Der Papst kommt nach Berlin und die Kirche sucht sich für den Gottesdienst einen Ort aus, an dem sich nur wenige versammeln und noch weniger ihn sehen können: Das verstanden viele als Gleichnis über den Berliner Katholizismus. Ja, so sei es hier, kleingeistig bis zur Duckmäuserei, phantasielos, weltfremd. Überall auf der Welt sei der Papst ein Star, dem die Menschen zuströmten; in Berlin aber hätten seine Leute Angst, es werde niemand kommen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD, katholisch) ließ es sich nicht nehmen, spöttisch zu erklären, er würde für diesen Gast ein größeres Format wählen. Nun wird es das Olympiastadion, die 70.000 Karten sind vergeben, und es gibt einen neuen Bischof, um den Papst willkommen zu heißen.
Berlin sei die Hauptstadt des Atheismus, heißt es oft. Missionierende Gruppen sind hier jedenfalls die Atheisten, nicht Christen, Juden oder Muslime. Vor allem die politische Linke fühlt sich vom Papstbesuch herausgefordert, Kritik an ihm und der Kirche, an Sexualmoral und Fehlverhalten möglichst scharf und für alle sichtbar vorzutragen. Zugleich aber bewegt sich der Katholizismus in Berlin politisch aus der engen Nische des fast Privaten heraus.
Zu Mauerzeiten fanden in etlichen Ost-Berliner Gemeinden Fronleichnamsprozessionen innerhalb der Kirche statt, und in West-Berlin sah man allenfalls im Auto der prominenten Konvertitin Hanna-Renate Laurien (CDU) mal das Gebetbuch auf der Hutablage. Doch beim – gescheiterten – Volksbegehren „Pro Reli“, mit dem der Religionsunterricht als ordentliches Schulfach eingeführt werden sollte, lernte die Öffentlichkeit vor zwei Jahren engagierte und argumentationsfreudige Katholiken kennen, und diese knüpften ihrerseits mit Protestanten und Muslimen engere Kontakte.
Über zwanzig Prozent der Berliner Katholiken sind fremdsprachig
Fast 400.000 Gläubige hat das Erzbistum Berlin, die meisten von ihnen leben in Berlin, 123 in Sachsen-Anhalt, 13.000 in Vorpommern, 65.000 in Brandenburg. In Ost-Berlin bilden sie fünf Prozent, in West-Berlin elf Prozent der Gesamtbevölkerung: Berlin ist Diaspora. Der fast 240 Jahre alte Dom St. Hedwig war der erste katholische Kirchbau seit der Reformation. Über zwanzig Prozent der hiesigen Katholiken sind fremdsprachig, polnisch, portugiesisch, indonesisch. Bistum ist Berlin erst seit 1930, seit 1994 ist es Erzbistum. Bis 1930 erledigte trotz der starken Zuzüge von Katholiken etwa aus Schlesien eine „Delegatur für Brandenburg und Pommern“ des Fürstbistums Breslau die katholischen Angelegenheiten. Preußen blieb auch nach dem Konkordat mit dem Vatikan protestantisch geprägt.
Zum Minderheitenstatus kamen die politischen Zäsuren und aufeinander folgenden Ausnahmezustände hinzu. Erst die eine Diktatur, dann die andere, die Teilung schließlich und der Mauerbau – und schließlich, als glückliche Wendung nach der friedlichen Revolution, die Wiedervereinigung. „Erstaunlich bruchlos“, sagt Michael Höhle, Pfarrer der Gemeinde Heilige Familie in Prenzlauer Berg und Vorsitzender des Diözesangeschichtsvereins, seien Ost- und West-Kirche wieder zusammengegangen. Höhle wurde eine Woche vor dem Mauerbau getauft, im Jahr 1989 zum Priester geweiht. Seine Pfarrei ist eine typische Berliner Nachrevolutionsgemeinde: Es wird wesentlich mehr getauft als beerdigt, die Fluktuation ist immens, von 6000 bis 7000 Mitgliedern kommen oder gehen 1200 bis 1500 im Jahr.
Die können uns bedrücken, aber nicht vernichten
Die immer neuen Bedrohungen seit Bismarcks Kulturkampf haben in Höhles Augen dem Berliner Katholizismus ein eigenes Aroma aus „Trotz und Gottvertrauen“ verliehen, das besonders stark in Ostdeutschland spürbar sei: Die können uns bedrücken, aber nicht vernichten, sei die Grundstimmung unter den Gläubigen. Zu den Trouvaillen des Historikers Höhle gehört ein kurzer Text des Jesuiten Franz Rauterkus, der 1931 im „Märkischen Kalender“ erschien, „Zur Charakteristik des Berliner Katholizismus“. „Recht verstanden ist der Berliner Katholik katholisch aus Opposition“, heißt es darin, und: „Der Diaspora-Katholik drängt auf Gründung einer Pfarrei, auf die Errichtung einer Kirche, und er ist dann von einer Opferwilligkeit, wie er sie sich selber früher nie zugetraut hätte“. Zwei Zeugnisse dieser Aussage, moderne Backsteinkirchen für die rasch wachsenden Gemeinden in Berlins Nordosten, gehören zu Höhles Pfarrei, St. Augustinus von 1928 und Heilige Familie von 1930.
