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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

22 Jahre Wiedervereinigung Damals waren wir zufrieden

 ·  Die Altmark galt lange als besonders fromm. Selbst die SED konnte der Kirche dort kaum etwas anhaben. Doch mit der Wende begann der Mitgliederschwund. Heute kommen nur noch die Alten. 60 Jahre nach ihrer Konfirmation erinnern sie sich daran, wie alles früher einmal war.

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© Pilar, Daniel Zur Erinnerung: Auch den Konfirmationsspruch von vor sechzig Jahren wird der Pfarrer wiederholen

Die weiteste Anreise hatte Helga Rietdorff. Fünf Stunden Autofahrt von Erkelenz bei Aachen bis Rohrberg in der Altmark. Aber sie kennt den Weg, sie ist ihn oft gefahren. In Rohrberg ist sie geboren und aufgewachsen. Ihr Vater war dort Stellmacher. Die Tochter sollte Schneiderin lernen. Sie begann die Lehre bei ihrer Tante im Haus gleich gegenüber.

Dann sollte sie sich für ein Jahr in der Welt umtun. Helga Rietdorff kehrte 1957 aber nicht nur ihrer Tante den Rücken zu, sondern auch der DDR. Von Rohrberg waren es nur siebzehn Kilometer bis zur Grenze, und von dort war es nicht weit bis nach Wolfsburg, wo sich die junge Frau als Flüchtling registrieren ließ. Eine Freundin holte sie in das Rheinland, wo sie heiratete und zwei Kinder bekam.

Wenn sie später ihren Bruder in Rohrberg anrief, konnte es sein, dass die Staatssicherheit in der Leitung saß. Einmal, Anfang der achtziger Jahre war es, unterbrach die Staatssicherheit sogar das Gespräch: „Frau Rietdorff, Sie wissen doch, dass Sie nicht anrufen sollen.“ Hin und wieder kam sie in der DDR-Zeit zu Besuch nach Rohrberg. Sie erinnert sich noch an eine Szene, als ein merkwürdiger Mann vor dem Haus ihres Bruders auftauchte. Als er klingelte, versteckte sie der Bruder, der in der DDR aufgestiegen war und eigentlich keine „Westkontakte“ haben durfte, im Nebenzimmer.

„Ich traue euch noch alle“

Jetzt kommt Helga Rietdorff, inzwischen 74 Jahre alt, wieder nach Rohrberg, zum diamantenen Konfirmationsjubiläum. Vor 60 Jahren, 1952 hatte Reinhold Schmerschneider den Segen gespendet, der von 1946 bis 1971 Pfarrer in Rohrberg war, ein Vierteljahrhundert lang. Von ihm werden im Dorf noch immer Geschichten erzählt. Seinen Konfirmandinnen habe er versprochen: „Ich traue euch noch alle.“ Und über sich selbst habe er gesagt: „Ein Hirte verlässt seine Schafe nicht.“ Auch nicht als Pensionär, obwohl doch so viele Pfarrer dann in den Westen gingen. Am Ende tat es auch Schmerschneider, schweren Herzens, aber auch schwerkrank.

Alle zwei Jahre lädt die Kirchgemeinde Rohrberg die Konfirmanden von einst zum Jubiläumsgottesdienst mit anschließendem Kaffeetrinken ein. Neben Frau Rietdorff treten 23 weitere „Diamantene“ an den Altar und hören von Pfarrer Gottfried Vogel noch einmal ihre Konfirmationssprüche. Bei den „Goldenen“, die vor 50 Jahren konfirmiert wurden, kommen dagegen nur drei Jubilare nach Rohrberg.

Die SED benutzte als eines ihrer Mittel im Kampf gegen die Kirche die Jugendweihe. In den fünfziger Jahren schlugen deswegen die Wogen hoch. Die evangelische Kirche brauchte einige Zeit, bis sie die Konfirmation auch bei jungen Leuten zuließ, welche zuvor die Jugendweihe bekommen hatten. Einzige Bedingung: Es musste mindestens ein Jahr zwischen der weltlichen und der kirchlichen Segnung liegen.

