Wie Martin Luther beim Reichstag von Worms 1521 ist jetzt der Papst aufgetreten: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Beseelt von seiner Theologie, ihren Grundsätzen und nicht zuletzt von seinem Amt hat der Deutsche Benedikt XVI. in Berlin, Erfurt und Freiburg seinen Landsleuten jedweder Konfession erklärt, wie sich der Katholizismus aus seiner Sicht wandeln müsse, um die Kirche in einer Welt zu bewahren, in der Gott zunehmend als Gegner gesehen wird. Der Papst bediente sich Luthers im Erfurter Augustinerkloster vor Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht nur als Stichwortgeber. Für Benedikt ist die Besinnung auf Christus als Maßstab für die Auslegung der Bibel ebenso wichtig wie einst für Luther: „Was Christum treibet“, sei entscheidend, sagte jener. Der Papst stimmt ihm zu: Voraussetzung für ein „Leben in Christus“ sei, dass „Christus die Mitte unserer Spiritualität bestimmt, die Liebe zu ihm, das Mitleben mit ihm“. Das könnte Luther gesagt haben.
Mit dem Alter scheint Ratzinger Luther immer näher zu kommen. Jetzt schreibt er die „Biographie“ zu „Jesus von Nazareth“. Aus den zunächst geplanten zwei Bänden werden drei; denn über Jesu Jugend will der Papst gründlicher nachdenken. An jeder modernen Bibelkritik vorbei stellt er dabei Jesus so dar, wie er aus den Evangelien gelesen werden sollte. Nichts anderes hatte auch Luther im Sinn. Jener Reformator besaß allerdings noch nicht die modernen Mittel der Textforschung und der Archäologie, während der Papst bewusst darauf verzichtet. Sonderbarerweise wird Luther in der päpstlichen Jesus-Biographie nach dem „Register der Eigennamen“ nicht ausdrücklich zitiert. Dabei scheut sich Benedikt auch sonst nicht, Luther zu nennen. Sonderbarerweise erwähnte der Papst Luther auch nach dem EKD-Treffen beim Ökumenischen Gottesdienst nicht mehr, so dass jene, die vorher nicht im Kapitelsaal zugehört hatten, den Eindruck gewannen, Benedikt habe theologisch nichts mit Luther gemein.
„Selbstgemachter Glaube“
Luther kam in der Predigt nicht vor. War das Zufall? Soweit aus der Umgebung des Papstes bekannt ist, schrieb Benedikt seine 18 Texte für den Deutschland-Besuch selbst. In manche flossen mehr, in andere weniger Anregungen seiner Berater ein. Natürlich legte der Papst seine Predigten und Reden nach dem Diktat nicht mehr jenen Ratgebern vor. Jetzt heißt es, der Chef der Einheitskongregation, Kurt Kardinal Koch, habe sich in der Erfurter Predigt kaum wiedergefunden, in welcher der Papst dem Irrtum begegnete, er wolle an der Wirkungsstätte Luthers ein „ökumenisches Gastgeschenk“ abgeben. Vielmehr räumte Benedikt mit dem „Missverständnis“ von Ökumene auf, in dem „laue Christen“ einen „selbstgemachten Glauben“ lebten, je nach „Abwägung von Vor- und Nachteilen“ für einen ökumenischen Weg. Der Papst trat für die „Ernsthaftigkeit des Glaubens“ ein, die sich auch in der Ethik widerspiegeln müsse, bei Empfängnisverhütung, Embryonenforschung oder der Sterbehilfe, in Fragen also, in denen die Evangelischen offenbar „lau“, die eigenen Katholiken aber auch nicht so streng argumentieren, wie es der Papst von seiner Kirche verlangt.
Benedikt erklärte vor den EKD-Vertretern und andernorts ausführlich, warum das strenge Dogma, also die strenge Glaubenslehre, für eine sich von der Welt absetzende Kirche nötig sei, um Kirche zu retten. Dass er unter der Spaltung leide, sagte er nicht nur der EKD in Erfurt. Dass sein „Herz nach mehr Gemeinsamkeit brennt“, hatte er schon in der evangelischen Christuskirche in Rom gesagt. Aber der Papst sieht sich nicht in der Lage, selber den evangelischen Kirchen näher zu kommen. Er teilt ihr Amtsverständnis nicht, weiß nicht, wer für wen spricht, und viele Züge der vielfältigen evangelischen Theologie sind ihm fremd. Da hätte die Erläuterung der Gastgeber einsetzen müssen. Aber die EKD-Führung nutzte in Erfurt nicht die Chance, theologische Pflöcke einzuschlagen.
