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70 Jahre Hessen : Das Herz Deutschlands

Typisch Frankfurt: Apfelwein aus dem Bembel Bild: Lukas Kreibig

Hessen – vor 70 Jahren trat die Verfassung in Kraft. Das Land war anfangs ein von Amerikanern geschaffenes Kunstgebilde. Aber unter dem Mantel des Regionalgefühls haben viele ihr Plätzchen gefunden.

          John McEnroe ist ein Hesse, wie er im Buche steht: in Wiesbaden geboren, beruflich erfolgreich, in der Welt herumgekommen, Nummer eins der Tennis-Weltrangliste und gelegentlich so mürrisch wie ein Frankfurter Apfelweinkellner. Hessen gründen Weltunternehmen (Heinrich Nestle), werden Weltmeister (Sebastian Vettel, Nico Rosberg), erleiden Weltgeschichte (Anne Frank, Zarin Alexandra Fjodorowna), fliegen ins Weltall (Thomas Reiter) und betreiben den einzigen deutschen Weltflughafen. Den hessischen Menschenschlag zeichneten „ein gewisser Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung“ aus, schrieb das Hanauer Landeskind Jacob Grimm. Diese Hessen hießen mit Dreiviertelmehrheit die erste deutsche Nachkriegsverfassung gut, die an diesem Donnerstag vor siebzig Jahren in Kraft trat und die seitdem weitestgehend unverändert gilt, Aussperrungsverbot für Arbeitgeber und Todesstrafe eingeschlossen.

          Doch gibt es das überhaupt, Hessen? Der Satz, das heutige Bundesland sei ein Kunstgebilde, eine Kreation der Amerikaner, trifft halb zu und halb nicht. Von der Mitte des 13. bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts kann die Landgrafschaft Hessen durchaus als historische Vorläuferin gelten. Schluss mit Hessen war vorerst im Jahr 1568, als das Territorium unter den Söhnen des Landgrafen Philipp geteilt wurde: Einer erhielt Hessen-Kassel, ein anderer Hessen-Darmstadt, zwei weitere bekamen weitgehend unbedeutende Herrschaften.

          Diese Erbteilung wirkte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fort, aufgehoben erst in der Proklamation Nr. 2 von Oberbefehlshaber General Eisenhower vom 19. September 1945. Doch während zur Proklamation des Landes Bayern der Satz „umfasst ganz Bayern, wie es 1933 bestand, ausschließlich des Kreises Lindau“ genügte, war Hessen ein Patchwork aus „Kurhessen und Nassau (ausschließlich der zugehörigen Exklaven und der Kreise Oberwesterwald, Unterwesterwald, Unterlahn und Sankt Goarshausen) und Hessen-Starkenburg, Oberhessen und dem östlich des Rheins gelegenen Teil von Rheinhessen“. Kurz gesagt: aus jenen hessischen Gebieten, die in der amerikanischen Zone lagen. Draußen blieb zum Beispiel das linksrheinische Rheinhessen.

          Kein nennenswertes Aufbegehren gegen neue Grenzen

          Ist in den seitdem vergangenen siebzig Jahren zusammengewachsen, was die Amerikaner zusammenfügten? Eine landsmannschaftliche Emphase, wie sie die Bayern oder die Sachsen pflegen, war den Hessen mangels gemeinsamer Mentalitätsgeschichte lange fremd. Dafür gingen Kurhessen und Hessen-Darmstadt, Nassau, Waldeck und Frankfurt am Main mehr als vier Jahrhunderte lang je eigene Wege. Und dennoch war die Gründung des Bundeslandes Hessen keine schwere Geburt. Anders als in Baden-Württemberg gab es zwischen Reinhardswald und Bergstraße kein nennenswertes Aufbegehren gegen die Grenzen des neuen Bundeslandes.

          Auf eine Probe gestellt wurde der innere Zusammenhalt eher während der deutschen Teilung. Grob gesprochen, blühte der Süden mit Frankfurt als Metropole auf, während Nordhessen als sogenanntes Zonenrandgebiet wirtschaftlich und kulturell nicht vom Fleck kam. Folge war ein von Missgunst und Selbstmitleid geprägtes nordhessisches Inferioritätsgefühl, das sich erst legte, als Nordhessen nach der Wiedervereinigung von der Peripherie ins Zentrum rückte.

          Georg August Zinn, sozialdemokratischer Ministerpräsident von 1951 bis 1969, gab dem nicht durch gemeinsame Geschichte, sondern aus Bekenntnis gespeisten Hessentum den sprachlichen Ausdruck: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“ Das hinderte die Hessen lange Zeit allerdings nicht daran, politischen Streit härter und erbitterter auszutragen als andere. Während der Studentenrevolte flogen in Frankfurt Steine und Fäuste, in der Auseinandersetzung um den Bau der Startbahn West am Flughafen wurden im November 1987 zwei Polizisten erschossen; der Landtag in Wiesbaden galt lange als die härteste Krawallbude aller deutschen Landesparlamente.

          Unter dem Mantel des Regionalgefühls finden viele ihr Plätzchen

          Ein halbes Jahrhundert, von Ende 1946 bis 1999, stellte die SPD den Ministerpräsidenten, unterbrochen nur durch die Amtszeit Walter Wallmanns. Hessen galt als sozialdemokratisches Musterland und in der Schulpolitik als Gesellschaftslabor. Doch wie es so geht, wenn eine Partei (zu) lange regiert, legte sich mit den Jahren die schwere Hand einer Quasi-Staatspartei auf das Land. Die Generation der CDU-Politiker um Volker Bouffier und Roland Koch fand zu den Schwarzen durch die Erfahrung, dass sie schon als Schüler immerzu gegen eine rote Wand liefen. Auch der harte Oppositionskurs der CDU in den neunziger Jahren hat hier seinen Ursprung.

          Inzwischen ist das allzu Schroffe aus der hessischen Landespolitik gewichen, die geräuschlos arbeitende schwarz-grüne Landesregierung hat daran ihren Anteil. Und in puncto Identitätsbildung finden unter dem weiten Mantel des Regionalgefühls viele ihr Plätzchen. Es gibt traditionell Heimatverbundenen ebenso Halt wie linken und rechten Globalisierungsskeptikern. Das Bekenntnis, Hessen zu sein, kommt heute auch denen leicht über die Lippen, denen alles Nationale unter Ideologieverdacht steht, die aber beim Schlager „Erbarme, zu spät, die Hesse komme“ gerne einstimmen.

          Quelle: F.A.Z.

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