Höchste Kirchendichte in Deutschland

Jürgen Drossel, heute im Gemeindekirchenrat, erhielt 1969 die Konfirmation: „Alle aus meiner Klasse wurden konfirmiert. Die Jugendweihe war das, was der Staat verlangte, die Konfirmation das, was für uns hier selbstverständlich war.“ Die Altmark galt schon immer als besonders fromm. Nirgendwo in Deutschland ist die Kirchendichte so hoch wie hier. Auf jedes Kirchenmitglied kommt statistisch ein Quadratmeter Kirchenfläche. Auch in der DDR blieb die evangelische Kirche in der Altmark trotz aller Anfeindungen Volkskirche.

Zu den „Diamantenen“ gehört auch Georg Tätner, den sein Aufstieg in der DDR-Nomenklatura nicht davon abhielt, unverdrossen Mitglied der Kirche zu bleiben. Tätner, Jahrgang 1937, wurde wie die meisten Leute in Rohrberg Landwirt und brachte es zum Vorsitzenden einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) - noch dazu in einem Dorf, das im Fünf-Kilometer-Sperrstreifen an der Grenze lag, durch einen Schlagbaum vom Rest der Welt getrennt. Der LPG-Vorsitz in Lüdelsen war deshalb ein besonderer Vertrauensposten.

„Natürlich musste man da SED-Mitglied sein“, erzählt Tätner und lacht. Nach seiner Bindung an die Kirche sei er in seinem Berufsleben nie gefragt worden, er habe das allerdings auch nie betont und sich auch nicht in der Gemeinde engagiert. Als es dann vorbei war mit dem Schlagbaum, habe er nicht groß über die Vergangenheit nachgedacht, erzählt er. Umso mehr über die Zukunft: „Jeder musste sehen, wo er bleibt.“ Tätner machte aus der LPG noch eine Agrargenossenschaft, dann ging er in Rente. Er war in der DDR Jäger, und er ist es noch heute, „leidenschaftlich“.

Landwirtschaft sorgt für Sesshaftigkeit

Bärbel Neumann hingegen - sie gehörte zu den „Goldenen“ - ist irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Ihr Mann habe es damals getan, und da sei sie ihm einfach gefolgt, erzählt sie. Sie wurde Grundschullehrerin in Beetzendorf, nur wenige Kilometer von Rohrberg entfernt, und blieb es bis 2006. „Wir hatten eine schöne Kindheit in Rohrberg“, sagt sie. Und überhaupt: „Uns ging es immer gut.“ Auch mit dem Ende der DDR habe sich in ihrem Leben nicht viel geändert.

Jetzt könne man eben nach Wolfsburg fahren zum Einkauf und „um mal schön essen zu gehen“. Das Konfirmationsjubiläum, das Wiedersehen mit den Schulfreundinnen, wollte aber auch Frau Neumann nicht versäumen. Pfarrer Vogel nimmt es hin, dass bei solchen Gelegenheiten sozusagen schwarze Schafe in seiner Herde auftauchen. Allerdings mit einer Einschränkung: „Es gibt kein Abendmahl beim Gottesdienst.“

Knapp dreißig Jubelkonfirmanden sammeln sich diesmal in der Rohrberger Kirche, einem prächtigen Bau aus Feld- und Backstein. Nicht einmal eine Handvoll der Jubilare kommt von weit her. Frau Rietdorff ist eine Ausnahme. Obwohl die Grenze doch so nah lag, haben nur wenige ihre Heimat verlassen. Die Altmärker Sesshaftigkeit hat viel mit der Landwirtschaft zu tun. Noch heute drehen sich die Kaffeegespräche nach dem Gottesdienst um die Höfe im Dorf, um Hektar und Morgen, um Mühlenbesitz und Heiraten von Hof zu Hof. Dabei gibt es in Rohrberg überhaupt keinen Landwirt mehr, jedenfalls keinen im Haupterwerb. Abgesehen von Leuten wie Jörg Darges, Enkel eines der früheren Großbauern im Dorf, der in einer Agrarerzeugergemeinschaft in einem der Nachbardörfer arbeitet.

