Papst Benedikt XVI. hat seinen viertägigen Besuch in Deutschland mit einem Plädoyer für einen Verzicht der katholischen Kirche auf Macht und Privilegien beendet. In einer Rede vor Repräsentanten aller Gliederungen der Kirche im Freiburger Konzerthaus am Sonntagnachmittag sagte er: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“
Zum Abschluss rief das 84 Jahre alte Kirchenoberhaupt die katholischen Christen dazu auf, den Weg des Glaubens mit Entschlossenheit und Optimismus weiterzugehen. Politiker und hochrangige Kirchenvertreter würdigten den Besuch als großen Erfolg. Bundespräsident Christian Wulff erklärte in der Abschiedszeremonie auf dem Flughafen Lahr bei Freiburg, der Papst habe „viele Zeichen gesetzt“ und auch unbequeme Themen angesprochen. Um 19.36 hob die Lufthansa-Maschine A321 „Regensburg“ mit dem Papst Richtung Rom ab. Auf der Ehrentribüne hatten sich zahlreiche Gäste aus Politik, Kirche und Gesellschaft versammelt, darunter der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), weitere Politiker und hohe kirchliche Würdenträger. Benedikt wurde auch von einer Ehrenformation der Bundeswehr verabschiedet.
Benedikt habe unzählige Menschen in Deutschland beschenkt und begeistert, sagte Wulff am Sonntagabend. Er erklärte weiter, der Papst habe mit seiner Deutschlandvisite dazu beigetragen, dass sich auch Menschen außerhalb der Kirchen mit Themen des christlichen Glaubens befassten. Zudem habe er dabei geholfen, dass die Kirche den „Menschen nahe bleibt“. Weiter habe Benedikt durch seine Begegnung mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland ein bedeutendes Zeichen für die Ökumene gesetzt.
„Fruchtbare Gespräche“
Vor seinem Rückflug nach Rom verabschiedete sich Benedikt mit Dankesworten und Segen von seinen Landsleuten in Deutschland. Der Papst erinnerte noch einmal an die einzelnen Stationen seiner Reise in Berlin, Erfurt und Freiburg. Dabei hob er die „fruchtbaren Gespräche“ hervor, die er in Berlin mit Wulff und der Bundeskanzlerin über die aktuelle politische Lage geführt habe. Zudem habe er die besondere Gelegenheit gehabt, vor den Abgeordneten des Bundestags zu sprechen und ihnen „Gedanken über die geistigen Fundamente des Staates“ vorzutragen, sagte Benedikt. „Besonders berührt“ sei er von der freundlichen Aufnahme und große Begeisterung so vieler Menschen in Berlin gewesen.
Wulf würdigte vor allem den Besuch des Papstes im Eichsfeld, wo er zu Menschen gesprochen habe, die zwei Diktaturen hindurch am christlichen Glauben festgehalten hätten. Den Bundestagsabgeordneten habe er mit seinen „nachdenklichen Worten“ deutlich gemacht, dass sich das Recht auf Quellen beziehe, auf die der Mensch keinen Zugriff habe.
Auch der Papst unterstrich den Ökumene-Teil seines Besuchs: Im Land der Reformation habe naturgemäß die Ökumene einen „Schwerpunkt der Reise“ gebildet, sagte Benedikt. „Für den brüderlichen Austausch und das gemeinsame Gebet bin ich von Herzen dankbar“, sagte er mit Blick auf das Treffen mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland im Erfurter Augustinerkloster. Bedeutungsvoll seien aber auch das Zusammentreffen mit orthodoxen Christen sowie mit Juden und Muslimen gewesen.
Aufruf zur Einheit
Am letzten Tag seines Deutschlandbesuchs hatte Benedikt zuvor vor rund 100.000 Gläubigen zur Einheit der katholischen Kirche aufgefordert. Er mahnte die katholischen Christen zugleich zur Umkehr und Erneuerung des persönlichen Glaubens. Die großen Herausforderungen werde die Kirche in Deutschland nur bestehen, wenn alle „in Einheit zusammenarbeiten“, sagte das katholische Kirchenoberhaupt am Sonntagmorgen in der Heiligen Messe auf dem Freiburger Flugplatz. An die Messfeier schloss sich eine Begegnung mit Bundesverfassungsrichtern an.
