bismarckstraße vorbei und wolle nicht erleben, daß die Deutsche Oper eines Tages nicht mehr da sei. Es sei von Absetzung oder Änderung der Inszenierung die Rede gewesen, sagte Frau Harms. Über ein Angebot von Sicherheitsvorkehrungen sagte sie nichts.
Verbrechen schon aus „nichtigerem Anlaß“ begangen
„Idomeneo“ hatte im März 2003 Premiere und wurde zuletzt am 12. Mai 2004 in der Deutschen Oper aufgeführt. Warum zwei Jahre später eine Anruferin, die ihren Namen nicht nennen wollte, die Polizei auf die Neuenfels-Inszenierung hinwies, ist nicht bekannt.
Die Berliner Polizei jedenfalls kam zu dem Schluß, daß in der aufgeheizten Stimmung - geschürt durch den Karikaturenstreit, der Todesopfer zur Folge hatte - Störungen „nicht auszuschließen“ seien, auch wenn es keine konkrete Drohung gegen das Haus oder gegen die Inszenierung gegeben habe. Verbrechen seien schon aus „nichtigerem Anlaß“ begangen worden.
Empfehlungen über die vernünftigen Folgen dieser Einschätzung habe man Frau Harms nicht gegeben. „Lächerlich“, sagte Frau Harms am Dienstag, werde ihre Entscheidung, das Stück abzusetzen, „erst seit heute genannt“. Sie habe Rechenschaft über ihre Beweggründe zur Spielplanänderung gegeben; nun sollten andere über ihre Beweggründe sprechen.
„Berlin will diese Inszenierung“
Körting wird offenbar Gelegenheit haben zu entcheiden, ob es neben Änderung und Absetzung der Inszenierung noch eine dritte Möglichkeit gibt - den Schutz der Oper vor Angriffen. Die Oper ließ am Mittwoch mitteilen, sie wolle eine baldige Wiederaufnahme der Inszenierung von Hans Neuenfels nicht ausschließen. „Wenn wir die entsprechenden Sicherheitsgarantien bekommen, dann wollen wir ernsthaft überlegen, ob wir die Inszenierung wieder aufnehmen“, sagte Opernsprecher Busche.
Das stieß im Senat auf offene Ohren. Kultursenator Flierl (Linkspartei) sagte, die Mozart-Oper solle so schnell wie möglich wieder auf den Spielplan. Zusammen mit Körting und dem Ausländerbeauftragten Piening wolle er nun dafür sorgen, daß die Inszenierung zu ihrem Recht komme. Flierl sagte: „Berlin will diese Inszenierung.“
Opernstreit???
Emre Ertürk (HSCD)
- 28.09.2006, 02:59 Uhr