Nur noch 580 Einwohner

Rohrberg hatte in seinen besten Zeiten tausend Einwohner. 1900 gab es hier zwei Getreidemühlen, eine Brennerei, eine Brauerei, eine Molkerei, ein Sägewerk, eine Schmiede, vier Gastwirtschaften und vor allem 18 große Bauernhöfe. Am Ende der DDR waren es noch 620 Einwohner, jetzt sind es 580. Beinahe die Hälfte der Rohrberger war in der LPG beschäftigt. Auch ein sogenanntes Volkseigenes Gut (VEG) gab es in Rohrberg. Der Umgang des SED-Staates mit der Landwirtschaft lässt sich hier gut studieren. Wegen der Grenznähe zog auch die Armee in Rohrberg ein. Für einen Trupp Funker entstand am Ortsausgang in Richtung Salzwedel eine Kaserne.

Käthe Darges, inzwischen 75 Jahre alt, war auch in der LPG beschäftigt. In den sechziger Jahren hat sie sogar ihren Meister in der Viehwirtschaft gemacht. Sie war die Tochter eines der Rohrberger Großbauern, der auf seinem Hof auch noch einen Landhandel betrieb. Noch heute lebt sie mit ihrer Familie auf dem Hof. Sie habe, erzählt sie, damals als junges Mädchen ihren Vater davon abgehalten, in den Westen zu gehen, obwohl er mit allen Mitteln in die LPG gepresst worden war. „Da hat es viele Schweinereien gegeben.“ Käthe Darges hat, sozusagen in der Tradition des väterlichen Betriebes, nach dem Ende der DDR einen Getränkehandel direkt an der Hauptstraße eröffnet. Ihre Schwiegertochter führt ihn jetzt weiter.

Der Vater ihrer Freundin Hildegard Schulz, die von allen nur Hilla genannt wird, hat über die dramatische Nachkriegszeit Buch geführt. Auch er war einer der Großbauern und als CDU-Mitglied gleich nach dem Kriegsende Bürgermeister in Rohrberg. Die neuen Machthaber brauchten einige Zeit, um ihn aus dem Weg räumen zu können - bis in der „Volksstimme“, der örtlichen SED-Zeitung, unter der Überschrift „Wirtschaftssaboteur wurde entlarvt“ zu lesen war: „Viel zu lange hat es der Großbauer Landsmann verstanden, seine reaktionäre Gesinnung zu tarnen, indem er sich die Mitgliedschaft in der CDU erschlich und sich somit ein demokratisches Mäntelchen umzuhängen verstand. Die Wachsamkeit der Kontrollorgane hat ihn entlarvt.“

Sieben, acht Mann in einer Zelle

Landsmann hatte angeblich sein ohnehin zu hohes Abgabesoll nicht erfüllt, wurde verhaftet und in der ersten Nacht siebeneinhalb Stunden verhört, in der zweiten vier. Über das Gefängnis in Magdeburg schrieb er: „Grauenhafte Zustände herrschten hier. Sieben, acht Mann in einer Zelle mit Kübel für die Notdurft in einer Ecke. Die Strohsäcke reichten als Kopfkissen und sonst war es der Zementfußboden.“ Er kam frei nach dem Aufstand 1953: „Der ergreifendste Tag meines Lebens war der 17. Juni.“

In den Westen wollte er nicht gehen, weil er glaubte, der Spuk mit den Genossenschaften würde nur kurz dauern. Von seinem Besitz verblieb ihm am Ende nach der entschädigungslosen Enteignung allein eine Mühle. „An einem Abend wollten vier Polizisten mich aus der Mühle rausholen, aber alle Türen hielten, und ich vernahm die Worte, wenn wir ihn haben, schlagen wir ihn tot, das soll uns erst einmal einer nachweisen. Ich stieg aufs Dach mit einem Sackknüppel und hätte dem Ersten, der durchs Dachfenster guckte, den Schädel eingeschlagen.“ Seine Tochter übernahm die Mühle, schleppte die schweren Säcke und machte sogar noch ihren Müllermeister.

Sie konnte den Niedergang des Privatbetriebes freilich nicht aufhalten. Bald schon wurde kein Getreide mehr gemahlen, sondern nur noch Futter geschrotet, dann blieben die Kunden ganz aus. Hilla begann Ende der siebziger Jahre, im Kindergarten des Ortes sauberzumachen, dann auch noch zu kochen, und war schließlich sogar Erzieherin. Das zwang sie nach dem Ende der DDR, eine entsprechende Ausbildung nachzuholen. Zwanzig Jahre lang hat sie im Kindergarten gearbeitet. 2002 ging sie in den Ruhestand und lebt immer noch in der Mühle.