In der Finanzkrise des Bistums 2003 zeigte Georg Kardinal Sterzinsky Format. Er übernahm die Verantwortung, entschuldigte sich bei den Gläubigen, und bat um Spenden. Aus 207 Gemeinden wurden seither 105. Die Ära Sterzinsky ist in diesem Jahr zu Ende gegangen; der Kardinal starb, schwer krank, nachdem der Papst ihn von seinem Amt entbunden hatte. Die Kunst der Rede beherrschte er nicht, was auffiel, weil sein evangelisches Pendant, Bischof Wolfgang Huber, eine so starke rhetorische Begabung ist. Sterzinsky setzte in seiner Amtszeit (von 1989 an) dennoch starke Akzente. Die Aussöhnung mit Polen war ihm Herzenssache; ausdrücklich distanzierte er sich von Plänen, das „Zentrum gegen Vertreibungen“ in der St. Michaels-Kirche anzusiedeln, ohne zuvor einen umfassenden Konsens über die Einrichtung eines solchen Zentrums erzielt zu haben. Entschieden setzte er sich für Menschen ein, die ohne Papiere und illegal in Deutschland leben.
Fürsorge für Leib und Geist
Wo die katholische Kirche Caritas übt, genießt sie im angeblich gottfernen Berlin Ansehen, bekommt sie Zuspruch. Die Franziskaner ernähren seit Jahren 500 Menschen am Tag in einer „Suppenküche“ in Pankow, dort können Obdachlose duschen, neue Kleidung und Trost bekommen. Die Einrichtung „Offene Tür“ gilt als zeitgemäße Version dessen, was der als „Weltstadtapostel“ bekannte Priester Carl Sonnenschein nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin etablierte: eine seelsorgerische Infrastruktur plus Fürsorge für Leib und Geist. Was der damals junge Clemens August Graf von Galen 1910 von einer Erbschaft in Berlin-Kreuzberg baute, eine Kirche samt Kolping-Hospiz für 200 Gesellen, hat jedoch in Berlin keine Tradition begründet. Der „Herz-Jesu-Marxismus“ hat seine Hochburgen anderswo.
Wer damit gerechnet hatte, die Zusammenführung der geteilten Stadt und der Umzug von Parlament und Regierung würden automatisch einen modernen Großstadtkatholizismus mit starker Ausstrahlung in die Gesellschaft und die Politik entstehen lassen, wurde enttäuscht. Noch immer gilt, was Rauterkus vor siebzig Jahren feststellte: Weil der Berliner Katholizismus „wesentlich zugewandert“ sei, fehle ihm „das Einheitliche und Geschlossene“. Das ist so geblieben. Hier gab es keinen Honoratiorenkatholizismus, sondern es war die katholische Kirche eine der kleinen Leute. Waren es Anfang des 20. Jahrhunderts die Schlesier, gibt es heute eigene Gemeinden für Rumänen und Vietnamesen und Gottesdienste in englischer Sprache: „In der Kirche ist niemand fremd“ hieß das bei Sterzinsky. Und in einer Großstadt fährt mit der U-Bahn in die Nachbarkirche, wer die Predigten des neuen Kaplans nicht mag – falls er den Gottesdienst überhaupt regelmäßig besucht.
Die Katholische Akademie in der Hannoversche Straße ist eine der neuen katholischen Adressen in Berlin. Dort spricht etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel über das christliche Menschenbild. Dort entsteht eine Zeitschrift „für Religion und Moderne“, „Fuge“, dort zeigt man Samstags die Fernsehserie „Brideshead Revisited“, mit Einführungsvortrag und englischen Sandwiches in den Pausen. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat sein Büro nahe einem der seltenen Berliner Kirchenneubauten, St. Canisius in Charlottenburg. Katholische Kindergärten und Schulen sind beliebt. Überregional bekannt, um nicht zu sagen berüchtigt, wurde die von Jesuiten geführte Schule Canisius-Kolleg. Ausdrücklich unterstützt von Kardinal Sterzinsky machte ihr Leiter Klaus Mertes die lange verschwiegene sexuelle Gewalt gegen Schüler öffentlich.
@Stefan Neudorfer
Stefan Wisheu (fillmore48)
- 22.09.2011, 18:14 Uhr
@Kai Schraube:..mit den Institutionen des Katholizismus seine Probleme haben..
fred meier (Sikasuu)
- 22.09.2011, 17:37 Uhr
Alle Karten vergeben......
fred meier (Sikasuu)
- 22.09.2011, 17:32 Uhr
Die (selbstgefällige) Linke und die Kirche
Kai Schraube (schrauber)
- 22.09.2011, 16:34 Uhr
"Kein guter Hirte"
Doris Jung (DorisJung)
- 21.09.2011, 18:12 Uhr