Kritik an der deutschen Kirche bleibt unbemerkt
Die EKD schien dem theologischen Denken Ratzingers nicht gewachsen. Die Reden an den „lieben Bruder in Christus“ waren einfach. Die EKD genoss den historischen Moment, den Papst in jenen Mauern zu wissen, wo einst der Reformator wirkte, der bis heute aus der Kirche ausgeschlossen ist. Sie sprach für das Fernsehen, das diese Begegnung, den Brudergruß zwischen Papst und dem EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider festhielt. Deswegen reagierten die EKD-Vertreter bei der anschließenden Pressekonferenz zunächst begeistert. Ihr würden für immer die Worte „zusammen“ und „gemeinsam“ in Erinnerung bleiben, sagt Frau Präses Katrin Göring-Eckardt zunächst, wo der Papst doch gerade viel bisher Gemeinsames aufkündigen wollte.
Unbemerkt blieb dabei, dass der Papst in Erfurt auch mit seiner deutschen Kirche ins Gericht ging. Er verbat sich Kritik am Zölibat: „Die Ernsthaftigkeit des Glaubens zeigt sich vor allem dadurch, dass er Menschen inspiriert, sich ganz für Gott und von Gott her für die anderen zur Verfügung zu stellen.“ In einigen Monaten könnte sich zeigen, dass die Ökumene durch den Papstbesuch weniger angeschlagen ist als die katholische Kirche, auch wenn es Protestanten kränkt, dass der Papst den Orthodoxen in Aussicht stellte, dass es bald das gemeinsame Abendmahl mit ihnen geben werde, während davon bei der EKD nicht die Rede war. Seiner eigenen Kirche wirft der Papst vor, sie sei in vielen theologischen und ethischen Fragen zu evangelisch geworden. Der ökumenische Dialog leide auch darunter, dass die katholische Kirche die eigenen Positionen aufweiche.
Gegen den Zeitgeist
In deutscher Klarheit wetterte der deutsche Papst gegen den Zeitgeist. Wo alle reicher werden wollen, müsse sich die Kirche „des weltlichen Reichtums entblößen und sich ganz der weltlichen Armut annehmen“. Das klang nach einer zweiten Reform von Cluny, nach dem Ruf an die Mönche jenes Klosters, in aller Strenge und Armut zu arbeiten und zu beten. Der Ruf machte um 900 Kirchengeschichte.
Seit 2008 verlangt die Kurie von den deutschen Bischöfen, auf die Kirchensteuer zu verzichten, und sie bekommt keine Antwort. Während der letzten Messe in Freiburg meinte fast weinend eine Frau, wie schön wäre es doch, würde der Papst mehr Mitleid zeigen, mehr Barmherzigkeit als Strenge. „Ich bete vor Gott darum, dass der Papst beim Abschied dem Ehepaar Wulff sagt, ihr werdet bald gemeinsam Kommunion feiern können“, sagte die Katholikin mit Blick auf den Präsidenten, der in zweiter Ehe verheiratet ist.
Der Papst reiste mit fertigen Redemanuskripten nach Deutschland. Selten wich er vom römischen Text ab: einmal in Erfurt, um frei über die Bindung der Heiligen aus Thüringen an Rom zu sprechen. Gerührt war er beim Treffen mit Missbrauchsopfern. Sanft ging er mit der Jugend um. Die strömte zu ihm, aber sie feierte - so sagten viele - mit ihm vor allem ihr eigenes Fest. Bald wird man sehen, ob die Ökumene gelitten hat oder tiefer wird, ob der Papst die deutschen Katholiken neu gewonnen oder - wie offenbar in Teilen Österreichs - verloren hat.
Luther und der Papst
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 27.09.2011, 23:50 Uhr