Damals zufriedener als heute

Das weitläufige Anwesen mit Toreinfahrt, Stallungen und Scheune verfällt, das Wohnhaus ist für eine Person viel zu groß. Hilla Schulz, 72 Jahre alt, eine elegante Frau, wenn auch gezeichnet von der schweren Arbeit in der Mühle, will es erst aufgeben, wenn es gar nicht mehr anders geht. Bernd Schulz, Hillas Sohn, ist heute Rohrberger Bürgermeister, wie einst sein Großvater. Jörg Darges, Käthes Sohn, ist sein Stellvertreter. Die Grabanlage der Familien Landsmann und Schulz ist die auffälligste auf dem Friedhof, sogar ein Mühlstein steht dort. „Wir haben viel erlebt in der DDR, wir haben uns auch viel gefallen lassen“, sagen die Frauen am Kaffeetisch, „aber es war schön.“

Glücklich seien sie gewesen, und sie hätten ja auch nichts anderes gekannt. Käthe Darges meint sogar: „Wir waren damals zufriedener als heute.“ Pfarrer Vogel hat dafür eine einfache Erklärung: „In der DDR gab es für die Leute immer noch ein Ziel, die Segnungen des Westens, die sie auch gern gehabt hätten. Mit der deutschen Einheit war das dann erledigt.“ Der deutschen Einheit ist mitten im Ort ein Gedenkstein gewidmet. Vogel sagt, seit dem 9. November 1989 seien auf einmal die Kirchen leer gewesen. Und es habe ein Jahr lang keine Beerdigung mehr gegeben. „Die Leute starben nicht mehr, weil sie noch den Westen sehen wollten.“

Es folgten die massenhaften Kirchenaustritte, als die Kirchensteuer plötzlich keine freiwillige Angelegenheit mehr war. Vogel nennt das eine Bereinigung. Aber es hat sich auch sonst viel in und mit der Kirche in der Altmark geändert, die seit 2009 zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gehört, die sich über Sachsen-Anhalt und Thüringen erstreckt. Junge Pfarrer wollen nicht mehr aufs Dorf. „Die Pfarrstelle im benachbarten Beetzendorf haben wir am Ende sogar in ganz Deutschland ausgeschrieben, und dann gab es gerade einmal einen Bewerber.“

Rohrberg immerhin hat den Strukturwandel noch vergleichsweise gut gemeistert, dank der Nähe zu Wolfsburg und dem Volkswagenwerk. Die kleine Armeekaserne hat die Gemeinde zu Wohnungen umgebaut, alle sind belegt. In die Garagen zog die Freiwillige Feuerwehr ein. Es gibt hinter der Kirche eine neue Eigenheimsiedlung. Auch der Kindergarten ist nach wie vor geöffnet. Im Dorfzentrum aber sieht es schlimm aus. „Konsum“ ist noch an einem der historischen Gebäude mit blinden Schaufenstern zu lesen. Die alte Brennerei verfällt. Auch das protzige Kriegerdenkmal vor dem Pfarrhaus ist in schlechtem Zustand - genau wie seine schönen Nachbarhäuser. Dem Dorf ist der Kern verlorengegangen.

Eigentlich sollte es in Rohrberg auch schon gar keinen Pfarrer mehr geben. Aber die Kirchgemeinde konnte eine großzügige Wohnung im Pfarrhaus anbieten. Seit 2008 wohnt Pfarrer Vogel, Jahrgang 1955, darin. Die Gemeinde hatte ihn angesprochen, ob er sich für die Stelle nicht interessieren könnte. Vogel ist derzeit zuständig für gleich zwei Kirchspiele, mehr als zwei Dutzend Dörfer und fast ebenso viele Kirchen.

Zu einem normalen Sonntagsgottesdienst sitzen durchschnittlich fünfzehn Besucher vor ihm. Das gilt vergleichsweise noch als gut besucht. In der Kinder- und Jugendarbeit spielt es längst keine Rolle mehr, ob getauft oder nicht. Es sind kaum noch Kinder da. In diesem Jahr gab es in Rohrberg nicht eine Konfirmation. Vogel will bis zu seiner Pensionierung in Rohrberg bleiben. Aber er macht sich nichts vor: „Ich bin der letzte Pfarrer in Rohrberg.“

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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