Vor Markus ist niemand sicher, jedenfalls nicht an diesem Abend. Mit Glatze, schwarzem T-Shirt und Turnschuhen steht er mitten in der Erfurter Fußgängerzone. In der Hand hält er einen Beutel Teelichte. Auf seinem breiten Rücken prangt der Satz: „Öffnet Eure Herzen für Christus“. Gesang schallt über die Mauer des Kirchhofs.
„Nightfever“ heißt die Veranstaltung, zu der Markus mit zwei weiteren Straßenkämpfern jeden einlädt, der an diesem lauen Spätsommerabend zwischen Anger und Fischmarkt unterwegs ist. Das händchenhaltende Pärchen in Abendgarderobe nicht weniger als die Mädchentruppe, die um einen luftballondekorierten Bollerwagen drapiert Junggesellenabschied feiert. Es dauert nicht lange, und die Braut entschwindet samt Gefolge und einem Teelicht von Markus in der Hand in die Kirche. An rund fünfzig Leuten jeden Alters vorbei durch den Mittelgang, das kleine Feuer neben den vielen Dutzenden anderen auf den Stufen abgestellt, dann zu dem Mann mit den breiten, fast bodenlangen Bändern um den Hals, der gerade jemandem anderen die Hände aufgelegt hat, und jetzt hinaus.
Als Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, im April 1999 zum letzten Mal Erfurt besuchte, gab es „Nightfever“ noch nicht. Die Aktion entstand erst kurz nach dem Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005. Von Bonn aus hat sich das offene, von jungen Erwachsenen getragene Nachtgebet an Bischöflichen Jugendämtern und den etablierten Jugendverbänden vorbei graswurzelartig ausgebreitet. Doch schon in den neunziger Jahren hätte der gestrenge Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre in Erfurt andere Versuche in Augenschein nehmen können, in einer weitgehend entchristlichten Umwelt Zeichen der Gegenwart Gottes unter den Menschen zu setzen.
Kernland der Reformation
Das mitternächtliche Weihnachtslob etwa, zu dem sich im Erfurter Dom seit 1988 Tausende versammeln, die mit einer katholischen Christmette nichts anfangen können; oder die Feier der Lebenswende, die Jugendlichen, die nicht getauft sind, eine religiös grundierte Alternative zur DDR-nostalgischen Jugendweihe bietet. Doch von alldem wollte Kardinal Ratzinger im Jahr 1999 nichts wissen. Damals feierte er in Weimar auf Einladung des Vereins „Pro Missa Tridentina“ einen Gottesdienst in lateinischer Sprache und in jenem alten Ritus, den er als Papst Benedikt XVI. im Sommer 2006 vollumfänglich rehabilitieren sollte. Nicht erst 2006, sondern auch 1999 herrschte in Erfurt allgemeine Verwunderung.
Doch das ist mittlerweile Geschichte. Denn an wahrscheinlich keiner Station seines Besuches werden sich so viele gespannte Blicke auf den Mann in Weiß richten wie während seines Besuches in Thüringen. Da sind die, die wie der frühere Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) den Papst schon vor Jahren nach Thüringen eingeladen haben, auf dass er dort ein Zeichen der Anerkennung setze für die Lebensleistung der vielen Christen, Katholiken eingeschlossen, die sich in der DDR mehr als vierzig Jahre der kommunistischen Diktatur widersetzt haben. Zum Fall der Mauer haben die Christen im Verein mit den Bürgerrechtlern mehr beigetragen als alle anderen. Bis heute tragen sie in Mitteldeutschland in so großer Zahl politische Verantwortung, dass man kaum auf die Idee käme, dass im Kernland der Reformation heute kaum noch zwanzig Prozent der Bevölkerung der evangelischen Kirche angehören - von den weniger als fünf Prozent Katholiken ganz zu schweigen. Auf dem Flughafen Erfurt wird Papst Benedikt von Christine Lieberknecht begrüßt werden, einer evangelischen Pfarrerin, die es nach der Wende in die Politik verschlug und die seit zwei Jahren Ministerpräsidentin des Freistaats ist. 1982 hatte sie ihr Studium der Theologie mit einer Diplomarbeit abgeschlossen, in der es auch um das wissenschaftliche Werk Joseph Ratzingers ging.
Zur Teilnahme an der „Marianischen Vesper“ am Freitagabend haben sich kaum weniger angemeldet als für den Gottesdienst, den der Papst am Sonntag in Freiburg halten wird. Stattfinden wird das Abendgebet indes nicht in Erfurt, sondern im Schatten der kleinen Wallfahrtskapelle Etzelsbach mitten im Eichsfeld, dem einzigen geschlossen katholischen Siedlungsgebiet in Mitteldeutschland.