Im Freiburger Konzerthaus hatte Benedikt seine Rede mit der Feststellung eröffnet, die religiöse Praxis gehe seit Jahrzehnten zurück und beträchtliche Teile der Getauften distanzierten sich vom kirchlichen Leben. Daher stelle sich die Frage, ob sich die Kirche nicht ändern und „in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen“ müsse, um „die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen“.
„Kirche hat sich zu entweltlichen“
In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeige sich eine „gegenläufige Tendenz, dass nämlich die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht“. Sie gebe Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit für Christus. Aus dieser Diagnose leitete der Papst die Folgerung ab: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie hat sich gewissermaßen zu entweltlichen.“
Diese Tendenz sah der Papst im Lauf der Weltgeschichte angelegt. Diese sei der Kirche durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zur Hilfe gekommen und habe „zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen“. Die Enteignung von Kirchengütern oder auch die Streichung von „Privilegien“ hätten stets zu einer Entweltlichung der Kirche geführt, „die sich ja dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößte und wieder ganz ihre weltliche Armut annahm“. Vor diesem Hintergrund gab der Papst sich gewiss, dass das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche „klarer zutage trete“ - eine Formulierung, mit der Benedikt XVI. als Joseph Kardinal Ratzinger in den neunziger Jahren den Austritt der katholischen Kirche in Deutschland aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung durchgesetzt hatte.
Benedikt sprach auch vom „Hochhalten der Fackel des unverfälschten Glaubens in Einheit mit dem Bischof“ sowie von der „Treue gegenüber den Nachfolgern des heiligen Petrus und der Apostel“, also dem Papst.
Gegen Strukturreformen
Forderungen nach einer Reform der Kirche, wie sie in Deutschland vor allem von Laienorganisationen und Theologen vorgetragen werden, hatte der Papst schon am Sonntagvormittag unmissverständlich zurückgewiesen. „Die Kirche in Deutschland wird die großen Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft bestehen und Sauerteig in der Gesellschaft bleiben, wenn Priester, Gottgeweihte und christgläubige Laien in Treue zu der jeweils spezifischen Berufung in Einheit zusammenarbeiten.“ Spielräume für eine Änderung der Struktur der Ämter in der Kirche lässt diese Formulierung nicht.
Ohne das Wort Missbrauch zu nennen, sprach Benedikt XVI. davon, der „Skandal“ des Glaubens selbst sei „leider gerade in jüngster Zeit überdeckt worden von den anderen schmerzlichen Skandalen der Verkünder des Glaubens“. Gefährlich werde es, „wenn diese Skandale an die Stelle des primären Skandalons des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit seiner Boten verdecken“.
Der Papst führte am Samstag und Sonntag weitere Gespräche mit dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Seminaristen des Collegium Borromaeum, Richtern des Bundesverfassungsgerichts sowie mit Vertretern der orthodoxen Kirchen. Benedikt wiederholte bei der Begegnung mit den orthodoxen Geistlichen seinen Satz aus einem Interviewband, er hoffe, dass „der Tag nicht zu ferne ist“, an dem man wieder gemeinsam Eucharistie feiern könne. Der Papst lobte in dem nicht öffentlichen Gespräch mit den Vertretern der orthodoxen Kirche „das gemeinsame Eintreten für den Schutz des menschlichen Lebens von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod“.
Im Gespräch mit den Vertretern des ZdK kritisierte der Papst, dass es „einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist“ gebe. „Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.“
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, wertete den Deutschlandbesuch des Papstes als „großes Geschenk und große Ermutigung“ für die Kirche. Der Papst habe etwa die Vigilfeier mit rund 30.000 Jugendlichen am Samstagabend in Freiburg als sehr beeindruckend empfunden, sagte Zollitsch am Sonntag vor Journalisten.
@gwr69 "Es geht um die Erfüllung Gottes Planes, denn der Mensch ist KNECHT."
Alexander Bierstedt (alex2k)
- 29.09.2011, 19:44 Uhr
@Alexander Bierstedt: Uralte Motive
Guido Wolf Reichert (gwr69)
- 28.09.2011, 19:28 Uhr
@gwr69 Glaube und Illusion
Alexander Bierstedt (alex2k)
- 27.09.2011, 17:01 Uhr
Benedikt, ich hab da mal ein paar Fragen
gisbert heimes (gisbert4)
- 27.09.2011, 01:47 Uhr
Benedikt - größter Reformer aller Zeiten
Dietrich Wilke (Nunja)
- 26.09.2011, 21:40 Uhr