http://www.faz.net/-gpf-8a31i

60 Jahre Bundeswehr : Gebt uns eine Strategie

Mit dem Ende der Wehrpflicht und der wachsenden Zahl internationaler Einsätze wandelt sich die Rolle der Bundeswehr. Bild: dpa

Deutschlands Soldaten genießen hohes Ansehen. Doch die Politik muss sich entscheiden, was sie mit der Bundeswehr wirklich erreichen will - 60 Jahre nach ihrer Gründung. Ein Kommentar.

          Als am Mittwochabend vor dem Reichstag in Berlin Soldaten mit Fackeln und schwarzen Helmen aufzogen, ging kein Aufschrei durch die Republik. Keine ausländischen Stimmen waren zu hören, die angesichts von Marschmusik und stramm stehenden Deutschen vor einer Wiederkehr des deutschen Militarismus warnten. Die Bundeswehr feierte in aller Ruhe ihren 60. Geburtstag, wohlwollend begleitet von Politikern, Würdenträgern aus dem In- und Ausland sowie von einigen Gegnern, die am Rande ihrem Missfallen Ausdruck verliehen. Das alles gehört im Deutschland des Jahres 2015 zur unaufgeregten Normalität.

          Groß war die Angst, als die Bundeswehr im Jahr 1955 angesichts des Ost-West-Konflikts gegründet wurde. Nach zwei Weltkriegen und Millionen von Toten hatte das Militär jegliches Vertrauen unter den Deutschen verspielt. Die Wiederbewaffnung schürte Ängste vor einem Staat im Staate, einer Streitkraft, die über kurz oder lang nach der Macht greifen würde. Doch die Schutzmechanismen, die die Gründerväter der Bundesrepublik in die Bundeswehr einweben ließen, bewährten sich. Zu keiner Zeit probten die Vorgesetzten, die anfangs auf allen Ebenen aus der Wehrmacht stammten, trotz innerer Widerstände den Aufstand. Sicher hatten der Kalte Krieg und die Integration ins Nato-Bündnis ihren Anteil daran. Doch auch das Grundgesetz und die Führungsphilosophie der Bundeswehr verpflichteten alle Soldaten von Anfang an darauf, sich den Folgen ihres Handelns bewusst zu sein.

          Zugleich hat es die Bundeswehr geschafft, von einer anfangs belächelten Hilfskraft zur rundum anerkannten Streitkraft zu werden. Mit der Integration ins westliche Bündnis, den robusten Einsätzen auf dem Balkan in den neunziger Jahren, vor allem aber mit den zahlreichen Gefechten im Norden Afghanistans im vergangenen Jahrzehnt haben deutsche Soldaten bewiesen, dass sie (wieder) kämpfen können und dabei bereit sind, ihr Leben aufs Spiel setzen. Mit aller trauriger Konsequenz. Allein beim Einsatz am Hindukusch wurden 54 Bundeswehrsoldaten getötet.

          Die Gefallenen von Kabul, Chahar Darreh und Baghlan erinnern daran, was die Deutschen von ihren Bündnispartnern unterscheidet. Zwar genießt die Bundeswehr unter den meisten Bürgern des Landes großes Ansehen. Auch wird ihre Existenzberechtigung von kaum jemandem noch in Frage gestellt. Doch die Zustimmungsraten schwinden, je weiter sich die Soldaten von weichen Aufgaben wie dem Katastrophenschutz dem scharfen Ende ihres Berufs, dem Kämpfen und, ja, auch dem Töten, zuwenden. Eine Vermeidungshaltung, die sich auch in der Politik widerspiegelte, als im Zuge der Kämpfe in Afghanistan um das Wort „Krieg“ gerungen wurde.

          Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem. Bis heute hat es die deutsche Politik nicht geschafft, ihre dem Kalten Krieg geschuldeten reaktive Rolle vollständig abzulegen. Über eine sicherheitspolitische Strategie verfügt Deutschland ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung noch immer nicht. Nationale Festlegungen werden gemieden. Stattdessen stützt sich Berlin auf Bündnisdokumente oder definiert sie, so wie zur Zeit, in einem Weißbuch lediglich für das Verteidigungsministerium und seine nachgeordneten Bereiche.

          Öffnen

          Dabei ist in den vergangenen 25 Jahren ein beachtliches Spektrum unterschiedlicher Missionen zusammengekommen: Mal naheliegend wie die Stabilisierung des Balkans, mal fern des Verständnisses vieler Deutscher wie die nach den Terroranschlägen von New York und Washington vom ehemaligen Verteidigungsminister Peter Struck beschworene Verteidigung des eigenen Landes in Afghanistan. Dabei mutet es wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass gerade aus diesen beiden Einsatzgebieten der Bundeswehr, die finanziell wie militärisch von Deutschland das Meiste abverlangten, so viele Menschen aufgebrochen sind, um ihren Weg nach Deutschland zu finden.

          Die Zeit der großen Out-of-area-Einsätze mit Tausenden Soldaten ist dabei, Geschichte zu werden. Beim Gros der laufenden Operationen handelt es sich nur noch um kleine Missionen, etwa zur Beobachtung oder zur Ausbildung von Sicherheitskräften in Afrika, Zentralasien und im Nahen Osten. Parallel dazu hat die Bündnisverteidigung im Zuge von Russlands Säbelrasseln wieder erheblich an Bedeutung gewonnen. Im Verteidigungsministerium wird wie in Zeiten des Kalten Krieges die Teilnahme an großen Nato-Manövern geplant. Und auch in die Bewältigung der Flüchtlingskrise sind die deutschen Streitkräfte längst eingebunden.

          Zum Zapfenstreich gehören Reiter, Fackeln und Musik.

          Für die Bundeswehr droht die damit einhergehende, politisch verordnete Devise zunehmend zum Verhängnis zu werden. Die Durchhaltefähigkeit der Soldaten und ihres Materials schrumpfen angesichts unterschiedlichster Aufgaben und massiver Sparzwänge. Hinzu kommen bedenkliche Mängel bei den wichtigsten Großsystemen und Verzögerungen bei zentralen Rüstungsprojekten. Symbolpolitik ist so noch möglich. Wirksame Einsätze, die deutschen Interessen dienen, lassen sich indes kaum noch über längere Zeit absolvieren. Nicht national. Und auch nicht im Verbund mit Partnern aus EU oder Nato.

          Für die Bundeswehr, die sich auf das Erbe Stauffenbergs beruft, wäre es zu wünschen, dass ihre Generäle diese Mängel selbstbewusst benennen - und Deutschlands Politiker für sich genau definieren, welche Interessen sie zum Wohle des Landes mit  der Bundeswehr erreichen wollen. Es wäre das größte Geschenk, das sie den Soldaten machen könnten.

          Weitere Themen

          Zurück nach Afghanistan Video-Seite öffnen

          40 abgelehnte Asylbewerber : Zurück nach Afghanistan

          Mit dem 15. Abschiebeflug sind 40 abgelehnte Asylbewerber zurück nach Afghanistan gebracht worden. Die Abschiebungen nach Afghanistan sind umstritten, da die Sicherheit im Land unterschiedlich eingestuft wird.

          Topmeldungen

          Schneller schlau : Die Altenwelle

          Dass Deutschlands Bevölkerung altert, ist bekannt. Doch wie schnell das Land schon jetzt älter wird, haben Sie noch nie gesehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.