Nach zwanzigjährigem Beisammensein hegt ein Ehepaar andere Empfindungen füreinander als in den Flitterwochen. Mag auch die Liebe auf kleinerer Flamme züngeln, so können doch das gegenseitige Vertrauen und die Achtung voreinander in diversen Krisen gewachsen sein. Vom Rausch der Gefühle, dem sich die Deutschen am 3. Oktober 1990 hingaben, ist nicht mehr viel übrig. Ihre Vereinigung wurde an diesem Tag wirklich unauflöslich. Eine Scheidung steht nicht zur Debatte. Dennoch darf man fragen, wie sich die seither gemeinsam erlebten Feiertage und Krisen auf die Einheit ausgewirkt haben.
Das Eis war dünn, auf dem die Deutschen tanzten, als die Mauer fiel. Ein Zacken nach dem anderen brach aus der Krone Moskaus heraus: Polen, Ungarn, Deutsche, Tschechen, Slowaken und die baltischen Völker befreiten sich aus der sowjetischen Umklammerung. Mehrmals blickten die aufbegehrenden Massen in die Mündungen schussbereiter Panzer und Gewehre. Doch am Ende zog die sowjetische Armee ohne Blutvergießen ab. Gorbatschow konnte und wollte das von Stalin auf Gewalt gegründete Imperium nicht mehr mit Gewalt zusammenhalten. Wie nah Europa damals an einem Krieg vorbeischlitterte, konnte man anschließend in Jugoslawien beobachten, wo das Abwerfen des serbischen Jochs nicht so glimpflich verlief. Wie in Belgrad gab es auch in Moskau und Ost-Berlin Kräfte, die bereit gewesen wären, ihre Macht um jeden Preis zu verteidigen, wenn man sie von der Leine gelassen hätte.
Kohls Verheißungen beruhten auf Illusionen
Den Ostdeutschen, die nach Freiheit und Einheit riefen, war die Gefahr bewusst, die von Russlands momentaner Schwäche für Europa und den Weltfrieden ausging. Die Angst vor einem Umkippen des höchst labilen Zustands ins Chaotische war so gegenwärtig wie die Freude über das unverhoffte Glück des Augenblicks. In der ersten freien Volkskammerwahl zeigte sich: Helmut Kohl trauten die Leute am ehesten zu, dem Überschwang ihrer Gefühle einen festen Boden einzuziehen. Am 3. Oktober ging diese Erwartung in Erfüllung: Dank Kohls zielstrebiger und umsichtiger Diplomatie hatte das vereinte Deutschland einen von allen Nachbarn und Siegermächten akzeptierten Platz im Kreis seiner Verbündeten gefunden.
Doch schon die Verheißungen, mit denen Kohl die folgende Bundestagswahl gewann, beruhten auf Illusionen. Kohl dachte, die Vereinigung werde sich quasi von selbst finanzieren, weil die DDR eine ordentliche Mitgift ins vereinigte Deutschland einbringe. Die Ostdeutschen glaubten sogar noch fester daran. Die Enttäuschung darüber, dass es nicht so war, vergiftete auf Jahre hinaus das Klima zwischen Ost und West.
Viele Ostdeutsche verloren ihre Arbeit
Die schwerere Last im Vereinigungsprozess hatten zweifellos die Ostdeutschen zu schultern. Nur jeder Vierte behielt seinen Arbeitsplatz; ein Drittel der 1990 Beschäftigten bekam nie wieder einen. Die meisten hatten schon mit dem Leben in der DDR das schlechtere Los gezogen und verloren nun auch noch ihre vertrauten Alltagsbeziehungen. Daran gemessen war das überwiegend über Steuern, Sozialbeiträge und Schulden erbrachte Opfer der Westdeutschen für die Einheit eine eher leichte Bürde.
Viele „Wessis“ andererseits verbitterte, dass ausgerechnet die nunmehr unter dem Namen PDS lebende Staatspartei SED, die vierzig Jahre lang „ohne Waffen Ruinen geschaffen“ hatte, die Verantwortung für alle Härten dieses beispiellosen Umbruchs dem Westen in die Schuhe schob. Und was soll das Gerede von den „Bürgern zweiter Klasse“ und den „entwerteten Biographien“? Nicht die Abwicklung maroder Fabriken hat die Leistungen der einst dort Beschäftigten entwertet, sondern eine Misswirtschaft, die sie vierzig Jahre lang daran hinderte, ihre Fähigkeiten und Talente zu entfalten.
Das Ringen zwischen Freiheit und Gleichheit geht weiter
In Wahrheit hat der Westen der wirklich werthaltigen Mitgift Mitteldeutschlands sehr viel Achtung entgegengebracht. Davon zeugt die Vielzahl der Altstädte und Kulturdenkmäler zwischen Wismar und Görlitz, die vor dem sicheren Untergang bewahrt wurden. Immense Mittel flossen in die Grunderneuerung der Infrastruktur und in die Beseitigung der ökologischen Altlasten sozialistischer Raubbauwirtschaft. Im Gegensatz zu den Stimmungsbildern, die manche Umfragen vermitteln, wissen die allermeisten Ostdeutschen diese Leistungen, die auch ihre eigenen sind, sehr wohl zu schätzen. Der Stolz auf das gemeinsam Erreichte hat so manchen Zweifel zerstreut, ob denn die Deutschen nach den Jahren der Trennung wirklich noch zusammengehörten.
Auch wenn die typisch deutsche Suche nach dem, was die beiden Teile weiter trennt, nicht aufhören mag: Den Osten gab es weder vor noch nach der Wende – so wenig wie den Westen. Immer waren da die vielen Einzelnen mit ihren ganz unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen vom Leben. Vor zwanzig Jahren haben sie zwar den Zusammenbruch eines Weltreichs erlebt, doch der Sieg des Kapitalismus war nicht so vollkommen, dass sich die Systemkonkurrenz damit ein für allemal erledigt hätte. Das Ringen zwischen den Idealen Freiheit und Gleichheit geht weiter. Es wird nicht zwischen Ost und West ausgetragen, sondern mitten in unserer Gesellschaft.
Die Wiedervereinigung war ein Glücksfall der Geschichte
Rainer Kahni (MONSIEUR-RAINER)
- 02.10.2010, 15:18 Uhr
Mauer in den Statistiken
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 02.10.2010, 15:32 Uhr
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Jörg Lothal (flegnheimer)
- 02.10.2010, 15:36 Uhr
Freu mich auch. wenn:
karle weber (snowbussard)
- 02.10.2010, 17:11 Uhr
Wechselbäder der Einheit
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 02.10.2010, 17:23 Uhr