Gespür für die Veränderungen der religiösen Landschaft
Was in der Gegenreformation von Jesuiten grundgelegt wurde und im Kulturkampf im 19. Jahrhundert dem Überleben diente, ist auch nach zwanzig Jahren Bundesrepublik dort noch lebendig: eine auch in der Öffentlichkeit weitgehend von Laien getragene Frömmigkeit. Sie findet ihren Ausdruck in zahllosen Prozessionen und den vielen, oft erst nach 1945 entstandenen Wallfahrten, in der „Wochensuppe“ für die im Kindbett liegende Mutter und dem „Hinläuten“ und dem Rosenkranzgebet nach dem Tod eines Mitglieds der Dorfgemeinschaft. Josef Pilvousek, der Erfurter Kirchenhistoriker, weiß aus eigenem Erleben, wovon er spricht. Als sudetendeutsches Flüchtlingskind ist er im Eichsfeld groß geworden. Bis heute erkennt er seine Landsleute an der Mundart, und wer in der Rede vom „gelobten Land“ Ironie heraushören möchte, der geht gründlich fehl - denn die Gastfreundschaft in dem mit Wurst und Schmand gesegneten Landstrich im Dreieck von Thüringen, Niedersachsen und Hessen ist noch heute legendär.
Nicht nur für das Bistum Erfurt ist der Besuch des Papstes ein „Jahrtausendereignis“, wie der Erfurter Bischof Joachim Wanke formuliert, auch für das Eichsfeld. Freilich hat Wanke, der seit 1981 an der Spitze der Kirche von Erfurt steht und der mit Abstand dienstälteste Diözesanbischof in Deutschland ist, auch ein mahnendes Wort bereit: „Der Papst kann ruhig ein paar lobende Worte sagen, aber nicht zu viele:“ Auch im Eichsfeld lösen sich die traditionellen Bindungen an die Scholle und die Familien. „Früher reichte es aus, dagegen zu sein, heute muss man für etwas sein“, sagt der ebenso hochgebildete wie in Auftreten und Lebensweise bescheidene Bischof, der wie kein zweiter in Deutschland ein Gespür für die Veränderungen der kirchlichen und religiösen Landschaft hat.
„Ich muss wieder an die Front“
Ob auch die Begegnung des Papstes mit den Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Jahrtausendereignis werden wird, steht indes dahin. Immerhin war es Papst Benedikt selbst, der im Februar mit einem Brief an den EKD-Ratsvorsitzenden Schneider alle Planungen über den Haufen war. Er wolle der Begegnung mit der EKD im Land der Reformation einen „stärkeren ökumenischen Akzent“ geben, ließ der Papst wissen. Doch worin dieser außer Ansprachen des Papstes und der EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt sowie der Feier eines Wortgottesdienstes an historischer Stelle besteht, nämlich jenem Augustinerkloster, in dem einst der Mönch Martin Luther gelebt hat, weiß derzeit niemand zu sagen - auch nicht, ob der Papst versuchen wird, dem theologischen Gespräch über alles Kirchentrennende neuen Schwung zu geben. Johannes Paul II. hatte seinen ersten Besuch in Deutschland im November 1980 dazu benutzt, ein wegweisendes ökumenisches Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen. An dessen Ende stand die Feststellung, dass die wechselseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts den heutigen Gesprächspartner nicht mehr träfen. 15 Jahre später, im Jahr 1995, veröffentlichte Papst Johannes Paul II. das bislang erste Lehrschreiben eines Papstes über die Ökumene, die Enzyklika „Ut unum sint“. Der Papst aus dem Land der Reformation hat sich diese Agenda seines Vorgängers bislang nicht zu eigen gemacht.
Doch gleich, ob es eine „Erfurter Rede“ zur Ökumene geben wird oder nicht, und gleich, wie der Papst die Katholiken in Mitteldeutschland ermuntern wird, das Evangelium auch weiterhin „auf den Leuchter zu stellen“ (Wanke) - vieles wird nach dem Besuch Benedikts XVI. so sein wie zuvor: die Mehrzahl der Thüringer auf eine eher freundliche als aggressive Art an Religion im Allgemeinen und Kirche im Besonderen desinteressiert, das Bistum Erfurt ein Experimentierfeld für neue Formen christlich-spiritueller Präsenz in einer weitgehend entchristlichTen Umwelt und eine beachtliche Zusammenarbeit der Konfessionen auf dem Feld von Caritas und Diakonie.
Auch „Nightfever“ wird weitergehen, und das an jedem ersten Samstagabend eines Monats. Ein neues Grüppchen taucht vom Anger her auf. Markus, der Mann mit der Glatze und den Teelichten, verabschiedet sich: „Ich muss wieder an die Front.“ Dort, in der Erfurter Fußgängerzone, wird er auch heute Abend stehen. Dann wird der Papst in Erfurt sein. Vielleicht kommt er ja vorbei und lässt sich beschenken.
Den Glauben hochhalten
Matthias Elger (melger)
- 23.09.2011, 20:03 Uhr